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Die Angst vor der Stille

Die Angst vor der Stille

Uhr
Michael
Kuratli

Manchmal summe ich auf dem Nachhauseweg Ed Sheeran vor mich hin. Oder pfeife gedankenverloren Luca Hännis ESC-Hit. Meistens trage ich dabei eine Kartontüte mit Lebensmitteln, denn normalerweise infiziere ich mich beim Coop-Radio oder in der Migros mit den Ohrwürmern. Die Charthits aus den Supermarktlautsprechern bleiben an mir kleben wir die Strichcodeetikette an der Banane.

Doch seit einiger Zeit, schleichen sich knackig designte Trommelrhythmen und zur Unkenntlichkeit geschliffene Stimmchen schon am frühen Morgen in meine Hirnwindungen und verdrängen das letzte Quäntchen Ruhe aus meinen Gedanken.

Die Dauerbeschallung breitete sich parallel zum Rauchverbot langsam an den Bahnhöfen aus. Mittlerweile berieselt jede Station, die nur wenig mehr als einen Kiosk beheimatet, Reisende mit Charts. Jeder Verkehrsweg wird zur unausweichlichen Durchquerung des Soundteppichs einer Mall.

Es ist zwar nicht neu, dass Läden den Weg zum Gleis säumen. Doch in der musikfreien, pragmatischen Atmosphäre vorbeihuschender Pendler hielt immerhin die Illusion stand, es handle sich bei den Einkaufsgelegenheiten um eine Nebensache.

Doch seit die SBB ihre Lautsprecher ­– statt wichtigen Durchsagen vorzubehalten – für die allgemeine Berieselung mit mittelmässiger Musik benutzen, haben sie ihr wahres Gesicht gezeigt: Die Bundesbahnen sind in Wahrheit eine Kette von Shoppingzentren, die über ein sehr leistungsfähiges Shuttlesystem zwischen ihren einzelnen Standorten verfügen.

Glauben Sie nicht, ich wäre ein heilloser Nostalgiker, der denkt, ein Bahnhof sei ein Bahnhof sei ein Bahnhof und sollte mit Shopping nichts zu schaffen haben. Im Gegenteil finde ich es ein erfreuliches Zeichen, wenn der öffentliche Verkehr belebt ist. Und mehr als einmal habe ich mich schon selbst am Sonntag beim Self-Checkout wiedergefunden, weil, ach… ja ich hab‘s verhängt, unter der Woche Klopapier einzukaufen.

Die SBB meinen es wahrscheinlich nur gut. Irgendein Standortspezialist muss ihnen empfohlen haben, das Feeling ihrer täglich von Zehntausenden frequentierten Orte mit Hilfe von poppiger Musik aufzuwerten.

Nur: Ein Bahnhof hat bereits seinen eigenen Sound. Schleifende Gleise, Durchsagen, die sich an den steinernen Wänden überschlagen, klackende Absätze und zwischendurch eine kurze Stille, die sich über die Gleise in die endlose Ferne verlängert, als ewiges Versprechen der grossen, weiten Welt.

Nicht nur meiner mentalen Gesundheit zuliebe wäre diese Pause im Geräuschteppich Gold wert. Deshalb, liebe SBB: In dieser immer dichter getakteten Welt, habt bitte den Mut, den einen oder anderen schlechten Beat auszulassen.

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