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Expertin der Kinder- und Jugendpsychiatrie

«Aggressionen von Kindern sind oft ein Hilferuf»

Johanna Schröder-Voges arbeitet im Bereich Kinder- und Jugendpsychiatrie. Die Ärztin beschäftigt sich dabei auch mit aggressiven Kindern. Sie hat für Eltern einen Ratschlag: Sich den Kindern annehmen, aber auch klar die Grenzen aufzeigen.

Talina
Steinmetz
Mittwoch, 04. Oktober 2017, 11:03 Uhr Expertin der Kinder- und Jugendpsychiatrie
Für Johanna Schröder-Voges sind Aggressionen oft Ausdruck negativer Gefühle wie etwa Wut, Trauer oder Neid. (Symbolbild: Martin Büdenbender/pixelio.de)

Ein fieses Wort vom Banknachbarn in der Schule oder eine ausbleibende Bestätigung der Eltern: Situationen wie diese sorgen, gerade bei Kindern, für negative Gefühle wie Trauer oder Wut.

Johanna Schröder-Voges arbeitet seit 2009 als Ärztin im Bereich Kinder- und Jugendpsychiatrie. In ihrem Alltag beschäftigt sich die 40-Jährige auch mit Aggressionen von Kindern.

Aggressive Kinder und Jugendliche. Ein Einzelfall oder Normalität?

Johanna Schröder-Voges: Aggressionen sind natürliche, reaktive Verhaltensprogramme. Sie gehören zum Menschsein dazu. Aggressivität ist nicht gleichzusetzen mit Gewalt­tätigkeit oder dissozialem Verhalten. Entwicklungsbedingt gibt es immer wieder Phasen, wo Auffälligkeiten im Verhalten bei Kindern auftreten. Auch aggressive Verhaltensweisen gehören dazu. Aggressives Verhalten, das sich jedoch dauerhaft schädigend auf die persönliche Entwicklung eines Kindes, sein Umfeld oder seine Laufbahn auswirkt, stellt ein Problem dar. Manchmal braucht es dann professionelle Unterstützung.

Wie lässt sich die Aggression von Kindern und Jugendlichen erklären?

Aggressionen haben unterschiedliche Funktionen. Sie sind oft Ausdrucksform von negativen Gefühlen, wie zum Beispiel Wut, Trauer, Neid, und gehen mit gefühlsmässigen Spannungszuständen einher. Sie können zur persönlichen Grenzsetzung dienen, sind häufig als Hilferuf zu verstehen und oft nicht angenehm für das Kind selbst. Es geht meist nicht darum, andere zu verletzen, sondern sind unter anderem Lösungsversuche für Grundbedürfnisse wie Anerkennung, Zugehörigkeit zu einer Gruppe und Beziehungen.

Welchen Einfluss haben die Eltern auf das aggressive Verhalten der Kinder?

Eltern und enge Bezugspersonen von Kindern spielen eine wichtige Rolle für deren Entwicklung und somit auch im Bereich der Aggressionsentwicklung. Biologische Faktoren, Temperament, mögliche zugrunde liegende Erkrankungen, um nur einige zu nennen, sind aber genauso relevant. Wie in vielen Bereichen gibt es keine einfachen Antworten, die Entstehung von Aggressionen ist multifaktoriell. Mir geht es bei meiner Arbeit als Kinder- und Jugendtherapeutin, aber auch als Mutter im Umgang mit meinen eigenen Kindern darum, sich dafür zu interessieren, warum ein Verhalten auftritt und den dahinterstehenden Sinn zu erfassen und gemeinsam Lösungswege zu finden.

Was gibt es bei solchen Lösungswegen zu beachten?

Hierbei ist eine empathische Anteilnahme wichtig. Scham und Schuld aufseiten der Eltern sind oft vorhanden. Als Eltern ist man immer wieder verunsichert oder auch manchmal zutiefst erschüttert, wenn sich sein eigenes Kind gegenüber anderen Kindern rücksichtslos oder gemein verhält. Bei Grenzüberschreitungen braucht es ein sofortiges, unmissverständliches Nein.

Was raten Sie Eltern, die eine aggressive Neigung bei ihrem Kind bemerken oder aufgrund von aggressivem Verhalten beispielsweise von der Schule benachrichtigt wurden?

Ich würde den Eltern raten, sich für die Gründe dieses Verhaltens zu ­interessieren, was mögliche Auslöser sein könnten. Sie könnten sich überlegen, ob dieses Verhalten vorübergehend oder schon seit Längerem bestehend ist. Was könnte gerade los sein, in der Schule oder mit Freunden? Solche Fragen können helfen, das Kind oder den Jugendlichen besser zu verstehen.

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