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Die Kinderfanatiker

Die Kinderfanatiker

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Eine Geburt kann Risiken bergen. (Symbolfoto: PD)
Lukas
Elser

Ein Kind zu bekommen ist sicher eine schöne Sache. Doch das ganze Tamtam rundherum ist der totale Wahnsinn. Da gibt es Kindergeburtstage, die sich anfühlen als wären sie Hochzeitsfeiern in einem Königshaus. Da sind Willkommenspartys, sogenannte «Baby-Showers», obwohl das Kind noch gar nicht da ist. Und es gibt Lautsprecher, die sich die schwangere Frau vaginal einführen kann, um das kleine Ding bereits pränatal musikalisch zu fördern. Am besten soll da leichte Klassik funktionieren – die kultiviert, regt das Baby aber nicht unnötig auf.

Wild werde der Kinderzirkus im Geburtssaal, wie mir eine Hebamme kürzlich im Geburtsvorbereitungskurs erzählt hat. Manchen Eltern ist der als Drogenrausch beschriebene Glückzustand, wenn sie das kleine Wunder in den Händen halten, noch nicht genug. Sie wollen auch die Plazenta ehren. Die einen graben den Mutterkuchen ein und pflanzen auf dem  Stück Erde einen Baum. Andere werfen das Stück als Fleisch für ein Festessen auf den Grill.

Die Motivation beim Organ-Gärtnern lässt sich noch nachvollziehen – in der Eltern-Mythologie wird der Nachwuchs so ewig mit Nahrung versorgt. Beim Barbecue stellen sich aber Fragen: Kann man so etwas von der kindlichen Energie abzapfen, wie beim Jungbrunnen? Geht es um Foodwaste? Oder soll sich der Kreis wieder schliessen, der Bauch als Anfangs- und Endpunkt allen Lebens sein?

Wie auch immer: Die Kinderfanatiker sollten es aber nicht übertreiben. Die Vergötterung kann riskant fürs Kind werden. So soll im Zürcher Unispital einmal ein Vater unerlaubterweise beim Kaiserschnitt auf einen Drehstuhl gestiegen sein, um die Geburt mit der Kamera einzufangen. Es ging schief. Er fiel vom Stuhl, riss beim Fallen gleich das sterile Tuch mit, die Kamera verfehlte den Babykopf nur knapp; er selbst musste verarztet werden.

Vielleicht wäre es ja ganz gut, würden die Männer wie zu Grossvaters Zeiten wieder aus dem Geburtshaus verbannt.

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