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Verheerender Grossbrand in Hinwil

«Da stehst du und musst zuschauen, wie dein Baby abbrennt»

Am Mittwochnachmittag brach in einem Fabrikgebäude in Hinwil ein Feuer aus. Die Flammen wüteten mehrere Stunden, ehe die Feuerwehr sie unter Kontrolle bringen konnte. Nun äussern sich Betroffene und die Polizei.

Redaktion
Züriost
Donnerstag, 04. März 2021, 09:30 Uhr Verheerender Grossbrand in Hinwil

Am Mittwochnachmittag waren alle Blicke nach Hinwil gerichtet. Ob in Bäretswil, Forch, Pfäffikon oder Hombrechtikon: Von überall war die schwarze, dutzende Meter hohe Rauchsäule sichtbar, die mitten in Hinwil empor stieg. Im Gebäude der Bührer Traktorenfabrik AG nahe des Bahnhofs brach um 13.45 Uhr ein Feuer aus, das sich schnell zu einem Grossbrand entwickelte.

Das Gebäude ging am Mittwochnachmittag in Flammen auf. (Foto: Leserreporter)

Vor Ort war die Hitze des Feuers selbst auf der anderen Seite der Gleise noch spürbar. Der Rauch schien sich unendlich hoch in den Himmel zu schrauben. Man hörte das Lodern der Flammen, immer wieder ertönte ein lautes Knacken, wie von brechenden Balken. Kleine Aschestücke flogen durch die Luft und fielen auf die parkierten Autos. Rund um den Brand hatten sich hunderte Schaulustige versammelt, viele filmten die Flammen mit ihren Smartphones. Augenzeugen vermuteten, dass der Band von einem Fahrzeug ausging, das in einer Garage aus unbekannten Gründen Feuer gefangen hatte. Die Kantonspolizei konnte dies jedoch nicht bestätigen.

Eine Stunde nach Brandbeginn trafen noch immer Feuerwehrleute ein. Auch ein Löschzug der SBB war im Einsatz, ein Helikopter der Kantonspolizei kreiste über der Brandstelle. Rund drei Stunden nach der Erstmeldung hatte die Feuerwehr das Geschehen unter Kontrolle. Es gelang, das Feuer so zu bändigen, dass es sich nicht weiter in den westlichen Gebäudeteil ausbreiten konnte. Dort befindet sich eine Brockenstube – sie blieb von den Flammen verschont.

Das Ereignis im Bewegtbild. (Handyvideo: Andy Kurz / Produktion: Simon Grässle)

Andere hatten nicht so viel Glück. Der Inhaber eines Fotostudios etwa, das im bis auf die Grundmauern abgebrannten Teil des Gebäudes eingemietet war, verfolgt das Geschehen von der Bahnhofsrampe aus. Als das Feuer ausbrach, war er nicht anwesend, erzählt er. Glücklicherweise seien nur Requisiten vor Ort gewesen. Die Daten habe er gesichert.

Auf Ungläubigkeit folgt der Schock

Das Kosmetikstudio von Anna Stragapede befand sich ebenfalls im betroffenen Gebäude. Es wurde von den Flammen vollständig zerstört. Als sie den Anruf der Redaktion entgegen nimmt, ist sie den Tränen nahe. 

«Ich machte mich gerade auf den Weg ins Studio, als ich vom Brand erfuhr. Eine Kollegin rief mich an und meinte, ich könnte gleich zu Hause bleiben –  es stehe alles in Flammen.» Im ersten Moment hat Stragapede ihr nicht geglaubt. «Ich dachte mir einfach, das kann doch nicht sein.» Sie ist dann nach Hinwil gefahren, um das Inferno mit eigenen Augen zu sehen. «Da stehst du und musst zuschauen, wie dein Baby abbrennt. Das war unglaublich schlimm für mich», so die Wetzikerin. Sieben Jahre führte sie ihr Studio in Hinwil.

«Zuerst muss ich den Schock verarbeiten, dann mit meiner Versicherung in Kontakt treten.»

Anna Stragapede, verlor ihr Kosmetikstudio in den Flammen

Der Brand-Zeitpunkt hätte nicht tragischer sein können, so Stragapede. «Ich leide unter der Pandemie wie viele andere, der Betrieb lief harzig. Jetzt ist alles komplett vernichtet.» Gottseidank hätten sich keine Menschen im Studio befunden, als die Flammen ausbrachen.

Wie es jetzt weitergeht, kann Stragapede nicht sagen. «Zuerst muss ich den Schock verarbeiten, dann mit meiner Versicherung in Kontakt treten. Alles andere kommt später.»

Gemeinde bietet Hilfe an

Das Kosmetikstudio ist nur einer von zahlreichen kleinen Gewerbebetrieben, die durch das Feuer zerstört wurden. Auch von der Firma des Ex-Mannes von Sandra Jenni ist nicht mehr viel übrig. Die Hinwilerin ist ebenfalls zum Brand geeilt, um sich nach ihrem Mann zu erkundigen. Physisch gehe es ihm zwar gut, sagt Jenni, durch die Flammen habe er aber seine Existenzgrundlage verloren.

Das Feuer sorgte für grossen Schäden am und im Gebäude. (Foto: Seraina Boner)

Gemeindeschreiber Roger Winter sagt, man habe das Ereignis vom Gemeindehaus aus mitverfolgt; die Mitarbeiter seien alle schockiert gewesen. Zurzeit verfüge man jedoch über keine gesicherten Angaben zum Ausmass des Schadens, weshalb zum Vorfall auch keine konkreten Aussagen gemacht werden könnten. «Die Situation wird von den Einsatzkräften der Kantonspolizei und der Feuerwehr vor Ort analysiert. Selbstverständlich wird die Gemeinde ihre Verantwortung zur Hilfeleistung im Rahmen ihrer Möglichkeiten bei Bedarf wahrnehmen.»

Keine Verletzten, starke Einsturzgefahr

Stand Mittwochabend geht die Polizei davon aus, dass es weder Tote noch Verletzte gab. Man habe sich aber noch nicht ins Gebäude begeben können, sagt Mediensprecher Ralph Hirt. Die Löscharbeiten gestalteten sich sehr schwierig und es herrsche noch grosse Einsturzgefahr. Zur Brandursache konnte die Polizei keine Angaben machen. 

Der Strassen- und Schienenverkehr rund um Hinwil war am Mittwochnachmittag über mehrere Stunden stark eingeschränkt. Zwischenzeitlich rief die Kantonspolizei zur Schliessung von Fenstern und Türen aufgrund der starken Rauchentwicklung auf. Erst nach 18 Uhr gab sie Entwarnung. (Andreas Kurz / Talina Steinmetz / David Kilchör) 

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