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Essen im Schimmel-Himmel

Essen im Schimmel-Himmel

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Früchte
Früchte, Gesundheit
Früchte sehen leider nicht lange so schön aus. Foto: foto-net / Kurt Schorrer

 

 

 

In der Schule zog ich eines Tages etwas Seltsames aus dem Thek. Es war vertrocknet, hart und braungrau – wie der Finger einer Mumie. Das mysteriöse Schrumpelding entpuppte sich beim näheren Betrachten als Rüebli, das wohl schon seit Jahren unter meinen Heften vor sich hin gammelte.

Seitdem kommt mir der mahnende Zeigefinger immer in den Sinn, wenn ich in meiner Küche verschimmelte Lebensmittel vorfinde. Leider passiert das ziemlich oft. Etwa gestern Abend, als ich ein seit einer Woche herumliegendes Tupperware ausschrubbte. Mit Details will ich den Leser verschonen. Nur so viel: Es war eklig und beschämend. Denn eigentlich bin ich überzeugte Foodwaste-Gegnerin.

Als Kind durfte ich den Tisch erst verlassen, wenn der Teller leer war. Da ich mit vier Brüdern aufwuchs, gab es bei uns kaum Reste. Zumindest bekam ich nichts davon mit, denn ich war nicht diejenige, die den Kühlschrank putzte.

Seit ich in einer WG wohne, trete ich aber immer wieder in die Schimmelfalle. Anders als meine Pflanzen gedeiht der Schimmel prächtig in meiner Obhut. Es passiert so schnell: Allfällige Reste landen rasch in den Tiefen des Kühlschranks - nach dem Motto: Aus den Augen, aus dem Sinn. Sie verweilen dann neben der hässlichen Konfi, die ich sowieso nie essen werde. Dort schimmeln die Produkte dann um die Wette. Und wenn sich der Pilz dann eingenistet hat, verfüge ich über die Lizenz zum Wegschmeissen.

Scheinbar bin ich nicht die Einzige: 45 Prozent des Schweizer Foodwastes passiert in den Haushalten. Das macht 117 Kilo pro Kopf und Jahr. Oder eine ganze Mahlzeit pro Tag. Doch niemand redet darüber. Reste werden still und heimlich in den Kübel gekehrt.

Ich aber will diese Verschwendung jetzt mindern. Indem ich zum Beispiel gezielt einkaufe. Und wenn mich auf Schnäppchenjagd das Drei-Kilo-Pack Mandarinen anlacht, stelle ich es mir einfach im schimmligen Zustand vor. Dann vergeht mir plötzlich die Lust darauf. (Laura Hertel)

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