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Italienische Verlässlichkeit

Italienische Verlässlichkeit

Uhr
Laura
Cassani

Manchmal bin ich der notorischen Unpünktlichkeit von gewissen Bahnunternehmen ganz dankbar. Zum Beispiel dem jahrelang missglückten Zusammenspiel von SBB und italienischer Trenitalia. Eines war auf der Reise gen Süden immer sicher: Den Anschluss am Mailänder Bahnhof verpasste man. Vor einiger Zeit wurden deshalb die Fahrpläne angepasst – und eine halbe Stunde Mailand-Aufenthalt gehört jetzt zu jeder Italienreise.

Wenn ich also nun in Mailand aus dem Zug steige, dann habe ich mindestens dreissig Minuten Musse. Zu wenig Zeit zwar, um aus der prunkvollen Halle raus zu gehen und etwas norditalienische Luft zu schnuppern. Genug aber für den ersten Kaffee – den ersten von unzähligen in den kommenden Italien-Tagen.

Ein kleiner Schluck

Ganz links, am äussersten Rand der mächtigen Gleishalle, direkt neben der goldig-rot dekorierten Bahnhofskapelle, befindet sich eine kleine Bar. Früher war sie sympathisch heruntergekommen, mit den typischen Fussballclub-Devotionalien an der Wand und italienischen Bonbons neben der Kasse, wenn ich mich richtig erinnere. Seit einigen Jahren strahlt sie – neu renoviert – etwas weniger Charme aus. Zu essen gibt’s jetzt Bagel und Quinoa-Salat statt Panini und Insalata Caprese. Und die Reisenden stehen sich mit ihren Rollkoffern immer im Weg.

Doch das macht nichts. Denn eines ist gleich geblieben und wird es wohl immer bleiben: der Caffè.

Nein, er heisst hier selbstverständlich – wie überall in Italien – nicht Espresso, der kleine Schluck mit haselnussbraunem Häubchen. Der Caffè kommt in einem dickwandigen Tässchen, das so heiss ist, dass man es kaum anfassen kann. Der kleine Schluck ist schnell weg, doch der Geschmack des Kaffees bleibt auf der Zunge haften, intensiv, nicht zu bitter, nicht zu sauer, genau richtig.

Ein bisschen wie eine kleine, edle Praline. Oder: Glück am Bartresen. An jedem Bartresen in ganz Italien, sei es in der Dorfbar irgendwo in der Toscana (ja, dort wo die Fussball-Devotionalien noch an der Wand hängen), im Hipster-Café in der Innenstadt von Napoli oder eben im Mailänder Bahnhofsbuffet – für einen Euro zwanzig.

Vorbereitung auf den Kafi Crème

Doch dieses Glück – es währt leider nur so lange wie der Italienaufenthalt. Denn sobald ich den Schnellzug Richtung Gotthard wieder besteige, bereite ich mich mental auf die helvetischen Selecta-Kaffeeautomaten und wässrigen Kafi Crèmes vor. Ich weiss zwar mittlerweile, wo man am Zürcher Limmatquai oder in der Nähe des Basler Bahnhofs einen feinen Espresso bekommt. Es gibt auch hierzulande – vor allem in den trendigen Quartieren – immer mehr Gastronomen, die sich auf den perfekten Schluck Kafi spezialisert haben – für fünf Franken. Und manchmal überrascht auch irgendwo im Schweizer Hinterland ein heisses Tässchen in einem italienischen Spunten mit seiner Intensität.

Aber nichts kommt an die italienische Verlässlichkeit heran. An das Wissen, jederzeit, überall ein Schlückchen Glück am Bartresen zu finden. Und nie, wirklich nie, eine Tasse lauwarme Brühe.

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