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Väter, bitte geht mir aus den Augen

Uhr
Foto: Pixabay
Lukas
Elser

Vater sein ist schön. Den ganzen Tag Grimassen schneiden, auf einem viel zu kleinen Plastikauto herumkurven und Formel-1-Geräusche von sich geben, alle drei Stunden mit dem Kindchen ein Nickerchen machen. Und jeden Furz, den man fahren gelassen hat, kann man dem noch unmündigen Nachwuchs in die Schuhe schieben.

Aber jedes Mal, wenn ich Kinderterritorium betrete, verspüre ich diesen nervigen Zwang, mich mit all den anderen Vätern zu vergleichen. Zum Beispiel neulich beim Planschbecken in der Badi. Zu meiner Linken steht ein Vater in Klettersandalen und Pludderbadehose, die er sich bis unter die Achseln hochgezogen hat. Zu meiner Rechten habe ich das andere Extrem auf der Väter-Skala: Den stylishen Bartträger. Seine Unterarme zieren Sternen-Tattoos, er trägt eine Sonnenbrille, die ein bisschen aussergewöhnlich ist, und zieht sein auf die Farbe seines Old-School-Rennvelos abgestimmtes T-Shirt auch in der Badi nicht aus. Dafür ist es einfach zu cool. Er könnte 20 sein, ist aber tatsächlich weit über 40.

Der Linke zieht sich in aller Öffentlichkeit seine Badehose aus und streckt mir ohne Scham sein behaartes Hinterteil entgegen. Sein bereits etwas älteres Kind nimmt davon keine Notiz. In den gemeinsamen Ferien am FKK-Strand ist die ganze Familie nackt. Der Rechte würde sich nie auf solch primatenhaftes Verhalten herunterlassen. Bei allem, was er macht, hat er stets die Wirkung, die er auf seine neidischen Zuschauer hat, im Blick. Egal, ob er dem Kind einfühlsam die Windeln wechselt oder mit ihm den Handschlag übt – er spricht stets so laut, dass sein Publikum mithören und Teil des pädagogisch wertvollen Daddy-Kind-Spektakels wird.

In solchen Momenten steigt eine der drei grossen philosophischen Fragen in mir auf: Wer bin ich? Das kann ich auch nach dieser essayistischen Abhandlung nicht beantworten. Eins weiss ich aber: Ich geh nie mehr in die Badi.

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