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Auch Achilles war ein «Grufti»

Auch Achilles war ein «Grufti»

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Wer hat nicht schon mal einen flüchtigen Blick von ihnen erhascht? Dunkle, in langen Ledermänteln gehüllte Schemen, mit schwarzen Fingernägeln, oft leichenblass geschminkt, manchmal auch in barocken Kostümen oder im Steampunk-Outfit. Als seien sie einer Gruft entstiegen, um aus der alltäglichen Zombie-Masse hervorzustechen und einen drastischen Kontrast zur bunten Werbung zu erzeugen, beinahe outfitmässig rebellierend. Wer sie nicht kennt, assoziiert sie vielleicht mit dem umgangssprachlichen Begriff «Grufti», der sich auf das Grabgewölbe bezieht und bei den meisten negative Konnotationen heraufbeschwört. Doch der Stereotyp des verschlossenen, trägen, unnahbaren und in Weltschmerz Badenden, der vielleicht sogar den Teufel anbetet, geht nicht auf.

Lebensfreude, wo andere sie nicht finden

Denn wer die Angehörigen dieser Sub-Kulturen kennt – tatsächlich sind es mehrere, ihre Summe nennt man «Schwarze Szene» – weiss, dass diese sich von anderen Menschen kaum unterscheiden. Durchaus sind gewisse Themen für sie von besonderem Interesse – wie Mittelalter, Romantik, Melancholie, Religion, Übersinnliches usw., aber eben nicht nur – und eben nicht nur für sie. Ziemlich plump finde ich Statements über ebenjene wie: «Ja, Gruftis mögen die romantische Idealisierung des Mittelalters, blenden aber aus, dass es im Mittelalter Kriege und Pest gab.» Für mich in etwa so geistreich, wie wenn man einem Urlauber am Meer verbieten würde, Spass zu haben, weil er ausblenden würde, dass jeden Tag Flüchtlinge im Meer ertrinken.

Auch mögen «Gothics» ein Ambiente, das oft in der Schauerliteratur des 19. Jahrhunderts beschrieben wird, und welches andere möglicherweise als bedrückend empfinden: Nebel, Regen, Friedhöfe, Ruinen, Katakomben usw. Ebenjene Schauerromane nennt man Gothic Novels. Diese waren namensgebend für die «Gothics». Doch trotz der Liebe zu Düsternis und dem Schaurigen haben sie nicht nur Lebensfreude wie andere Leute auch, sondern finden diese sogar in Dingen, wo andere sie nicht vermuten. Gerne würde ich dabei folgenden Vergleich bringen: Trauer und Melancholie sind nicht dasselbe, auch wenn sie von Laien synonym verwendet werden. Wenn jemand Melancholie nur als negativen Zustand ansieht, so blendet er dabei ihre positive Seite aus, ihre Nähe zur Schiller’schen Erhabenheit. Wenn Brad Pitt als Achilles im Film «Troja» zu Briseis sagt: «Die Götter beneiden uns. Sie beneiden uns, weil wir sterblich sind, weil jeder Augenblick unser letzter sein könnte. Alles ist so viel schöner, weil wir irgendwann sterben. Nie wirst du zauberhafter sein als in diesem Moment, nie wieder werden wir hier sein“, so ist Achilles meines Erachtens auch ein «Gothic».

Freundlichste Türsteher

Vielleicht erscheinen ja einige dieser Menschen sensibler, ruhiger und verschlossener als andere. Aber andere wiederum vielleicht nicht. Während man an gewisse Events nur eingelassen wird, wenn der Dresscode stimmt, ist es mir persönlich noch nie passiert, dass ich normal angezogen nicht zu einer «Gothic-Party» eingelassen wurde. Natürlich sollte man einen gewissen Respekt mitbringen und vielleicht nicht als knallbunter Ali-G-Typ mit BLING-BLING und in weissen Trainingshosen erscheinen. Der den Türsteher fragt, ob es viele heisse Schnitten drinnen gäbe. In diesem Falle weiss ich nicht, wie die Reaktion wäre. Aber es würde mich nicht wundern, wenn man selbst einer solchen Erscheinung Einlass gewähren würde. Die Türsteher der «Schwarzen Events» sind immer die freundlichsten. Ich vermute, weil es nie Ärger gibt und sie wissen, dass diese «Szene» die ruhigste ist. Viele – glaube ich – sind selber Teil der Szene.

Meine Kollegen und Bekannten, die noch nie an einer «Gothic-Party» dabei gewesen waren, waren stets positiv überrascht. Die Tanzenden hätten sich sehr elegant und ganz anders als sonst wo bewegt, ausser Kontrolle geratene Besoffene hätte es nie gegeben. Selbst mit dem Auto nachhause gefahren zu werden, wurde einem Kollegen angeboten. Vielleicht ist die düstere Gesellschaft auch deswegen toleranter als andere, weil sie im Alltag öfter gegen Vorurteile zu kämpfen hat als andere. Oder weil sie selbst so breitgefächert ist und mit unendlich vielen Facetten aufwartet. Wer gerne Romantik, Melancholie oder Düsternis – auch Ironie – mag, die Welt nicht in Schwarz und Weiss aufteilt, müsste nicht in Schubladendenken verfallen, sondern fände vielleicht an der Dunkelheit und dem Kerzenlicht Gefallen.

Was ist die «Schwarze Szene»?
Die «Schwarze Szene» ist, wie das Sammelbecken verschiedener Sub-Kulturen genannt wird, ein begriffliches Konstrukt, das eine breite Palette verschiedener Stilrichtungen beinhaltet («Gothic» ist nur eine davon), sowohl in musikalischer wie auch in modischer Hinsicht. Da sind Leute dabei, die ruhige, anspruchsvolle und sinnliche Musik bevorzugen. Oder solche die harte Metal-Musik konsumieren. Solche, die sich wie Cyberpunks anziehen und solche, die Mittelalter-Kleidung tragen. Solche, die immer nur schwarze Sachen tragen und solche, die man während der Arbeit und im Alltag nicht von anderen Personen unterscheidet, die diese Kultur nicht lieben oder leben. Es sind sowohl traditionelle Christen dabei wie auch Agnostiker, Atheisten usw. Es gibt auch welche, die andere Sub-Kulturen nicht schätzen. Oder sich von den «Cybergoths» – «Gothics» mit SciFi-Einflüssen – abgrenzen wollen. Manche wollen provozieren. Andere ziehen sich eher dezent an und halten die übertriebenen Kostüme für nicht ehrwürdig. Auch gibt es welche, die Teile der Community, die den Lebensstil nicht konsequent durchziehen, nicht als ihresgleichen betrachten. Kurzum, es gibt nichts, was es nicht gibt. Ist ja in Vereinen, Sportmannschaften und anderen Bewegungen auch nicht anders, oder?
Insbesondere das Klischeebild des Satanisten entspricht nicht der Realität – der prozentuelle Anteil ebendieser ist in der Regel nicht grösser als beispielsweise bei Bankern oder Kindergärtnerinnen, würde ich meinen. Übrigens bezeichnet sich meines Wissens eben kaum wer jener Leute als «Gothic» oder «Grufti». Entwickelt hat sich die Richtung in den 80ern aus Punk und New-Wave. Viele Bands, die zur «Schwarzen Szene» gezählt werden, sind inzwischen Mainstream geworden: «The Cure», «Depeche Mode», «H.I.M.», «Marilyn Manson» usw.

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