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Blöder Hecht!

Blöder Hecht!

Uhr
David
Kilchör

Als ich klein war, so in der vierten Klasse, da begann einer meiner Freunde zu fischen. Er hatte eine tolle schwarze Angel und widerliche Köder. Er fragte mich manchmal, ob ich an schönen Freitagnachmittagen mit ihm auf einem Pfäffikerseesteg herumlümmeln und Fischlein aus dem See ziehen wolle.

Ich machte mit, weil ich gerade nichts Schlaueres zu tun hatte und mich das mit dem Angeln wundernahm. Eine Angel besass ich nicht. Und mein Interesse an Fisch war bis dahin inexistent. Auch nach dem ersten Anglernachmittag änderte sich nichts daran. Es war nicht nur stinklangweilig, weil man offenbar still sein musste. Wir zogen auch rein gar nichts raus. Und noch schlimmer: Ich sah nicht einen einzigen Fisch durchs Wasser wuseln.

Mein Schulfreund fragte mich wieder. Ich rümpfte die Nase, aber diesmal waren noch zwei andere Jungs mit Angelruten dabei, was, wie ich dachte, die Chance auf einen Fang zumindest geringfügig erhöhen würde.

Ein Irrtum. Aber ich hatte ein höchst faszinierendes Rencontre mit einem Hecht. Ich sah ihn klar und deutlich im stillen Wasser, wie er unter einem Stein hervorspähte. In seinem Blick lag etwas Spöttisches. Er sah unsere Köder und dachte sich offenbar, wir seien dumm. Nie im Leben wäre er auf die Idee gekommen, sich auf unsere wüsten Gummiwürmchen einzulassen.

Manchmal schwamm er etwas vor, blickte kurz herum und verschwand wieder zwischen seinen Steinbrocken. Ich feuerte die Anglerjungs an, diesem hinterhältigen Kerl da unten zu zeigen, wie man einen Fisch rauszieht. Sie warfen ihre Köder in seine Richtung, wackelten mit der Rute, um ihn zu nerven. Doch er blieb stark. Und sein Grinsen voller Häme. Blöder Hund. Also Fisch.

Kurz und gut: Alles Werfen, Anfeuern, Knurren half nichts. Der Hecht liess sich nicht an Land ziehen. Und das Angeln war für mich damit beerdigt. Zu langweilig und erniedrigend, wenn man auch noch von Fischen verspottet wird. Aber eins blieb: Ich wollte seither unbedingt mal einen Hecht auf dem Teller haben. Im Sinne der Vergeltung für die Schmach vom Pfäffikersee.

Kürzlich wars endlich so weit. Ein Wetziker Restaurant hat meinen hinterhältigen Hecht zu guter Letzt aus dem See geholt und auf die Speisekarte gesetzt. Ich also: Tisch gebucht und Hecht bestellt. Die Filets kamen an einem Spinatschäumchen und mit cremiger Polenta daher. Zwei Stücke, recht üppig, knallweiss und mit wenig Eigengeschmack gesegnet.

Als ich ein Stück anschnitt, erblasste ich. Gräten. Alles voll damit. Und nicht von der Sorte, die man halt mal beim Kauen verpasst und mit runterschluckt. Sie waren verzweigt wie Äste und dick wie Zahnstocher. Sofort stellte ich Google die Grätchenfrage. Und die Suchmaschine bestätigte mir: Hecht gleich Gräten.

Nun ist es mit mir ein bisschen schwierig beim Essen. Ich liebe gutes Essen. Und viel Essen. Und ich liebe es, Essen regelrecht zu verschlingen. Mit hohem Tempo. Und nun sitze ich da, versuche mich an einem Wesen zu rächen, mit dem ich eine jahrzehntealte Rechnung offen habe und was macht das Vieh? Es vermiest mir meine Schandtat mit zahnstocherfetten Gräteästen. Blöder Hund!

Also Fisch.

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