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«Drehen! Drehen! Drehen!»

«Drehen! Drehen! Drehen!»

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PANAMA BOXING
epa06996604 A boxer trains in the gym of the 'cuadra' Los Rockeros in the Santa Ana neighborhood of Panama City, Panama, 03 September 2018 (issued 04 September 2018). In its boxing history, Panama has 30 world champions including Roberto 'Manos de Piedra'
Das Box-Gym ist das sportliche Äquivalent zur Redaktionsstube, lehrt das Leben.
Benjamin
Rothschild

«Lügenpresse!», «Volksverräter!», «Wo bleibt mein Eingesandtes?!» – wir Journalisten müssen uns bekanntlich einiges anhören in diesen Tagen, die Zeiten sind hart, nicht zuletzt im Glattal. Keine Angst, ich will hier nicht im Selbstmitleid versinken, ganz im Gegenteil. Sie, liebe kritische und zu vielem bereite Leser sollten wissen: Wir wappnen uns! So hat die Hälfte der «Glattaler»-Redaktion vor Kurzem das Boxtraining aufgenommen – um allfälligen Härten des publizistischen Alltags selbstbewusster entgegentreten zu können, aber ganz einfach auch, um einen sportlichen Ausgleich zu eben diesen Härten herzustellen.

Angst braucht vor uns allerdings niemand zu haben. Denn kaum eine Sportart geniesst in der Öffentlichkeit ein derart falsches Image wie das Boxen. So ist unser Training weniger ruppige Keilerei als eine Mischung aus rhythmischer Sportgymnastik und Tanzkurs. «Drehen! Drehen! Drehen!», weist uns der Trainier an und irgendwie fühlen wir uns dabei eher wie Denise Biellmann als wie Mike Tyson.

Überhaupt dieser Trainer! Zu keinem Zeitpunkt lässt er bei seinen Schützlingen das trügerische Gefühl aufkommen, sie würden irgendetwas richtig machen oder hätten diesen Sport auch nur im Ansatz verstanden. Die höchste Form der Zuwendung ist ein mürrischer Blick. Und dann die Platzverhältnisse! Sie sind prekär, nicht selten findet man nach dem Training in einer völlig überfüllten Garderobe seine zuvor säuberlich aufgehängten Jeans in einer Wasserlache wieder – das Resultat eines undichten Duschvorhangs. Sowieso wollen viel zu viele Leute boxen, das Training im zu kleinen Gym ist ein einziges Ausweichen.

Je länger ich darüber nachdenke, desto bekannter kommt mir das alles vor: Falsche Vorstellungen von der Tätigkeit, zwischenmenschliche Kälte und Ablehnung, prekäre Bedingungen, Konkurrenzdruck – das Boxen ist nicht Ausgleich zum journalistischen Alltag, sondern dessen sportliches Äquivalent. Und ja, jetzt bin ich doch noch in die Selbstmitleids-Falle getappt.

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