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Holocaust-Überlebender in Uster

Einer der letzten Zeugen im Klassenzimmer

Gabor Hirsch ist einer der letzten Holocaust-Überlebenden in der Schweiz. Am Dienstag sprach er vor Berufsschülern in Uster über seine Zeit in Auschwitz und das Schicksal seiner Familie.

Benjamin
Rothschild
Donnerstag, 08. März 2018, 07:07 Uhr Holocaust-Überlebender in Uster
Gabor Hirsch erzählte auch Berufsschülern in Uster von seiner persönlichen Geschichte während der Schoah. (Bild: Christian Merz)

Im so genannten Raum Alpha der Ustermer Kantonsschule ist es eng an diesem Mittag. Rund 80 Berufsschüler verschiedener Klassen im Alter zwischen 18 und 25 Jahre haben fast sämtliche Stühle in Beschlag genommen. Es herrscht Klassenzimmer-Stimmung, die Schüler reden, tuscheln, reissen Witze. Doch sie verstummen schlagartig, als der Mann vorne auf dem Podium das Wort ergreift: Gabor Hirsch, 88 Jahre alt, einer der letzten in der Schweiz lebenden Holocaust-Überlebenden.

Hirsch wurde von Tobias Gerosa, Geschichtslehrer an der Berufsmittelschule Uster, eingeladen. Er tat am Dienstag das, was er in Uster bereits in vergangenen Jahren tat und am 23. März am selben Ort aber vor anderen Klassen erneut tun wird: Über seine Vergangenheit und sein persönliches Schicksal zur Zeit der Schoah sprechen.

Vernichtung im Eiltempo

Gabor Hirsch kam 1929 in der ungarischen Kleinstadt Békéscsaba (damals rund 50‘000 Einwohner) zur Welt. Sein Vater führte ein Elektro-, Radio- und Fahrradgeschäft, die Familie Hirsch zählte sich zum liberalen Teil der lokalen jüdischen Gemeinde.

Ins Gymnasium ging Hirsch mit Mitschülern verschiedener Konfessionen. «Wir Juden erfuhren in der Schulzeit relativ wenig Ausgrenzung», erinnert er sich. Gesellschaftlich waren die ungarischen Juden hingegen benachteiligt, unter anderem durften sie keinen Militärdienst leisten, als Ungarn 1941 auf der Seite Nazi-Deutschlands in den zweiten Weltkrieg eintrat. Stattdessen wurden sie für militärische Zwangsarbeit ausgebildet. Auch kam es vor allem in den ungarischen Grenzgebieten zu Massenmorden an Juden mit mehreren tausend Toten.

Dennoch war die Lage der ungarischen Juden lange Zeit besser als in anderen europäischen Ländern. Als die Familie Hirsch im März 1943 mit ihrem Geschäft in ein neues Haus in Békéscsaba einzog,  waren im von Deutschland besetzten Teil der Sowjetunion sowie in anderen ost- und westeuropäischen Ländern schon Millionen Juden der «Endlösung», der systematischen Vernichtung, zum Opfer gefallen.

Das Schicksal der ungarischen Juden änderte sich mit dem Deutschen Einmarsch in Ungarn am 19. März 1944. Es vollzog sich im Eiltempo, was in anderen europäischen Ländern zuvor teils während Jahren geschah: Sämtliche Mitglieder der jüdischen Bevölkerung wurden registriert, anschliessend erst in so genannte «Judenhäuser» und dann in Ghettos umgesiedelt und schliesslich in die Vernichtungslager abtransportiert.

Gabor Hirsch und seine Mutter wurden am 26. Juni 1944 ins damals grösste Vernichtungslager Auschwitz deportiert – die alliierten Truppen waren zu diesem Zeitpunkt schon an der Normandie gelandet, die deutsche Kriegsniederlage war nur noch eine Frage der Zeit.

Doch trotz des sich abzeichnenden Endes des Nazi-Regimes trieb der für die Deportationen hauptverantwortliche SS-Obersturmbannführer Adolf Eichmann seine Mission mit Eifer voran. Innert zehn Wochen wurden 437‘000 ungarische Juden nach Auschwitz deportiert.

Hirsch kam in Auschwitz am 29. Juni an – nach einer dreitätigen Reise in einem mit knapp hundert Menschen überfüllten Viehwagon. Gleich nach der Ankunft wurde der damals 14-Jährige von seiner Mutter getrennt und einer Selektion unterzogen. Als arbeitsfähiger Jugendlicher kam er ins so genannte Zigeunerlager. Wer als nicht arbeitsfähig eingeschätzt wurde – zum Beispiel Kinder, Alte oder schwangere Frauen – wurde sofort in die Gaskammern geschickt.

Mit der Mutter am Zaun

Die Einteilung ins «Zigeunerlager» erwies sich  für Hirsch als Glück im Unglück: Zwar musste er auch dort in einer Baracke mit zum Teil bis zu 1200 Mithäftlingen schlafen, litt Hunger und lebte in ständiger Angst vor Selektionen und der Willkür der Aufseher. Doch das «Zigeunerlager» war innerhalb des gigantischen Komplexes von Auschwitz ein so genanntes Transitlager, wo die Häftlinge keine schwere körperliche Arbeit verrichten mussten. Hirsch stattdessen wurde für leichtere Arbeiten innerhalb des Lagers abdelegiert.

«Mit Brot konnte man sich im Lager alles kaufen, manchmal sogar das Leben.»

Gabor Hirsch, Holocaust-Überlebender

Bei zwei solchen Arbeitseinsätzen kam er dem Frauenlager nahe. Dabei sah er zwei Mal seine Mutter, die die erste Selektion ebenfalls überlebt hatte. Das erste Mal nur von weitem, das zweite Mal konnte er sich ihr am Stacheldrahtzaun, der die beiden Lager trennte, nähern. Beide hatten ein Stück Brot in der Hand, das sie einander geben wollten. Denn Brot war laut Hirsch die wichtigste Währung im Lager, mit der man sich alles kaufen konnte. «Manchmal sogar das Leben», erinnert er sich. Sie habe sich schliesslich durchgesetzt und ihm durch den Zaun hindurch ihr Brot ausgehändigt. Es war dies das letzte Mal, dass Gabor Hirsch seine Mutter sah. Sie wurde später von Auschwitz ins Konzentrationslager Stutthof deportiert und starb dort im Dezember 1944. Hirsch sollte dies erst Jahre später erfahren.

Im Vorraum der Gaskammer

Während er in Uster über diese Erinnerungen spricht, bleibt Gabor Hirsch sehr gefasst. Das sei nicht immer so gewesen: 1990 sei er mit seinem Sohn nach Auschwitz zurückgekehrt und habe zum ersten Mal ausführlich seine Geschichte erzählt. Als er sich an seine Mutter erinnerte, habe er weinen müssen.

Dass Hirsch an diesem Tag vor den Berufsschülern sprechen kann, verdankt er nicht zuletzt viel Glück. Er überlebte zwei Selektionen, die von den Nazis oft bewusst auf jüdische Feiertage gelegt wurden. Am 27. September (am jüdischen Feiertag Jom Kippur) liess der Lagerarzt Josef Mengele, der «Todesengel von Auschwitz», eine Holzlatte auf einer Höhe von 1,5 Meter anbringen. Die Jugendlichen, die zu klein waren und die Latte nicht mit dem Kopf berührten, wurden in den Tod geschickt. Gabor Hirsch war zu klein. Doch ein Kinderarzt aus Prag wählte in der Folge unter den rund 600 todgeweihten Jugendlichen 21 aus, die doch noch arbeitsfähig waren – Hirsch gehörte dazu.

Doch bereits im folgenden Oktober wurde Gabor Hirsch erneut selektiert. Er befand sich schon im Vorraum einer Gaskammer, als Offiziere vorbeikamen und ihm und den anderen nackten Jugendlichen befahlen, Liegestützten zu machen. Hirsch gehörte zu den wenigen, die als kräftig genug eingeschätzt wurden. Er durfte sich wieder anziehen und überlebte.

Ein drittes Mal Glück hatte Hirsch, als das Lager im Januar 1945 geräumt wurde. Den Jugendlichen in Hirschs Baracke wurde von den Aufsehern freigestellt, ob sie sich auf einen der berüchtigten «Todesmärsche» nach Westen begeben oder im Lager bleiben wollten. Letzteres war ein Risiko, denn dass die im Lager Zurückgebliebenen am Leben gelassen werden, war wenig wahrscheinlich. Doch Hirsch wusste, dass er zu schwach war, um einen langen Marsch zu überstehen. Er blieb in Auschwitz zurück. Als am 25. Januar der letzte Appell durchgeführt wurde, versteckte er sich unter einem Strohsack und blieb unentdeckt. Am 27. Januar 1945 kamen die sowjetischen Soldaten und befreiten das Lager. Gaber Hirsch wog da noch 27 Kilogramm.

«Krasse Geschichte»

Im Anschluss an Hirschs Erzählung will ein Schüler wissen, ob er bei seiner Deportation und zum Zeitpunkt seiner Ankunft im Lager gewusst habe, was ihn in Auschwitz erwartete. «Wir wussten sehr wenig», antwortet Hirsch. Zwar hätten vor dem Nazi-Einfall in Ungarn viele jüdische Flüchtlinge aus der Slowakei in seiner Heimatstadt Békéscsaba Zwischenhalt gemacht (sie wollten nach Istanbul und von dort nach Palästina) und «einiges erzählt», so Hirsch. «Aber wir konnten uns nicht vorstellen, dass das auch in Ungarn geschieht.» Und als er in Auschwitz angekommen sei, hätten ihm die Älteren vorgemacht, dass es sich bei den Krematorien um Bäckereien handeln würde.

Es ist an diesem Mittag Hirschs letzte Ausführung zu seiner persönlichen Geschichte während der Schoah. Danach bedankt er sich bei den Berufsschülern, weil diese die ganze Zeit über «diszipliniert ausgeharrt» hätten. Er erhält kurz Applaus, danach sagt Geschichtslehrer Tobias Gerosa, dass es «nach Stundenplan» weiter gehe.

Im Freien stehen einige der Schüler, die zuvor während rund eineinhalb Stunden zugehört hatten, im Kreis. «Krasse Geschichte», sagt einer. «Wir hatten ja schon ein paar Geschichtsstunden über Juden und so, aber das alles von einem Betroffenen persönlich zu hören, ist schon eindrücklich», meint ein anderer.

«Das alles von einem Betroffenen zu hören, ist schon eindrücklich.»

Schüler im Publikum

Geschichtslehrer Tobias Gerosa sagt, dass die Schüler einen ganz anderen Zugang zur Nazi-Zeit und zum Holocaust hätten, wenn sie einem Direktbetroffenen zuhören können. Das Angebot, Holocaust-Überlebende nach Uster zu holen, sei ihm einst von der kantonalen Erziehungsdirektion unterbreitet worden. «Solange es noch Personen gibt, die diese Zeit erlebt haben und darüber erzählen können, sollten wir diese Möglichkeit nutzen», sagt Gerosa.

B-14781

Während der Schoah verlor Gabor Hirsch neben seiner Mutter auch zwei Tanten und mehrere Cousins. Sein Vater hatte den Holocaust im militärischen Arbeitsdienst in Ungarn überlebt, Hirsch sprach mit ihm zeitlebens nie über das Erlebte.

Nach der Niederschlagung des Ungarn-Aufstands durch die Sowjetunion 1956 flüchtete Hirsch in die Schweiz. Er heiratete, bekam zwei Söhne und erwarb ein Diplom als Elektroingenieur. Heute lebt er in Esslingen. «Man muss sich mit der Vergangenheit arrangieren», sagte er einmal. Über seine Erlebnisse während des Holocausts hat er ein Buch geschrieben, an diese erinnert wird er unter anderem durch die Nummer B-14781, die ihm in Auschwitz auf den linken Unterarm tätowiert wurde.

«Vollgefressen kann ich mich sowieso nicht in meine damalige Situation hineinversetzen.»

Gabor Hirsch

Das öffentliche Erzählen sei für ihn mittlerweile zur Routine geworden. «Vollgefressen kann ich mich sowieso nicht in meine damalige Situation hineinversetzen», sagt er. Als Notwendigkeit, ja gar als Mission, erachtet Hirsch das Erzählen von der Schoah dennoch: «Es ist meine Aufgabe zu zeigen, wohin Ausgrenzungen führen können – ob sie nun antisemitisch sind, islamophob oder sich gegen andere Minderheiten richten», sagt er.

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