×

Der Umgang mit dem Feind in der eigenen Familie

Der Umgang mit dem Feind in der eigenen Familie

Uhr
Was soll man tun, wenn einem beim Abstimmen die eigene Frau in den Rücken fällt?
Thomas
Bacher

Ich habe immer gewusst, dass es irgendwann passieren würde, habe versucht, mich auf das Unausweichliche vorzubereiten. Doch als die Katastrophe schliesslich eintraf, war ich trotzdem komplett ratlos. 

Um was es geht? Meine Frau stimmte diesen Sonntag zu 100 Prozent anders ab als ich. Wo ich Nein stimmte, stimmte sie Ja – und umgekehrt. Diese Situation ist natürlich total unbefriedigend. Denn ich möchte etwas bewirken, will die Welt verändern, wichtig sein, doch wie kann ich das, wenn meine Stimme durch das renitente Stimmverhalten meiner Frau bereits innerfamilär aufgehoben, ja ausgelöscht wird? Dass mein Votum zur Stimmbeteiligung beiträgt, ist wirklich kein Trost. 

Was also sollte ich tun? Erst versuchte ich es mit meiner Paradedisziplin: der Diskussion. Doch meine Frau ist wahnsinnig stur. Dann halt Lobbyarbeit, Zeitungen mit entsprechenden Artikeln offen rumliegen lassen, im Schlaf auf sie einreden. Nützte nichts. Ich hab mir schon überlegt, ob ich in den Hungerstreik treten sollte, aber dafür ist mein Hunger einfach zu gross. Bestechung? Sinnlos, mein Frau hat mehr Geld als ich. Drohungen? Könnte schnell zum Eigentor werden, da sie ein weitaus grösseres Repertoire an Gemeinheiten in petto hat.

Leider habe ich keine Schaufel

Natürlich hätte ich meine körperliche Überlegenheit nutzen und bis zum Äussersten gehen können. Aber was würde ich sagen, wenn die Kinder fragen, wo ihre Mutter ist? Zudem ist unser Gartensitzplatz komplett zubetoniert. Und eine Schaufel habe ich auch nicht.

Vielleicht muss ich einfach akzeptieren – und das ist die Moral von der Geschichte –, dass es andere Menschen mit anderer Meinung gibt, und dass die trotzdem daseinsberechtigt sind. Ja, das sollte ich, denn das ist ein Zeichen von Grösse, von Reife.

Und als mich meine Frau am Sonntag fragte, ob ich ihre Stimmzettel eingeworfen hätte, sagte ich «ja ja, mein Schatz, natürlich», und grinste hämisch in mich rein.

Kommentar schreiben

Kommentar senden