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Reist mit Leistung für die Ewigkeit

Tannerin bei Race Across America

Reist mit Leistung für die Ewigkeit

9 Tage, 23 Stunden und 57 Minuten – das ist die starke Finisherzeit der Tannerin Nicole Reist am Extrem-Radrennen Race Across America, das über fast 5000 Kilometer von der amerikanischen Westküste an die Ostküste führt.

David
Schweizer
Samstag, 23. Juni 2018, 10:36 Uhr Tannerin bei Race Across America

Am Freitagabend kurz vor 23 Uhr erreichte Nicole Reist nach 4941 Kilometer und 53'400 Höhenmetern durch 12 US-Staaten das Ziel in Annapolis, Maryland, und holt sich mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 20,58 Kilometern pro Stunde damit den Sieg im Extrem-Radrennen Race Across America der Solo-Frauen.

Nur zwei Männer waren schneller

Damit knackt die Tannerin zwei Schweizer Rekorde und steht in der 37-jährigen Geschichte des Rennens als zweite Frau überhaupt und als erste seit 25 Jahren auf dem Overall-Podium der Solofahrer – geschlagen nur von zwei Männern.

«Es war mein heimliches Ziel, die Strecke in weniger als zehn Tagen zu schaffen», so Reist nach der Zieleinfahrt am City Dock in Annapolis. «Dass dieser Traum nun wahr wurde, freut mich riesig. So ganz realisiert habe ich das alles aber noch nicht. Vorerst bin ich einfach nur sehr, sehr müde...»


Insgesamt knapp 9 Stunden Schlaf

Wenig überraschend und äusserst bemerkenswert: Die 33-Jährige hatte in den vergangenen zehn Renntagen doch nur gerade elf Pausen von rund einer Stunde gemacht, in denen insgesamt knapp 9 Stunden Schlaf zusammenkamen – und dies bei durchschnittlich 500 Kilometer Radfahren pro Tag.

«Ich kam so gut wie möglich vorbereitet hierher, habe viel trainiert und für zahlreiche Eventualitäten einen Plan gehabt», so Reist. «Der Schlussteil war aber extrem hart. Auf den letzten rund 200 Kilometern habe ich tatsächlich gelitten, wie noch nie. Ich musste sowohl körperlich wie mental absolut alles aus mir herausholen.»

«Ich musste sowohl körperlich wie mental alles aus mir herausholen.»

Nicole Reist

Klar ist aber auch: Ohne das 11-köpfige Begleitteam der Oberländerin wäre diese Leistung nicht möglich gewesen. «Es hat mich während 24 Stunden am Tag betreut, unterstützt und motiviert. Auch wenn ich als Athletin im Fokus stehe – Ultracycling ist ein Teamsport», betonte Reist.

Als einzige Frau in der Kategorie Solo U50 steht sie mit ihrer Zielankunft natürlich zuoberst auf dem Podium. Die beiden Frauen der Ü50-Kategorie hat sie allerdings sie um fast 500 Meilen distanziert.

Schweizer Strecken- und Geschwindigkeitsrekord

Mit ihrem Resultat von unter als 10 Tagen schreibt Nicole Reist im härtesten Radrennen der Welt einmal mehr Ultracycling-Geschichte: Sie unterbietet ihre eigene Zeit von 2016 um mehr als eineinhalb Tage und bricht die zwei bisherigen Schweizer RAAM-Frauenrekorde über eine Durchschnittsgeschwindigkeit von 18,97 Kilometer pro Stunde und eine Gesamtzeit von 10 Tagen, 13 Stunden und 59 Minuten, aufgestellt 2012 von Trix Zgraggen, deutlich.

Ganz besondere Beachtung verdient dabei der neue Streckenrekord über die Gesamtzeit, da die Renndistanz in diesem Jahr rund 290 km länger war als 2012, Nicole Reist die Strecke aber dennoch in kürzerer Zeit bewältigte.

Zudem war sie die erste Frau seit 2001, die eine Durchschnittsgeschwindigkeit von über 19,3 Kilometern pro Stunde erreichte.

Für den internationalen RAAM-Frauenspeedrekord von 21,3 Kilometern pro Stunde, aufgestellt 1995 von Seana Hogan, für den Nicole Reist über mehr als zwei Drittel des Rennens auf Kurs war, hat es am Ende leider doch nicht ganz gereicht.

Der Hauptgrund ist, dass der Schlussteil der damaligen Strecke durch flacheres Gelände und nicht durch die bergigen Appalachen führte, was schnellere Durchschnittsgeschwindigkeiten ermöglicht. Auch war die Strecke dieses Jahr gesamthaft länger und damit kräftezehrender.

Hinzu kamen für Reist eher ungünstige Wetterverhältnisse im letzten Drittel des Rennens, mit Sturm, einem umgestürzten Baum, der die Strecke versperrte und mehrmaligem starken Regen.

Beeindruckender dritter Rang in Overall-Wertung

Fast schon unglaublich ist auch Nicole Reists dritter Rang in der Overall-Wertung, nur gerade hinter der Ultracycling-Legende Christoph Strasser aus Österreich und dem Mitfavoriten Ralph Diseviscourt aus Luxemburg. In der 37-jährigen Geschichte des RAAM ist Reist erst die zweite Frau, die es in der Overall-Wertung der Solofahrer auf das Podium schafft.
 

«Du machst uns Angst.»

Ralph Diseviscourt, Zweitklassierter an RAAM


Vor ihr gelang dies nur der Amerikanerin Seana Hogan in 1993. Im ersten Drittel des Rennens durch die Rocky Mountains kämpfte Reist über lange Zeit mit Ralph Diseviscourt um den zweiten Platz – mal lag sie vorne, mal er. «Du machst uns Angst», soll er bei einem dieser Überholmanöver ehrfürchtig zu ihr gesagt haben.

Auch RAAM-Sieger Christoph Strasser bekundete in einer seiner Mitteilungen ausdrücklich grossen Respekt vor Reists Leistung. Auf den Viertplatzierten Michael Conti aus den USA fuhr sie einen Vorsprung von fast 480 km heraus. (zo)

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