×

Corona killt eine Schweizer Vergewaltigungsform

Uhr
Wäääh, ein Kuss. Nicht alle mögen diese Begrüssungsform.
Deborah
von Wartburg

Danke Corona. Ich finde das wird viel zu selten gesagt. Klar, das Virus richtet weltweit Schaden, Zerstörung und Leid an, es hat aber auch positive Effekte. Da wäre zum Beispiel die wunderbar ruhige Homeoffice-Zeit. Auch wenn ich meine Redaktionsgspänli gern habe, wünsche ich mich in Momenten, in denen ich mein Gesprächspartner am Telefon dreimal bitten muss, das Gesagte zu wiederholen, weil nebenan lautstark die Zmittagspläne verhandelt werden, wehmütig in die Shutdown-Zeiten zurück.

Wichtiger und vor allem auch nachhaltiger ist aber, dass Covid-19 eine Schweizer Unart aus dem täglichen Leben verdrängt hat, die ich nie verstanden habe und die durchaus als übergriffig und problematisch einzustufen ist: die Begrüssungsküsschen. Als ich vor etwa 15 Jahren in die Schweiz gezogen bin, war das der grösste Kulturschock. Man trifft Freunde, die bringen Freunde mit, die man nicht kennt. Und Schwupps, bevor man sich überlegen kann, wie man die neuen Nasen findet, drücken diese Unbekannten einem schon ihre feuchten Lippen auf die Wangen. Zweimal, dreimal, bei den frankophilen sogar viermal. Manchmal ist man sich über die Anzahl Küsschen nicht einig und dann landet ein verirrter Kuss an Stellen, an denen er noch weniger erwünscht ist. Eklig.

Besonders problematisch finde ich, dass der Impuls, sich nachher die nassen Backen mit dem Handrücken trocken zu wischen, als unhöflich empfunden wird. Die Schweiz erwartet von mir, dass ich meine persönliche Abscheu herunterschlucke und diese unerwünschte Nähe toleriere. Sonst gelte ich als asozial. Diese Erwartungshaltung fühlt sich falsch an. Und ein bisschen wie eine Vergewaltigung light durch die Höflichkeitsgesellschaft. Deshalb, danke Corona, dass du dem Schweizer Volk diese Perversion aus der Knigge-Welt ausgetrieben hast. Mögen die distanzierten Corona-Fäuste, die Ellbogenstupser und die – sehen bescheuert aus, sind aber mein persönlicher Favorit – klassischen Winker ewig leben.

Kommentar schreiben

Kommentar senden

Das mit den Begrüssungsküsschen hat tatsächlich ein wenig überhand genommen. Die Schweiz ist meines Wissens sowieso einzigartig mit den 3 Küsschen gewesen. In den meisten Ländern waren es nur zwei oder gar nur eines.