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«Angespuckt zu werden ist doch vulgär, nicht wahr?»

Winterthurer Schriftsteller Roman Graf im Interview

«Angespuckt zu werden ist doch vulgär, nicht wahr?»

Vor zehn Jahren gewann Roman Graf den Studer-Ganz-Preis. Der aus Winterthur stammende Schriftsteller erzählt im Interview über sein Verhältnis zur Heimatstadt – und wieso er sich freut, dass durch die Automatisierung Millionen von Jobs vernichtet werden.

Freitag, 15. Juni 2018, 13:23 Uhr Winterthurer Schriftsteller Roman Graf im Interview

Beschreiben Sie Winterthur.
Roman Graf: Winterthur besitzt die Grazie norditalienischer Städte, das Ozon des Rheinlands, den Liebreiz des Schwiizers. Es verfügt über Qualität.

«Winterthur besitzt die Grazie norditalienischer Städte, das Ozon des Rheinlands, den Liebreiz des Schwiizers.»

Roman Graf, Schriftsteller

Und seine Bewohner?
Sichtbar wurde die Stadt für mich erst durch die Distanz. Ich verbrachte ja sieben Jahre in Leipzig. Dort ist – um ein Beispiel herauszupflücken – eine städtische Parkanlage etwas anderes als in Winterthur. Gross zu denken ist eben nicht die Stärke der Schweizer, was an der Kleinheit des Landes, an dessen Geschichte und sozialen Klassen liegen mag. Andererseits ist das – eine gewisse Bescheidenheit, meine ich – natürlich sympathisch und in der heutigen Welt, im Zeitalter des Anthropozäns, in die Zukunft weisend.

Hat die Heimatstadt Ihre literarischen Werke inspiriert?
Das ist eine sehr schwierige Frage, die aufmerksame Leser vielleicht besser beantworten können als ich selbst. Mir scheint – und Berichte von Exilierten bestätigen dies –, dass der Ort der Kindheit und Jugend als Heimat empfunden wird und ein Leben lang prägt. Die später aufgesuchten fernen Länder und Städte mag man lieben, man mag in ihnen leben wollen, doch man bleibt fremd. Indem man sich fern der Heimat verändert, geht diese verloren, und es ist nicht möglich, eine neue zu finden. Der Zustand der Heimatlosigkeit ist der Preis für die Freiheit.

«Der Zustand der Heimatlosigkeit ist der Preis für die Freiheit.»

Roman Graf, Schriftsteller

Vor zehn Jahren konnten Sie mit Ihrem ersten unveröffentlichten Manuskript «Herr Blanc» den Studer-Ganz-Preis erringen. Welche Bedeutung hatte er für Ihre literarischen Anfänge?
Mit dem Schreiben begann ich aus Langeweile, aus Verdruss über die Welt und mit dem Ehrgeiz, die schöne Literatur, die ich las, weiterzuführen. Als ich «Herr Blanc» zum Studer-Ganz-Preis einsandte, war ich bereits seit acht Jahren fast ausschließlich mit Lesen und Schreiben beschäftigt gewesen. Der Preis bedeutete für mich, dass ich keinen Verlag suchen musste. Mit dem Mara-Cassens-Preis, dem Förderpreis des Bremer Literaturpreises und der Prämierung als bestes deutschsprachiges Debüt durch das Festival «du premier roman» in Chambéry folgte auch eine internationale Anerkennung, die für das Buch wichtig war.

Welche Tipps würden Sie Winterthurern geben, die schreiben wollen?
Prüfen Sie, ob Sie wirklich wollen und wirklich können. Sind Sie bereit für ein monetär desolates Leben, das nur der Zauber des Gelingens aufzuhellen vermag?

Welcher Ihrer Romane ist Ihr Liebling?
Nach dem Abschluss der Arbeit habe ich sie alle nicht mehr gelesen. Mir geht es wie Eltern mit ihren Kindern, die mit Recht behaupten, alle gleich zu lieben.

Sie sind kein Vielschreiber. Für Ihre Romane nehmen Sie sich Zeit.
Ich bin mir nicht sicher, was Zeit eigentlich ist. Ich sehe das entstehende Werk, das nach Vollendung verlangt. Im Übrigen würde ich es vorziehen, ein einziges bleibendes Werk zu erschaffen als hundert durchschnittliche.

Üben Sie durchschnittliche Hobbys aus?
Den Begriff «Hobby» lehne ich ab, Passion gefällt mir besser. Diese gilt meinen beiden Windhunden, einer Comte de Chambord (das ist eine Portland Rose), einer Pereskia grandifolia und einigen anderen Pflanzen. Ich schätze Künstler wie Rolf Szymanski, Emil Cimiotti, Gerhard Altenbourg und Reiner Schwarz. Ich lese den Merkur und sammle Espressotassen. Sportlich: das Wandern, Laufen und Klettern.

Was begeistert Sie sonst noch?
Meine Frau, das Licht, ästhetische Spannung.

Welche Dinge sind Ihnen wichtig?
Dass die Worte mich tragen, dass meine Frau sie mag.

Was ist Ihnen lieber: sich in literarischen Tropen verirren oder als Forstwart durch echte Wälder schreiten?
Als Forstwart gearbeitet habe ich nie. Ich war die verdriessliche Schule leid und habe eine Forstwart-Lehre gemacht. Aus heutiger Perspektive würde ich aber eher von einer Recherche sprechen. Ich hatte mich damals ständig gefragt, weshalb das, was ich da tue, nicht eine Maschine verrichtet. Daher sage ich: Geht nicht in den Wald arbeiten, schickt die Roboter hinein. Sollen die sich mit der Motorsäge das Oberschenkelkabel aufreißen oder sich von einem Baum erschlagen lassen! Ja, ich bin für das bedingungslose Grundeinkommen. Ich freue mich darauf, dass die Automatisierung und die künstliche Intelligenz Millionen sinnloser Jobs vernichten werden. Ich finde es besser, wenn Männer nicht im Wald schuften müssen, sondern mit ihren Töchtern Fussball spielen oder kochen können.

«Daher sage ich: Geht nicht in den Wald arbeiten, schickt die Roboter hinein. Sollen die sich mit der Motorsäge das Oberschenkelkabel aufreißen oder sich von einem Baum erschlagen lassen!»

Roman Graf, Schriftsteller

In Ihrem zuletzt veröffentlichten Roman «Mädchen für Morris» benutzen Sie – in zeitgenössischer Literatur eher ungewöhnlich – wenig direkte Reden.
Ich weiß nicht. Wie gesagt: Ich lese meine Texte nach Fertigstellung nicht mehr. Der Ich-Erzähler baut sich natürlich eine eigene Welt auf. Alle meine Romane entwickeln eine eigene Welt, die mit der «Realität» wenig gemein hat. Ich sage immer: Fiction is fiction.

Wer sind Ihre Lieblingserzähler?
Von Lieblingsautoren spreche ich ungerne. Meistens ist es ein einzelnes Buch, das für mich Bedeutung erlangt. Wobei in letzter Zeit doch die Intention und Entwicklung eines Schriftstellers wichtiger werden. Es gibt ja nur ganz wenige herausragende Schriftsteller. Das sind beispielsweise James Joyce, Jorge Luis Borges und Vladimir Nabokov im 20. Jahrhundert. Von allen ist mir Nabokov am nähesten, er begleitet mich seit Jahren.

Wird es von Ihnen irgendwann mal wieder Lyrik geben?
Das werde ich erstaunlich oft gefragt. Im Moment kann ich den Lyriklesern nur eine Relektüre meines alten und bisher einzigen Gedichtbandes anbieten. Ich glaube übrigens, dass in einem Schriftstellerleben drei Gedichtbände genug sind: jeweils einen im Jugend- und im Spätwerk und einen in der mittleren Lebensphase.

«Ich lese meine Texte nach Fertigstellung nicht mehr.»

Roman Graf, Schriftsteller

Wieso lesen die Menschen heutzutage lieber Prosa?
Weil unsere Zeit prosaisch ist.

Sie leben in Berlin?
Ja, in Berlin, bald acht Jahre. Aktuell folge ich jedoch meiner Frau. Wir führen ein Wanderleben. Im vergangenen Jahr verbrachten wir einen solaren Vorfrühling in La Marsa, Tunis. Im Herbst und Winter befanden wir uns einen Steinwurf von der Europäischen Zentralbank (EZB) entfernt in Frankfurt und beobachteten, was sich dort städtebaulich entwickelt. In den Sonnentagen dieses Frühlings und Vorsommers arbeiten wir in der Eifel, unweit von Bad Ems, wo wir uns zwischendurch erholen.

Ist Berlin auch prosaisch?
Meine Frau und ich überlegen, die Stadt zu verlassen. Berlin verfügt über die Vorzüge einer Metropole, und gleichzeitig ist das Leben günstig – ich glaube, das ist weltweit einzigartig. Aber die Stadt ist auch vulgär und unglaublich dreckig. Wirklich, unser Viertel ist eine Müllhalde. Wenn man mit einem italienischen Jackett durch die Straße läuft, wird man angespuckt. Das ist doch vulgär, nicht wahr?

Der 2005 gegründete Studer-Ganz-Preis wird alle zwei Jahre in der deutschsprachigen Schweiz ausgeschrieben und ist mit 5000 Franken dotiert. Gesucht werden unveröffentlichte deutschsprachige Romane, Erzählungen und Novellen von Autorinnen und Autoren unter 42 Jahren, die noch keine eigene Buchpublikation (ausgenommen Lyrik) vorweisen und das Schweizer Bürgerrecht besitzen oder ihren Wohnsitz in der Schweiz haben. Winterthurerinnen oder Winterthurer können ihr Manuskript dieses Jahr bis zum 30. Juni einreichen.

Roman Graf wurde 1978 in Winterthur geboren. Er übte nach seiner Lehre als Forstwart verschiede Berufe aus, so war er auch als Journalist tätig. Graf studierte an der Schule für Angewandte Linguistik in Zürich und am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig. Seit 2007 lebt er als freier Autor in Winterthur und Berlin. 2008 gewann er den mit 5000 Franken dotierten Studer-Ganz-Preis. Sein Roman «Niedergang» wurde 2013 für den Schweizer Buchpreis nominiert. Roman Graf ist seit drei Wochen verheiratet.

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