×

Der kriminelle Knobli – von chinesischen Zähnen geschält

Uhr
Lea
Chiapolini

Meine Mutter behauptet immer, sie hätte während ihren Schwangerschaften mit mir und meiner Schwester extra viel Knoblauch gegessen, damit wir bereits von klein, sozusagen vom Embryo auf daran gewöhnt seien. Sie sollte Recht behalten und nun passen wir beide wunderbar in unsere knoblauchverrückte Familie.

Beim Fondue das Caquelon mit einer Knoblizehe ausreiben? Solche Anweisungen rufen in meiner Sippe höchstens ein müdes Lächeln hervor. Da muss Knoblauch rein! So richtig viel! Ganz mutige Rezepte raten zu zwei bis drei Zehen – doch wir reden hier von zwei bis drei Knollen. Mindestens.

Ail d'Angelo – der beste Marktstand am Uster Märt. (Foto: Lea Chiapolini)

Beim Raclette mit Freunden werde ich regelmässig ausgelacht, weil ich zusätzlich zum Knoblauch-Käse auch noch geschnittene Zehen auf dem Pfännchen verteile und als Beilage in Öl eingelegte Knoblis verputzte. Für mich ist auch jedes Jahr am Uster Märt der Knoblauchstand das Highlight, der über zwölf solcher Versionen anbietet – mit Curry, Rotwein, Chili, Kräutern… Der Dealer meines Vertrauens eben.

Wir lieben Knobli. Soviel zur hübschen Vorgeschichte. Denn ab jetzt wird’s gruusig. Die Netflix-Serie «Rotten» (Englisch für «Verdorben») widmet sich den unschönen Seiten der Nahrungsmittelindustrie. Egal ob Erdnüsse, Honig, Fisch, Milch – man erfährt mehr über all die üblen Machenschaften, die im Hintergrund der Verkaufsregale ablaufen, als einem lieb ist. Eine Folge dreht sich um die scharfe Knolle. Ich wäre gerne auf meiner unschuldigen Knoblifahne weitergeschwebt, fern jeglicher Kritik oder Misstöne. Doch ich musste mich der Wahrheit stellen. Und sie traf mich wie ein Schlag.

Die aufgedeckten Knoblauch-Kartelle, dreckigen Verträge und Klagen, mit denen sich amerikanische Produzenten herumschlagen müssen, waren nicht das Schlimmste am Dokumentarfilm. Sondern die Tatsache, dass chinesische Häftlinge Knoblauchzehen schälen müssen, die dann weltweit ausgeliefert werden. Und da Gefängnisinsassen keine scharfen Messer zur Verfügung stehen, müssen sie die Knollen von Hand schälen. Da das Schälen jedoch ihre tägliche Beschäftigung ist, sind die Fingernägel der Häftlinge mittlerweile derart aufgeweicht, dass sie gezwungen sind, ein anderes Werkzeug zu verwenden. Ihre Zähne.

Plötzlich sah ich die grossen Säcke voller vorgeschälter Knoblizehen, die ich während einer Reise durch die USA freudestrahlend im Supermarkt entdeckt hatte, in einem anderen Licht. Und als ich beim nächsten Racletteplausch genüsslich kauend das Etikett auf meinen Lieblings-in-Öl-eingelegten-Knoblizehen las, blieb mir das Häppchen quer im Hals stecken. Herkunft: China.

Knoblauch in seiner ganzen, unschuldigen Pracht. (Foto: Pixabay/jill111)

Nach dem potenziell unfreiwilligen Austausch von Spucke mit einem chinesischen Straftäter schwor ich mir einmal mehr, besser auf die Herkunft der Produkte, die ich kaufe, zu achten.

Meine Schwester unterstützt mich da tatkräftig. Sie ist die Königin der Konserven. Gürkli, Zucchetti, Randen – alles landet bei ihr im Einmachglas. So hat sie mich vor ein paar Tagen mit einer Portion eingelegter Knoblizehen überrascht. Diese kommen ursprünglich vom Bio-Markt, schmecken sowieso besser als die gekauften und sind erst noch mit Liebe geschält.

Rechts die potenziell kriminellen China-Knoblis, links die liebevolle Schwester-Variante. (Foto: Lea Chiapolini)

Kommentar schreiben

Kommentar senden

Lässt man die Spuke der Chinesischen Häftlinge weg, kann man davon ausgehen, dass es im Hause Chiapolini bei dem Konblauchkonsum recht angeregt zu und her geht. Handelt es sich doch beim Knoblauch dank den Inhaltstoffen Allicin u.a. Hormone um eine psychoaktive Pflanze, die im verschiedenen Kulturen für ihre aphrodisischen und anregende (euphorisierend) Wirkung "heiss" geliebt ist! Schon die alten Ägypter nutzten den Konblauch als Potenzmittel.