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Vortrag von Thomas Stocker

«Wir sind in der Schweiz besonders vom Klimawandel betroffen»

Thomas Stocker arbeitete aktiv am Pariser-Klimaabkommen mit. Am 18. April kommt er nach Winterthur und erklärt, warum es bereits zu spät für das Klimaziel sein könnte.

Annalena
Schmid
Freitag, 13. April 2018, 07:30 Uhr Vortrag von Thomas Stocker
Thomas Stocker referiert am 18. April in Winterthur über die globale Erwärmung. (Foto: PD)

Die Eine-Welt-Vortragsreihe in Winterthur liefert Denkanstösse zu Themen rund um Nachhaltigkeit. Der nächste Referent ist der Klima- und Umweltphysiker Thomas Stocker. Als Co-Vorsitzender des UNO-Weltklimarats schuf er die wissenschaftliche Basis fürs Pariser Klimaabkommen. Er führt aus, was passiert, wenn das Klimaziel nicht erreicht wird.

Warum könnte es bereits zu spät sein für das Klimaziel von Paris?
Thomas Stocker: Die globale Erwärmung ist bereits stark fortgeschritten, nämlich um 1°C gegenüber der vorindustriellen Zeit. Damit die Erwärmung unterhalb von 1,5°C bleibt, haben wir nur noch wenige Jahre bis zum Zeitpunkt, von wann ab die CO2-Emissionen weltweit für immer zurückgehen müssen. 2050 sollten sie schliesslich auf Null sein.

Was muss sich ändern, um das Ziel dennoch zu erreichen?
Wir müssen weltweit eine über 150-jährige Technologie, den Verbrennungsmotor, ersetzen durch eine neue Technologie, die Energie aus erneuerbaren Quellen bereitstellt. Die Dekarbonisierung ist die nächste industrielle Revolution. Sie ersetzt Kohle, Öl und Gas durch erneuerbare Energien.

«Die wichtigsten Ressourcen für Mensch und Ökosysteme sind durch den Klimawandel bedroht.»

Thomas Stocker, Klima- und Umweltphysiker

Was sind die Folgen, wenn das Ziel nicht erreicht wird?
Klimawandel ist letztendlich ein Ressourcenproblem. Die wichtigsten Ressourcen für Mensch und Ökosysteme sind durch den Klimawandel bedroht. Zum Beispiel die Gesundheit durch Erwärmung und extreme Wetterereignisse, das Wasser durch Trockenheit und Dürre, das Land durch den Anstieg des Meeresspiegels und die Nahrung durch die Versauerung des Ozeans. Wenn die Ressourcen knapp werden oder nicht mehr zur Verfügung stehen, wird um sie gekämpft werden.

Welche Folgen hätte das Nicht-Erreichen der Klimaziele von Paris für die Schweizer Bevölkerung?
Wir sind in der Schweiz besonders vom Klimawandel betroffen. Der Verlust von Gletscher und schneebedeckten Gebieten hat grosse negative Auswirkungen auf die Wasser- und Elektrizitätswirtschaft und den Tourismus. Das Risiko von Überschwemmungen im Mittelland bei Niederschlags- und Schmelzwassserspitzen steigt. Erdrutsche und Instabilitäten im Alpenraum, sowie Extremereignisse wie Hitzewellen und Stürme werden häufiger. Klimabedingte Flüchtlinge werden eine weitere grosse Herausforderung sein.

«Jeder Einzelne trägt zum Klimawandel bei, somit ist auch jeder in der Lage, ihn zu bekämpfen.»

Thomas Stocker, Klima- und Umweltphysiker

Unternimmt die Schweiz genug, um die Klimaziele zu erreichen?
Die erste Zielsetzung, die CO2- Emissionen bis 2030 um 50 Prozent zu senken, ist ein Schritt in die richtige Richtung. Ehrgeizigere Ziele werden folgen müssen, wie das im Pariser Abkommen vorgesehen ist.

Wie muss man sich Winterthur vorstellen, wenn die globale Erwärmung so weiter verläuft wie bisher?
Hitzewellen und sommerliche Trockenperioden werden das Klima prägen. Auch die Vegetation wird sich verändern.

Nur wenn Klimaschutz endlich vom links-rechts Schema befreit wird und zur gesamtgesellschaftlichen Aufgabe wird, werden wir auf Kurs gehen.

Thomas Stocker, Klima- und Umweltphysiker

Eine einzelne Person fühlt sich oft  zu machtlos, um etwas Wirksames zu bewegen. Wie kann ein Einzelner doch etwas bewirken?
Jeder Einzelne trägt zum Klimawandel bei, somit ist auch jeder in der Lage, ihn zu bekämpfen. Es gibt viele Massnahmen, die nicht weh tun, sondern Freude bereiten. 
So zum Beispiel das bewusste Reisen oder eine Ernährung mit lokalen Produkten. Auch auf Technologien umzusteigen, die keine fossilen Brennstoffe mehr brauchen, ist eine Möglichkeit, den Klimawandel zu bekämpfen. Sich gegen den immer schneller werdenden Konsum zu wehren, ist eine weitere wirksame Massnahme. Das wichtigste ist jedoch, dass jeder am demokratischen Prozess teilnimmt und Klimaschutz von den Politikern einfordert. Nur wenn Klimaschutz endlich vom links-rechts Schema befreit wird und zur gesamtgesellschaftlichen Aufgabe wird, werden wir auf Kurs gehen.

Sie haben aktiv an den Klimazielen von Paris mitgearbeitet. Mittlerweile sind die USA aus dem Abkommen ausgetreten. Ist das nicht frustrierend?
Das ist äusserst frustrierend, aber die USA werden sich damit selber schaden, weil die falschen Anreize in diesem Land gesetzt werden. Anstatt neue Technologien zu entwickeln und erfolgreich zu verkaufen, die veraltete Infrastruktur grundlegend zu erneuern und so neue Arbeitsplätze zu schaffen, wird die industrielle Revolution der Dekarbonisierung verschlafen. Andere Länder werden Führung übernehmen und davon profitieren. 

Vortrag von Thomas Stocker «Globale Erwärmung: Ist es bereits zu spät für das Klimaziel von Paris?», Eine-Welt-Vortragsreihe am Mittwoch, 18. April, um 19.30 Uhr im Osttor am Äusserer Rettenbachweg 4 in Winterthur, www.einewelt.ch

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