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Ich will nicht teilen

Ich will nicht teilen

Uhr
Laura
Cassani

Teilen macht glücklich, heisst es. Und das finde ich ja grundsätzlich auch. Ich habe meinem WG-Mitbewohner immer gerne den letzten Schluck Milch überlassen. Ich schenke meinen Arbeitskolleginnen gerne ein Stückchen Schokolade. Und ich spende für einen guten Zweck – weil Geld alleine mich nicht glücklich macht.

Doch im Restaurant hört der Spass auf. Vor allem in den hippen Lokalen der kleinen Grosstadt Zürich macht sich seit einiger Zeit ein neuer Trend breit, der mich nicht glücklich macht: die sogenannten «Sharing Plates».

Neuerdings bekommt man nicht mehr einfach einen Teller Essen, sondern ganz viele, kleine Tellerchen mit kleinen Portiönchen von – durchaus sehr feinen – Kreationen des Küchenchefs. Und die soll man dann brüderlich und schwesterlich mit allen am Tisch teilen.

Ein riesiges Durcheinander

So kam es, dass wir kürzlich zu viert in einem neuen Restaurant assen, dass sich mit dem Titel «Wirtshaus» schmückt, und ich abwechslungsweise einen Bissen Brathendl, eine Gabel Eiersalat, ein Stück Wienerschnitzel und zig verschiedene Knödelzubereitungen essen musste.

Es entstand ein riesiges Durcheinander. Im Magen, weil kalt und warm und mild und deftig wild durcheinander gewirbelt wurden. Und am Tisch, denn natürlich fürchteten wir alle insgeheim, vor lauter teilen nicht satt zu werden.

Kulinarische Expertise

Doch damit nicht genug: Das Chaos fängt ja bereits vor dem Essen an. Haben Sie sich schon einmal unter Vegetarierinnen, Tomaten-Verächtern und Laktose-Intoleranten darüber geeinigt, was für alle zusammen auf den Tisch kommen soll?

Zuhause finde ich es schön, wenn alle aus einer Schüssel Pasta schöpfen, wenn der Salat auf einer grossen Platte angerichtet wird, aus der man sich selber bedienen kann. Aber im Restaurant möchte ich einfach meinen Teller ganz für mich. Genau den Teller – kein Tellerchen! –, den ich selber ausgewählt habe. Und ein Teller, der mit viel kulinarischer Expertise für mich komponiert wurde, wo alle Zutaten zueinander passen und sich die Saucen, Beilagen, Geschmäcker perfekt ergänzen.

Und will ich mir die letzte knackige Bohne bis zum Schluss aufsparen können. Ohne Angst, dass sie mir jemand wegschnappt.

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