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Winterthurer erzählen aus ihrem Arbeitsleben

Museum Schaffen in Winterthur

Winterthurer erzählen aus ihrem Arbeitsleben

Das Museum Schaffen in Winterthur zeigt eine Ausstellung über den Wandel der Arbeit. Die Besucher treffen aber keine Objekte an, sondern Menschen, mit denen sie sich austauschen können.

Freitag, 04. Mai 2018, 16:55 Uhr Museum Schaffen in Winterthur

Wer gegen Abend die laufende Ausstellung in der Lokstadt Halle Rapide besucht, der erblickt einen in atmosphärischen Schimmer getauchten Raum. Im Foyer steht eine 14 Meter lange Theke, in der Leuchten installiert sind. Deren ausgestrahltes Licht vereint sich mit jenem anderer Lichtquellen, das durch die Oberfläche der Theke reflektiert wird.

Das Spiel der Lichter erscheint wie eine symbolische Komposition. Eine, die vorwegnimmt, was die Besucher hier erwartet: Sie sollen nicht nur bestaunen, sondern reflektieren. Ihre Gedanken mit denen anderer austauschen – und vielleicht vereinen, um neue Ideen oder Strategien zu entwickeln.

Ort der Begegnung

Denn das Museum Schaffen zeigt in der Halle vis-à-vis Zürcherstrasse 42 die Ausstellung «Zeit. Zeugen. Arbeit. Ein Ausstellungsparcours». Die hierfür nötige Infrastruktur wurde in den letzten sechs Wochen aufgebaut. Von 1918 bis in die 90er Jahre hinein wurden an demselben Ort Schweizer Lokomotiven montiert, sodass das Gebäude selbst als Kunstobjekt betrachtet werden kann. Heuer wird die geschichtsträchtige Halle hundert Jahre alt. Und erneut wurde sie zum Raum des Schaffens erkoren. Einem Ort, wo einst Teile zusammengefügt wurden. Dieses Jahr treffen in ihr Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zusammen – ebenso wie unterschiedliche Menschen. Denn im Mittelpunkt stehen weniger Objekte als Frauen und Männer, die in unterschiedlichen szenischen Räumen aus ihrem Leben und von ihren früheren und jetzigen Jobs erzählen.

Die Geschichten der rund dreissig Freiwilligen im Alter zwischen 24 und 86 Jahren zeigen auf, wie sich bestimmte Berufe veränderten oder verschwanden und wo es Brüche und Momente des Aufbruchs gab. Sei es Fügung oder Zufall: Einer von ihnen leitete früher in derselben Halle die Logistik der Lokomotivmontage.

«Wir leben im Zeitalter der Digitalisierung. Vielleicht kommt die dritte industrielle Revolution.»

Stefano Mengarelli, Museumsleiter

Die sich Vorstellenden würden in etwa einen Querschnitt der gesamten Bevölkerung darstellen, so Stefano Mengarelli. «Man muss wissen woher man kommt, um zu ahnen, wohin die Zukunft führt.» Der Museumsleiter fügt hinzu: «Statt Museum-Guides einzustellen, wollten wir zusammen mit Winterthurerinnen und Winterthurern die Ausstellung von Grund auf erschaffen.» Die Mitwirkenden brächten ihre Persönlichkeiten, ihr Material, ihre Lebens- und Arbeitserfahrungen mit ein. Es handle sich nicht um eine klassische Ausstellung, sondern um eine «simulative Betriebsbesichtigung». Für Mengarelli ist diese nicht auf Geschichtsinteressierte beschränkt, vielmehr spreche sie die ganze Gesellschaft an: «Wir leben im Zeitalter der Digitalisierung. Vielleicht kommt die dritte industrielle Revolution.»

Die Ausstellung solle ein Ort des Austausches sein. «Wir erschaffen hier einen Mikrokosmos, der über einen reinen Ausstellungsbetrieb hinausgeht. Die Besucher können hier selbst schaffen und Kontakte knüpfen», so Mengarelli. Der Theaterwissenschaftler wünscht sich, dass die Besucher sich auch ausserhalb der Ausstellung mit der Thematik auseinandersetzen. Die Netzwerke hierzu könnten während des Besuchs des Erlebnis-Parcours, des CoWork-Bereichs oder während der Rahmenveranstaltungen gebildet werden.

Zudem gebe es eine Dampfmaschinen-Werkstatt des Vereins Dampfzentrum Winterthur zu besichtigen, in der an einer ETH-Experimentalmaschine mit drei Meter hohem Schwungrad gearbeitet wird.

«Im Labor fertigen die Besucher anhand eines Spiels ihre eigene Utopie der Arbeitswelt an.»

Julia Bihl, Regisseurin

Utopien selfmade

Am Empfang wird den Besuchern als erstes erklärt, wie der Ausstellungsparcours funktioniert. An verschiedenen Stationen werden unterschiedliche Angebote offeriert. So können an einigen Work-Stationen Aufgaben gelöst und Arbeitstechniken ausprobiert werden. An anderen findet man Sackgassen oder eine Kantine vor, eine Lift-Station ist mit «ausser Betrieb» beschriftet – hier werden die schwierigen Momente des Berufslebens thematisiert.

Nebst den Privatpersonen, die Teil der Ausstellung sind und über ihr Arbeitsleben erzählen, gibt es an Hörstationen auch Hintergrundinformationen und einordnende Gedanken von Fachexperten der Psychologie, Soziologie oder Philosophie zu hören. Angesprochen würden alle Zielgruppen, so Mengarelli.

Der Ausstellungsparcours ist das Produkt einer interdisziplinären Zusammenarbeit. Teil davon sind unter anderem Julia Bihl, Melanie Mock und Martin Handschin. Bihl zeigt auf die Station «Labor». «Hier fertigen die Besucher anhand eines Spiels ihre eigene Utopie der Arbeitswelt an», so die Regisseurin. Die Anordnung der Stationen – die Typografie des Raumes – stammt aus der Feder von Mock. «Die Form kann ich nicht bestimmen, ohne den Inhalt zu berücksichtigen», sagt die Szenografin, die für die Inhalte nahe mit dem Ausstellungsmacher Handschin zusammengearbeitet hat.

Die Ausstellung läuft bis zum Sonntag, 16. September. Es finden diverse Events wie Museumskonzerte, Dia-Referate, Yoga-Kurse oder Lesungen statt. Die Vernissage beginnt am Samstag, 5. Mai, um 17 Uhr.

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