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Beim Güterschuppen in Töss

Elf Fussballfreunde lieferten sich ein Kommentatoren-Duell

Während des WM-Gruppenspiels Russland gegen Ägypten duellierten sich elf Herren in einem Kommentatoren-Slam. In sechs Teams moderierten sie beim Güterschuppen in Töss das Spiel. Das Publikum bekam viele Anekdoten und Pointen sowie sogar einen «Bibelspruch» zu hören.

Michael
Hotz
Mittwoch, 20. Juni 2018, 17:19 Uhr Beim Güterschuppen in Töss

Auf welcher Position spielt schon wieder Mohamed Abdel-Shafy? Welche Nummer trägt Yuri Gazinskiy nochmals? Mit solchen Fragen musste sich letzten Dienstagabend nicht nur SRF-WM-Kommentator Dani Kern auseinandersetzen, sondern auch elf Fussballfreunde in Winterthur. Während der Partie Russland gegen Ägypten wagten sie zusammen ein Experiment beim Güterschuppen in Töss: ein Fussball-Kommentatoren-Slam.

Sechs Teams führten moderierend durchs «Duell der Diktaturen», wie Organisator Dominik Dusek das erste Zweitrundenspiel der WM ankündigte. Die fünf Zweiergespanne und Einzelkämpfer Toni Gassmann übernahmen die Moderation von jeweils einer Viertelstunde der gesamten 90 Minuten.

Der «grosse Klassiker», den es noch nie gab

Die Ehre zu eröffnen kam dem hiesigen Lokaljournalisten Jonas Gabrieli und Luca Perler zuteil, der fürs Radio Blind Power Audiodeskriptionen von Super-League-Partien für sehbeeinträchtigte Menschen macht.

Vorstellung der beiden Mannschaften

Luca Perler (l.) und Jonas Gabrieli machten den Moderationsauftakt. (Handyvideo: Michael Hotz)

Die beiden stiegen mit einer Pointe in ihre Moderation ein. Jonas Gabriele pries das Spiel als «grossen Klassiker» an, der schon «etliche heisse Duelle» hervorgebracht hat. Seinen Kollegen fragte er dann, wie oft die zwei Mannschaften an einer Weltmeisterschaft schon gegeneinander gespielt hätten. «Noch nie», löste Luca Perler den Witz auf.

Mario Fernandes, «ein typischer Russe»

Ersetzt wurden die zwei dann durch die «Mutter aller FCW-Moderatoren», wie Dominik Siegmann, Präsident des organisierenden Vereins Fussballkultur.ch, sich und seinen Co-Kommentator, Stadtrat Nicolas Galladé, anpries.

Der Stadtrat hat's noch drauf

Nicolas Galladé beweist, dass er immer noch Fussballspiele kommentieren kann. (Handyvideo: Michael Hotz)

Die beiden SP-Politiker nutzten ihre Erfahrung aus vielen Moderationen von der Schützenwiese, um das Geschehen in St. Petersburg einzuordnen. «Eigentlich eine ganz animierte Sache», war ihr Zwischenfazit. Nicolas Galladé bewies seinen Schalk, etwa als er Mario Fernandes einen typischen russischen Namen nannte.

Was Jesus mit Fussball zu tun hat

Vor der Halbzeit übernahmen «Badman und das Bier», wobei Etrit Hasler und Lukas Bollhalder selber nicht genau wussten, wer nun der Superheld und wer das Gerstengebräu repräsentiert. Die beiden St. Galler erwiesen sich als grosse Sprücheklopfer. Die Vorgänge auf dem Rasen gerieten in den Hintergrund.

Die beiden St. Galler Sprücheklopfer

Lukas Bollhalder (r.) erklärt, was Jesus mit Fussball zu tun hat. (Handyvideo: Michael Hotz)

«Wir geben uns alle Mühe vom Spiel abzulenken»,  bestätigte dann auch Etrit Hasler.  Mit Phrasen wie «Fussball hat übrigens seine erste Erwähnung in der Bibel. Dort steht: Jesus kam vor das Tor Jerusalems, doch seine Jünger standen abseits» sorgten sie für viele Lacher im Publikum. Dann war Halbzeit.

Das Bierstand-Problem in Schaffhausen

Nach dem Pausentee nahm sich die Schaffhausen-Crew, Jérôme Ehrat und Matthias Perrin, vor, wieder mehr übers Spiel zu berichten. Ganz ohne Seitenanekdoten kamen aber auch sie nicht aus. So erwähnten sie mehrfach die oft kritisierten Bierstand-Verhältnisse im neuen Schaffhauser Stadion.

À la Pippo Inzaghi

Jérôme Ehrat (l.) und Matthias Perrin beschreiben den Führungstreffer der Russen. (Handyvideo: Michael Hotz)

Als Russland kurz nach der Pause in Führung ging, machte Jérôme Ehrat seinem Argentinien-Trikot alle Ehre, indem er den Treffer in der Manier südamerikanischer Kommentatoren mit einem langgezogenen «Goooal» bejubelte.

Verzweifelte Ägypter, glückloser Star

Kurz nachdem Toni Gassmann das Mikrofon übernommen hatte, fiel bereits das dritte Tor für den Gastgeber. «So einfach kann Fussball sein», war seine trockene wie richtige Bemerkung. Er erkannte anschliessend «verzweifelte ägyptische Gesichter» und sah einen «glücklosen Mohamed Salah».

Der Einzelkämpfer Toni Gassmann

Sein Kommentar beim Penalty-Treffer von Mohamed Salah. (Handyvideo: Michael Hotz)

Der grosse Star der Pharaonen traf dann doch noch zum Anschlusstreffer per Elfmeter, worauf Toni Gassmann rhetorisch in die Runde fragte: «Kommt Ägypten nochmals zurück?»

Duell der Revolutionen

Die letzten 15 Minuten, in Bern jeweils als «YB-Viertelstunde» betitelt, gehörten dann dem Duo des Fanradios Schwarz-Gelb. Die Hauptstädter Lucas Bischoff und Gabriel Haldimann stiegen gleich mit einer politisch angehauchten Anmerkung ein: «Die Oktoberrevolution scheint die Frühlingsrevolution zu schlagen.»

Extra von Bern angereist

Die beiden Kommenatoren vom YB-Fanradio Gelb-Schwarz liefern Infos zu den einzelnen Spielern. (Handyvideo: Michael Hotz)

Mit ihrem Berner Dialekt heimsten sie beim Publikum einige Sympathiepunkte ein. «Weil wir so langsam sprechen, ist es nur fair, dass wir auch die Nachspielzeit noch kommentieren dürfen», flachste Lucas Bischoff. Dann endete die Partie, Russland gewann mit 3:1.

Wodka statt Whiskey

Wer aber war das Siegerduo der sechs Kommentatoren-Teams? Darüber entschied das Publikum mittels Beifall. Die lauteste Unterstützung hatte zum Schluss Jérôme Ehrat und Matthias Perrin.

Für Poetry-Slamer gibt es traditionellerweise eine Flasche Whiskey als Trophäe, die siegreichen Fussball-Slamer erhielten eine Flasche Wodka mit auf den Heimweg.

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