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In der Touristenfalle

In der Touristenfalle

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Southwest Heat
Tourists eat ice cream to cool off along the Venice Beach strand in Los Angeles, Tuesday, July 24, 2108. Scorching heat radiated across the U.S. Southwest on Tuesday, with the highest temperatures expected in California's Death Valley during a week that f
Richard Vogel
Lukas
Elser

Seit mich mein Redaktionskollege vor ihr gewarnt hat, habe ich bei all meinen Ferienausflügen panische Angst, ihr Opfer zu werden: Die Rede ist von der Touristenfalle. So verfolgte mich die Stimme des Kollegen auf meiner aktuellen Reise nach Neapel: «Lass dich bloss nicht von Pseudo-Italienern mit mitteleuropäischer Pizza abspeisen!»

Ich folgte seinem Rat. Jedes Mal, wenn ich nach einem anstrengenden Museumsbesuch durch die Altstadt der süditalienischen Stadt zog – ja, selbst, wenn ich nur ein Bier trinken wollte – ignorierte ich den Drang, meinen Hunger im erstbesten Lokal zu stillen. Stattdessen inspizierte ich zuerst mit dem peniblen Blick eines Stasi-Beamten, ob ich hier nicht genau ins Fangnetz gehen würde, das die berüchtigte süditalienische Touristenfänger-Mafia für mich ausgebreitet hat.

Mit den Aufklärungsstrategien des Kollegen im Hinterkopf kontrollierte ich die Speisekarate: Waren die Speisen ausschliesslich in der Landessprache aufgeführt? Oder versuchte man mir die Speisen mit Bildern zu erklären? Als Individualtourist und Conaisseur wollte ich nämlich unter keinen Umständen in den Haufen von Kreuzfahrtausflüglern geworfen werden,  die sich nie eingehend mit der Dolce Vita befasst haben, und statt ein Ragù lieber eine Weisswurst bestellen.

Zwei Wochen machte sich meine Disziplin bezahlt. Ich entging jedem Hinterhalt und ass vorzüglich. Dann aber kam der letzte Tag. Am Horizont erwartete mich wieder die Schweizer Realität, zu der Imbiss-Pizza und verkochte Spaghetti gehören. Ich musste unbedingt noch einmal eine richtige Marinara essen! Also hetzte ich kurz vor der Abfahrt des Zuges ins nächstbeste Restaurant. Die Pizza kam schnell. Zu schnell. Sie verdarb mir auf der ganzen Rückfahrt den Magen. Ich lernte: Ein kurzer Moment der Unaufmerksamkeit genügt und schon schnappt sie unerbittlich zu, die Touristenfalle.

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