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«Ihre Liebe wurde zum Gefängnis»

«Ihre Liebe wurde zum Gefängnis»

Florian Burkhardt wurde nur aus einem einzigen Grund gezeugt, um das verstorbene Kind seiner Eltern zu ersetzen. Seine schwere Kindheit hat der Luzerner nun in einem Roman niedergeschrieben. Im Juni stellt er sein Buch «Das Kind meiner Mutter» in Winterthur vor.

Tina
Schöni
Donnerstag, 04. Mai 2017, 16:13 Uhr

Der Luzerner Florian Burkhardt hat eine schwere Kindheit erlebt. Als bei einem Autounfall der jüngste Sohn der Familie Burkhardt starb, zeugten die Eltern Florian Burkhardt als dessen «Lückenfüller». Aus Angst, ihn zu verlieren, galt Florian Burkhardt stets die volle Aufmerksamkeit der Eltern. Er wuchs überbehütet und unter ständiger Kontrolle auf. Seine Kindheitsjahre vergleicht der heute er mit einem Leben hinter Gittern. Nach der Verfilmung seines Schicksals hat Florian Burkhardt nun seine Kindheit in einem Roman niedergeschrieben. Am 12. Juni gibt der Autor im Spuren Salon in Winterthur einen Einblick in sein Werk «Das Kind meiner Mutter».

Ihr autobiographischer Roman ist am 25. April erschienen. Was hat Sie dazu bewogen, dieses Buch zu schreiben und Ihre persönliche Geschichte mit der Öffentlichkeit zu teilen?

Florian Burkhardt: Die Idee kam vom bekannten Literaturagenten Matthias Landwehr. Er kontaktierte mich, nachdem er den Kinodokumentarfilm «Electroboy» über mein Leben gesehen hatte und überzeugte mich, zu versuchen, die Geschichte meiner Kindheit und Jugend niederzuschreiben.

Was hat Sie von dieser Idee überzeugt?

Ich habe erkannt, dass es in meiner Geschichte viel Allgemeingültiges gibt – das Heranwachsen, die Symbiose mit der Mutter und das Abspalten, das Kämpfen und an Widerstände stossen, Zu- und Abneigung, die Entdeckung der Sexualität. Aber auch ganz allgemein im Anbetracht dessen, dass heute vermehrt Kinder als Lebenssinn gezeugt werden und ungesund behütet aufgezogen werden. Diese Erkenntnis war wichtig für mich, um die Entscheidung zu fällen, das Buch schreiben zu wollen.

«Als Erwachsener ist es mir endlich möglich, meine Eltern zu verstehen»

Ihre Vergangenheit war von einer strengen Erziehung geprägt. Wie war es für Sie, für Ihren Roman die eigene Kindheit Revue passieren zu lassen?

Mein Ziel war es, ein Buch für das Kind und den Jugendlichen zu schreiben, der ich damals war. Ich habe ihm meine Kreativität zur Verfügung gestellt, ihm die Plattform gegeben und einerseits seine Gefühle gespürt, aber genug Distanz behalten, um als Autor agieren zu können. Dass mich die Gefühle nicht zu sehr mitgenommen haben, ist mir besser gelungen als erwartet. Es gab nie einen Moment, wo mich der Hass des Jugendlichen auf seine Mutter in Besitz genommen hat, denn als Erwachsener habe ich viel aufgearbeitet und verstehe meine Eltern.

Konnten Sie das Verhalten Ihrer Eltern damals auch schon nachvollziehen?

Damals überhaupt nicht. Auch, weil weder über meinen verstorbenen Bruder noch sonst irgendetwas Persönliches gesprochen wurde. Damals waren sie nur das grosse Hindernis für mich, das mir bei der persönlichen Entfaltung im Weg steht. Heute kenne ich ihre Vergangenheit, ihre Beweggründe und weiss, dass sie auf ihre Weise nur das Beste für mich wollten. Als Erwachsener ist es mir endlich möglich, sie zu verstehen.

«Durch meine Jugendzeit habe ich eine generalisierte Angststörung und soziale Phobie entwickelt und bin auf Medikamente angewiesen»

Im Dokumentarfilm erzählen Sie, dass Sie von Ihren Eltern anfangs als «Held» gefeiert wurden, weil Sie als «besonders» galten. Was war das damals für ein Gefühl?

Es war seltsam, nicht einordnen zu können, in was ich genau besonders sein sollte. Für meine Mutter war ich einfach besonders in allem. Jede Zeichnung von mir war ein Meisterwerk, meine Hand hatte heilende Kräfte. Ich denke, dass ich die Aufmerksamkeit als kleines Kind genossen habe, aber je älter ich wurde, desto unangenehmer empfand ich das. Mit dem Älterwerden entstand ein Druck, meine sogenannte Heiligkeit wurde so extrem beschützt, dass ich wie nur in einem Schrein stehen und nicht agieren durfte.

Blicken Sie dennoch auf eine «schöne» Kindheit zurück?

Gerade im ersten Teil des Buches erzähle ich von der Symbiose mit der Familie, dieser Einheit, dem Spielparadies für den kleinen Florian, der Nähe und der Liebe. Das habe ich damals sehr genossen. Bis ich mehr Raum brauchte und die Liebe zum Gefängnis wurde.

Ihre Eltern haben Ihnen als Kind vieles verboten. Wie sah das bei Ihrem älteren Bruder aus?

Meine Mutter war so fixiert auf den Verlust des Kindes, das beim Autounfall gestorben ist und als dessen Ersatz ich gezeugt wurde, dass sie meinen Bruder, der den Unfall überlebt hatte, gar nicht mehr im Blick hatte. Er konnte machen, was er wollte. Es war sicher nicht einfach für ihn, so wenig Aufmerksamkeit zu bekommen, weil alles nur um mich ging. Es ist, als hätten wir beide eine andere Mutter. Seine war gleichgültiger und lockerer, meine sehr beherrschend und kontrollierend.

«Ich hatte mir gewünscht, bei anderen Eltern aufgezogen werden zu dürfen, egal welchen, Hauptsache nicht meinen»

Durch Kontakte in der Schule haben Sie höchstwahrscheinlich mitbekommen, dass Eltern ihrer Schulkameraden eine andere Art von Erziehung leben. Wie sind Sie damit umgegangen?

Das hat mir erst recht gezeigt, was seltsam meine Eltern sind. Jeder Besuch bei Schulkameraden hat mir aufgezeigt, wie offen und unterstützend Eltern sein können, nur scheinbar meine nicht. Ich hatte mir als Resultat gewünscht, bei anderen Eltern aufgezogen werden zu dürfen, egal welchen, Hauptsache nicht meinen.

Sind Sie ihnen heute rückblickend böse?

Obwohl schon Psychiater von mir gewünscht haben, dass ich den Hass des Jugendlichen wieder in mir spüren sollte, um das Trauma von damals überwältigen zu können, bin ich ihnen nicht böse. Ich verstehe, dass sie aus einer anderen Zeit und anderen Welt kommen, und es ihnen nicht möglich war, sich zu entwickeln. Ausserdem bin ich mit dem Florian, der ich jetzt bin, sehr zufrieden. Und der bin ich zum grossen Teil auch wegen meiner Vergangenheit mit meinen Eltern.

Wie hat Sie Ihre Kindheit geprägt?

Gemäss den diversen Psychiatern, bei denen ich schon in Therapie war, ist aus meiner Jugendzeit durch die Überbehütetheit eine generalisierte Angststörung und eine soziale Phobie entsprungen, die mich via Aufenthalt in der Psychiatrischen Klinik in eine Existenz geführt hat, in der ich auf Medikamente angewiesen bin. Aber der Kindheit und Jugend ist auch Gutes entsprungen. In der Reizisolation, in der alles verboten war, was von aussen kam – wie TV und Musik – habe ich gelernt, selbst sehr kreativ zu sein und mich mit mir selbst beschäftigen zu können.

 

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