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Tanzfestival Steps in Winterthur

Tanz in alle Himmelsrichtungen

Mit einem Feuerwerk der Fantasie ist das Tanzfestival Steps am Donnerstag in Winterthur gestartet: die Göteborgs Operans Danskompani zeigte zwei unterschiedlichste Werke des Starchoreographen Sidi Larbi Cherkaoui. Bis zum 5. Mai ziehen zwölf internationale und nationale Tanzcompagnien durchs Land.

Christian
Brändli
Freitag, 13. April 2018, 15:00 Uhr Tanzfestival Steps in Winterthur

Das Theater Winterthur als elegantes Universum: zur grau-weissen Bühnenatmosphäre erscheinen zehn Frauen in schwarzen Lederröcken mit Knieschonern und neun Männer in schwarzen Anzügen. Zunächst noch in kleinen Gruppen, bilden sie bald immer neue Formationen, unentwegt und so präzise, also würden sie einer höheren Ordnung folgen.

Zwischendurch bringen sie Bewegungen – etwas zwischen wissenschaftlichen Formeln und antiken Olympia-Darstellungen – ästhetisch auf den Punkt. Dann wieder geben sie sich der Drehkraft in der Mitte hin. Und während sie sich so um die Achse drehen, schreitet einfach ein Mann in Stöckelschuhen diagonal durch den Raum. Der Fremdkörper scheint zum System zu gehören.

«Noetic»: Sphärisch, leicht, präzise

Willkommen im Universum von Sidi Larbi Cherkaoui! Der belgische Choreograf ist für seine Forschungsreisen berühmt. Gerade weil er sich körperlich und kraftvoll mit unterschiedlichster Materie auseinandersetzt. Er sieht den Tanz als «expressivsten Akt, um sich mit dem Körper in Raum und Zeit» zu verorten.

«Noetic», wie die Choreografie in Winterthur heisst, bedeutet «geistig wahrnehmbar». Er habe das Wort durch einen Astronauten entdeckt, erklärte Cherkaoui in einem Interview. Dieser sei wie erleuchtet auf die Erde zurückgekehrt und habe die Welt fortan aus einer neuen Perspektive gesehen: er, inmitten des Universums, verbunden mit der Sonne, dem Mond, den Planeten.

Das Bühnengeschehen zieht jedenfalls in den Bann. In die Atmosphäre wirken die Live-Perkussion von Shogo Yoshii und die rufende Stimme von Miriam Andersen. Ganz ohne Materie geht’s aber doch nicht: Die Tänzerinnen und Tänzer nehmen dünne, lange Metallstreifen zur Hand. Sie inszenieren damit Wellen oder formen sie zu Kreisen. Zum Schluss entsteht aus all den Kreisen ein Ball, die Erde. Sie wird hochgehoben - von der nun «ausserirdisch» gut tanzenden Göteborgs Operans Danskompani.

«Icon»: Irdisch, schwer, wandelbar

Nach der Pause sind 3,5 Tonnen Lehm auf der Bühne – in Form von Figürchen, die in Grüppchen auf der Bühne stehen, und als Teppich, auf dem die Tänzer sich zu bewegen beginnen. Wobei sie aus dem Ton schon bald Töne machen: Sie klatschen darauf und werfen ihn umher.

Auch die Bewegungen werden handfester: Breakdance-artige Einlagen ereignen sich, immer mehr Muskeln kommen zum Vorschein, aus der Masse am Boden erheben sich einzelne Körper synchron. Mit Lehm werden witzige Ikonen konstruiert und dekonstruiert. Zum Schluss bleibt ein weiches Schlachtfeld, das man anfassen möchte. Zwei «Tonkünstler» sorgen übrigens dafür, dass das Material wieder in Form kommt.

Weiter im Programm

Mit Sidi Larbi Cherkaoui das Migros-Kulturprozent-Tanzfestival im 30. Jubiläumsjahr zu eröffnen, war ein guter Entscheid. Der Belgier, der in der Tanzwelt heiss begehrt ist, könnte mit der eigenen Gruppe Eastman selber schon fast ein Jubiläum feiern: Vor zwei Jahren begeisterte er hierzulande mit «Fractus V», vor vier Jahren mit «Milonga», 2010 mit «Babel».

Bekannte und zu entdeckende Compagnien: Das Steps-Festival nimmt seinen Lauf. Bis zum 5. Mai stehen über 70 Vorstellungen auf 36 Bühnen in 31 Ortschaften auf dem Programm. Zu den 12 Compagnien gehören die «Schweizer Tanz-Bachelors» aus Zürich und Lausanne.

Auf Initiative von Steps gehen die jungen Tänzerinnen und Tänzer von der Zürcher Hochschule der Künste und der Manufacture Lausanne erstmals zusammen auf Tournee. Sie ziehen von der Gessnerallee Zürich nach Lörrach, Olten, Poschiavo, St. Gallen, Steckborn, Vevey bis nach Neuenburg. Vom selben Ort aus startet L-E-V aus Tel Aviv. Die hypnotische, dynamische und visionäre Formation zieht dann weiter nach Basel, Morges, Monthey, Annemasse, Luzern und Bern. Edith Arnold, sda

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