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Erotik Markt Volketswil: Die meisten kommen angezogen

Erotik Markt Volketswil: Die meisten kommen angezogen

Ein Tag im Erotik Markt in Volketswil. Gegen Mittag sieht Redaktorin Isabel Heusser eine junge Frau, die mit einer Katzenmaske auf dem Kopf aus der Lack- und Leder-Abteilung läuft.

Mittwoch, 22. April 2015, 17:51 Uhr

Ursi kennt die Erklärungen. Manche sind ausgefallener als andere. Wie die eines Kunden, der einen 33 Zentimeter langen und 7 Zentimeter breiten violetten Dildo in der Hand hielt und zu ihr sagte: «Der ist für meine Mutter.» Solche Geschichten lösen bei Ursi höchstens ein Schulterzucken aus. «Es gibt halt immer noch Leute, denen es peinlich ist, zu uns zu kommen.» Sogar wenn sie nur Massageöl kaufen. Ursi ist Geschäftsleiterin im Erotik Markt Volketswil, wo ich einen Tag verbringe. Das Eis ist schnell gebrochen, Ursi ist eine Frohnatur, spontan und aufgeschlossen. «Können wir Du zueinander sagen?», fragt sie als erstes. Neben Ursi arbeiten heute Eva und Yvonne im Laden, Marion hat Ferien. Das Revier ist aufgeteilt: Yvonne ist meist an der Kasse, Ursi im ersten und Eva im zweiten Stock. Im Erotik Markt arbeiten aus Prinzip nur Frauen.

Es ist kurz vor zehn Uhr morgens in Zimikon, graues Einerlei von Bürogebäuden und Parkplätzen im Gewerbegebiet, nur das Erotik Markt-Haus leuchtet rot. Keine 30 Sekunden nach Ladenöffnung schreitet ein Mann durch den Eingang, zielstrebig zum Lift, ab in den zweiten Stock zur DVD-Abteilung. Pornos, so weit das Auge reicht. Sparte Behaarte, Hausfrauen, Omas, Dicke – alles da. Kaum läuft der Kunde nach einer halben Stunde zur Kasse, kommt der Nächste. So geht das den ganzen Tag. Manche Männer kaufen die DVDs stapelweise. Es gibt auch Pornos für Frauen, und sie laufen gut. Die meisten sind aufwendig produziert, Ästhetik steht im Vordergrund. Fast immer gibts eine Vorgeschichte, bevor es – stilvoll – zur Sache geht.

Der Laden ist hell und wohlsortiert, im Hintergrund dudelt das Radio. Wie bei einem Grossverteiler. «Unser Laden hat nichts Schmuddliges an sich», sagt Ursi, «auch wenn viele Leute das glauben. Wenn sie reinkommen, sind sie positiv überrascht.» Manche Kunden stehen erst etwas ratlos im Laden. Im Parterre befindet sich nur die Unterwäscheabteilung und eine, die sich «Streetwear» nennt: Normale Kleider für Männer und Frauen. Ganz jugendfrei. Wo, ähm, befinden sich denn die Sextoys und so? Im zweiten Stock. Hier tut sich ein Wunderland für Sexspielzeug auf. Vibratoren, Liebeskugeln, Penispumpen, Gummipuppen («Mandy» ist beliebt, denn ihr Gesicht sieht aus wie echt), Liebesschaukeln – in allen möglichen Grössen, Farben und Materialien.

Damit auch die Männer etwas zum spielen haben, haben fast alle Vibratoren eine Fernbedienung. Für die Männer gebe es wenig Sextoys, sagt Ursi. Fast alle sind sogenannte Masturbatoren: Künstliche Vaginas oder Anus-Imitatoren. Ein Verkaufsschlager ist der «Airblow 2», der aussieht wie ein Mixer. Der «Airblow» ist einer der wenigen elektronisch betriebenen Masturbatoren. Heute geht einer weg. Der Kunde möchte ihn in eine neutrale Tüte verpackt, bitte.

Der Erotik Markt liegt im Bermuda-Dreieck der Lust. In der obersten Etage des Gebäudes hat sich der Saunaclub Flip eingenistet, der Sexclub Globe und die Bumsalp sind ganz in der Nähe. Vor Parties decken sich die Gäste im Erotik Markt ein, gerne in der Fetisch-Ecke. Ursi erzählt von einem Geschäftsmann im Anzug, der sich nach einer Corsage umsah und ihr irgendwann zuraunte: «Sie ist für mich gedacht.» Das Objekt der Begierde zog er gleich an, darüber das Hemd, und verliess so den Laden. Nicht alle Kunden verbergen ihre Neigungen. Die Domina und ihr Sklave, zwei Stammkunden, leben sie öffentlich. Sie: In Lack und Leder gekleidet. Er: Mit Halsband und angeleint, nur mit einem Slip bekleidet, der Mund geknebelt, Hände und Füsse gefesselt. Die anderen Kunden störe das jeweils kaum, sagt Ursi. «Die sind froh, wenn sie selbst keine Aufmerksamkeit auf sich ziehen.»

Die meisten Kunden kommen aber angezogen in den Laden. Wie der Mann, der sich mit seiner Frau das regnerische Wochenende versüssen will. Wie viele Männer versinkt er im Dschungel von Körbchengrössen und Stringtanga-Versionen. Aber Ursi ist ja da. Geduldig sucht sie mit dem Kunden ein neckisches Nichts für seine Frau aus. Der Mann strahlt. «Ich komme gerne hierher. In Warenhäusern werde ich angestarrt, wenn ich alleine durch die Unterwäsche-Abteilung laufe.»

In den Erotik Markt kommt jeder: Handwerker, Büroangestellte, Hausfrauen. Nur zugeben will das keiner. Darum schweigt Ursi jeweils diskret, wenn sie in ihrer Freizeit zufällig einen Stammkunden trifft – und der nicht weiss, woher er sie kennt.

Gegen Mittag läuft eine junge Frau mit einer Katzenmaske auf dem Kopf aus der Lack- und Leder-Abteilung. Sie ist ihr zu klein, ob es noch eine andere Grösse gebe? Sich fürs Liebesspiel zu verkleiden, ist gängig. Es gibt Dienstmädchen-, Krankenschwester- und Schulmädchenkostüme. Männer kaufen Outfits im Polizisten-Look. Etwas versteckt in einem Regal liegen die Sado Maso-Toys: Peitschen, Nippelklemmen oder Spekulums, das Frauenärzte benutzen. Und etwas, das aussieht wie ein Weidezaungerät und bestimmt auch als solches zu gebrauchen wäre. Lust durch Stromschläge – auch das gibts. Für die Hartgesottenen. Die meisten versuchen es erst mal mit Handschellen und Augenbinden.

Die Zeiten, in denen der Erotik Markt auf Männer ausgerichtet war und Pornos in den Regalen dominierten, sind schon lang vorbei. Niemand weiss das so gut wie Ursi. Sie arbeitet seit 20 Jahren hier. Als ihre Kinder zehn und zwölf waren, wollte sie wieder im Verkauf arbeiten. Zögerte, als sie auf eine Stellenanzeige des Erotik Markts stiess. «Ich stellte mir den Laden schmuddelig vor.» Also schickte sie ihren Mann vor, um das Geschäft auszukundschaften. Der sah nur Regale voller Pornos und befand: Alles in Ordnung. Ursi bewarb sich, damals noch bei Erotik Markt-Inhaber Patrik Stöckli. Er ist heute vor allem im Hintergrund tätig.

Eine Frage bleibt noch offen: Wohin führt die Tür rechts neben der Kasse? Zu den Filmkabinen, in denen Männer gegen Bares Pornos schauen können, ein Mini-Sex-Kino wie ein Überbleibsel aus den Neunzigern. Taschentücher und ein Kübel stehen bereit. Am Abend müssen sie geleert werden, eine Arbeit, die niemand gerne macht. «Meistens übernehme ich das», sagt Ursi. Dass die Kabinen immer weniger genutzt werden, stört keinen der drei Frauen.

Um 20 Uhr geht der Laden zu, dann wird abgerechnet, Feierabend. Wie im Grossverteiler.

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