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Erinnerungen an amerikanische Bomber über Wettingen

Hanna Meister veröffentlicht Autobiographie

Erinnerungen an amerikanische Bomber über Wettingen

Die Kriegsjahre haben die Kindheit und Jugend von der gebürtigen Wettingerin Hanna Meister geprägt. Ihre Erlebnisse hat die heute 75-Jährige in ihrem autobiographischen Roman niedergeschrieben. Morgen Mittwoch gibt sie in Winterthur eine Lesung.

Tina
Schöni
Mittwoch, 19. September 2018, 11:41 Uhr Hanna Meister veröffentlicht Autobiographie
Hanna Meister hat ihre Erlebnisse aus den Kriegsjahren in einem Roman niedergeschrieben. (Bild: zvg)

Hanna Meister ist 1942 in Wettingen im Kanton Aargau geboren. Die Kriegsjahre haben die Kindheit und Jugend der heute 75-Jährigen geprägt. In einem autobiografischen Roman hat sie die «Spurrillen» ihres Lebens nachverfolgt und niedergeschrieben.

Hanna Meister liest am Mittwoch, 8. November, ab 19 Uhr aus ihrem autobiographischen Roman «Spurrillen» in der Buchhandlung Bücherkoffer in Winterthur.

Die Autorin erinnert sich an nächtliche Fliegeralarme, das Ausharren im Luftschutzkeller sowie die Rationierung der Lebensmittel. In der Winterthurer Buchhandlung «Bücherkoffer» am Kirchplatz gibt sie morgen Mittwoch, 8. November, eine Lesung. Der Roman kann dort auch eingesehen und bestellt werden.    

Wie kam die Idee auf, eine Autobiografie zu schreiben?

Hanna Meister: Seit einigen Jahren schon trug ich den Gedanken mit mir herum, die Geschichte meines Lebens einmal aufzuschreiben. Lange fehlte mir jedoch die Zeit dazu – zuerst, weil ich beruflich als Sozialarbeiterin sehr ausgelastet war, und nach meiner Pensionierung, weil ich mich in sozialen Freiwilligenprojekten sehr engagierte.

Und was hat Sie schliesslich dazu bewogen, sich diesen Wunsch zu erfüllen?

Meine älteste Enkelin bat mich immer wieder, meine Lebensgeschichte zu schreiben. Als ich 2016 vom Projekt «edition unik» hörte, schien mir dieser Weg ideal, um mich darauf einzulassen. Antea, meine damals 25-jährige Enkelin, war begeistert und stellte sich zur Verfügung, meine Texte gegenzulesen und mir Fragen zu stellen.

Für uns beide war das eine unglaublich reiche und spannende Zeit. Wir haben uns immer wieder ausgetauscht und uns dabei besser kennengelernt. Auch meine erwachsenen Kinder und die anderen Enkelkinder freuten sich über die Entstehung der «Spurrillen», wie ich mein Buch betitelt habe.

Sie thematisieren im Buch Ihre Kindheit und Jugendzeit in den Kriegsjahren. Welche Erinnerungen sind dabei hochgekommen?

Ich war ein «Urlaubskind». Das heisst, ich bin bei einem Urlaub meines Vaters, der während seines Aktivdienstes an der Grenze wochenlang nicht nach Hause konnte, ungewollt entstanden. Es waren schon drei grosse Buben da und meine Mutter hätte auf keinen Fall ein weiteres Kind haben wollen. Das erzählte sie mir immer wieder, seit ich mich erinnern kann. Dieser Umstand prägte unsere Beziehung.

«Ich erinnere mich an die Angst, die die Menschen im Keller ausstrahlten.»

Ende des Krieges, 1945, war ich drei Jahre alt. Ich kann mich gut erinnern an die nächtlichen Fliegeralarme und wie ich aus dem Kinderbettchen geholt wurde, um in den Keller getragen zu werden. Ich kann mich an das tiefe Brummen der amerikanischen Bomber erinnern und an die Angst, welche die Menschen im Keller ausstrahlten.

Die Angst war nicht unberechtigt. Die Maschinenfabrik Oerlikon, Stein am Rhein, Schaffhausen, der Strickhof in Zürich und Basel wurden bombardiert. Wir wohnten in Wettingen, nahe der grossen Firma Brown Boveri und Co. Hier wurde ein Gefahrenpotential vermutet.

Was hat sich von alldem Erlebten besonders in Ihr Erinnerungsvermögen geprägt?

Sehr gut erinnere ich mich an das Ende der Rationierung der Lebensmittel. Während der Kriegszeit waren alle wichtigen Nahrungsmittel eingeschränkt: Butter, Milch, Käse Eier, Fleisch, Zucker und mehr. Nach der Aufhebung der Rationierung gab es plötzlich von allem wieder genug. Wir durften wieder so viel Butter aufs Brot streichen wie wir wollten. Und es gab Desserts mit Schlagrahm und Schokolade.

Inwiefern haben diese Erlebnisse Ihren Schreibprozess beeinflusst?

Die Beziehungen zu meinen Familienangehörigen – zu meiner Mutter, zu meinem Vater, den grossen Brüdern, zu meiner Grossmutter, zu meiner besten Schulfreundin und den Nachbarn in unserem «Beamtenhaus», wo ich meine Kindheit erlebte, haben mich immer sehr beschäftigt und bewegt. Das ist es, was mich prägte. Ich wollte schreibend mehr verstehen, welche Bedeutung diese Beziehungen für mein weiteres Leben hatten.

«Es war eine Reise zu mir selbst.»

Inwiefern half Ihnen das Buch bei der Verarbeitung?

Für mich war es eine Reise zu mir selbst. Eine Art Reinigung. Ich musste für mich – für meine Enkelinnen – für meine Kinder – für meine Freundinnen – auswählen, entscheiden, was erzählungswichtig ist und was nicht. Etwas hat sich dabei verändert. Es kommt mir vor, als könnte ich meine Lebenslandschaft von oben her betrachten, mit einem vertieften Empfinden für die Beziehung zwischen den verschiedenen Teilen.

Haben Sie noch weitere Buchprojekte geplant?

Das Buch «Spurrillen» erzählt meine Kindheit und Jugendzeit bis zu meiner Heirat als Zwanzigjährige und die ersten Zeit meiner Ehe. Nun schreibe ich den zweiten Teil über die ereignisreichen Jahre ab 1968.

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