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Besuch der alten Dame

Besuch der alten Dame

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Foto: David Marti
David
Marti

Mia sollte ein halbes Jahr zu uns in die Ferien kommen. Mia ist eine 16-Jährige Katzendame. In Menschenalter umgerechnet, müsste sie jetzt eigentlich Enten füttern gehen, aber sie pflegt jeweils, das Brot selber zu fressen –mit Entenleberpastete. Die Katze gehört meiner Schwester, die wollte ein halbes Jahr ohne Katze auf Weltreise gehen. Weil sich Mia immer so schnell ablenken lässt, durfte sie das Auto nicht alleine die 60 Kilometer lange Strecke bis zu uns nach Hause steuern. Das stinkte ihr offenbar gewaltig.

Denn als meine Freundin und ich noch die Hausordnung und den Ämtliplan für die Katze verfassten, hörten wir sie schon lauthals klagen. Vom Balkon sahen wir das Auto meiner Schwester, das mit einem Affenzahn die Auffahrt zu unserem Wohnblock hochfuhr. «Mauu», machte das Auto. Musste einer dieser neuen «Katzalysatoren» sein, dachte ich. An dieser Stelle sei angemerkt, dass ich das überhaupt nicht dachte und ich mich auch ein bisschen schäme für das verlauste Wortspiel, aber Sie verstehen, liebe Leserin, lieber Leser, es ist eine Katzengeschichte, die muss Länge haben und flach bleiben wie ein überfahrener Strassenkater.

Also, das Mau-Mobil parkte vor unserem Block und meine liebe Schwester und mein lieber Neffe brachten Mia in einem Käfig in unsere Wohnung. Mittlerweile vermutete ich, dass die Katze überhaupt nicht gefragt wurde, ob sie zu uns in die Ferien gehen möchte. Ich wollte das Mia mit einem bedauernden Schulterzucken mitteilen, so wie es möglicherweise ein liberaler Gefängniswärter in Guantanamo bei der Begrüssung von frisch eingelieferten Häftlingen tat, aber die Katze rannte ohne mich anzuschauen unter das Bett und blieb dort sechs Monate ohne sich jemals über den mangelhaften Zimmerservice zu beklagen.

In Wirklichkeit war sie nur ein paar Stunden unter dem Bett. Und machte danach Party ohne uns zu fragen.

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