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Wenn Geheimtipps zu erfolgreich sind

Wenn Geheimtipps zu erfolgreich sind

Uhr
Silvie
Hauser

Jeder kennt vermutlich einen Ort, den man weiter empfiehlt, weil er toll ist. Doch irgendwann kommt der Punkt, an dem zu viele Leute ihn weiter empfohlen haben oder tolle Bilder davon auf Facebook und Instagram geteilt haben. Der tolle Ort ist dann plötzlich nicht mehr so prickelnd.

Natürlich ist Tourismus heute für viele Orte und Geschäfte eine wichtige Einnahmequelle, und selbstverständlich ist eine mittelalterliche Unesco-geschützte Altstadt bezaubernd und sehenswert. Doch wo ist die Grenze, an der ein Ort seine Seele verkauft und nur noch eine gewinngeile Touristenhure ist?

In der Altstadt findet sich bald in jedem Gebäude ein Souvenirshop, ein Cafe oder besser gleich beides. In den Geschäften redet kaum noch jemand die Landessprache, dafür spricht das Verkaufspersonal Englisch, Russisch, Deutsch und fliessend Kapitalistisch.

Kirchen sind keine Kirchen mehr, sondern nur noch Gebäude, durch die man so viele Menschen wie möglich pro Stunde durchschleust und bei jedem die Hand aufhält.

Die leicht schummrige Bar mit zusammengewürfeltem Inventar, in der man spottbillig Riesenportionen von gefüllten Pfannkuchen bekommt, war früher ein beliebter Treffpunkt für Einheimische – Touristen verirrten sich nur selten hierher. Dank Google Maps und Restaurantbewertungen muss man heute mit einer riese Touri-Schlange rechnen und mindestens eine halbe Stunde anstehen nur um eine Bestellung abgeben zu können. Einheimische? Fehlanzeige.

Manchmal frage ich mich, wo das alles hin führen soll. Kann Werbung auch zu erfolgreich sein? Kann man sich auf den gesunden Menschenverstand verlassen, oder wird der ausgeschaltet, wenn Gewinn winkt? Werden die Touristen in Kreuzfahrtsschiffen und Bussen so lange herangekarrt, bis sie selber in den Streik treten, weil sie schlicht vor lauter Touristen die Stadt nicht mehr sehen?

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