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Uster – die «perfekte» Filmstadt

Für seinen Film «Recycling Lily» suchte Regisseur Pierre Monnard nach einer sauberen und perfekt organisierten, kleinen Stadt. Fündig wurde der Westschweizer in Uster. Das Resultat der Dreharbeiten wird nächstes Jahr im Kino zu sehen sein.

Mittwoch, 08. August 2012, 20:15 Uhr

Die Bise weht stark vom Brunnenkreisel her. Der Filmcrew vor dem Restaurant Boulevard in Uster macht das anscheinend wenig aus, einzig das Plakat mit der Aufschrift «Lucky Burger», das eigens für den Dreh des Schweizer Films «Recycling Lily» angebracht wurde, ist leicht verweht. Crew und Schauspieler sitzen vor dem abgesperrten Restaurant herum und tun vor ?allem eins: warten. Warten auf den Einsatz. Hauptdarstellerin Johanna Bantzer hält ihre Zigarette damenhaft in die Höhe, sie steckt in einer Fastfood-?Uniform. Der Hauptdarsteller Bruno Cathomas sitzt zusammengesunken in einem Klappstuhl, weisse Stöpsel in den Ohren, lesend. Das Scheinwerferlicht wird von grossen Reflektoren ins Innere des Restaurants gelenkt. Dort wird die nächste Szene vorbereitet. Der Kameramann weibelt herum und gibt auf Englisch Anweisungen. In der zu drehenden Sequenz hat Bantzer ein Tablett fallen lassen, das Keramikgeschirr ist zerschellt, die Getränke sind ausgelaufen. «I need nice little pools», sagt der Kameramann, und ein Helfer giesst vorsichtig Flüssigkeit auf den Boden. Die Schauspielerin wird ins Innere gerufen, steht vor dem durchorganisierten Chaos am Boden und – wartet. Kurzzeitig kommt Hektik auf. Das Licht muss mehrfach verändert werden, das zerschellte Geschirr stimmt noch immer nicht, es wird um Ruhe gebeten, und endlich ertönt das Zauberwort: «Dreh».

Zwei Tage lang hielt die Filmcrew Mitte Juli das Ustermer Restaurant an der Zürichstrasse besetzt, bevor sie zum nächsten Drehort im aargauischen Birr weiterzog. Vor genau einer Woche fanden die Dreharbeiten für «Recycling Lily» nach insgesamt 30 Tagen ein Ende. Der Kopf hinter dem Film über die unmögliche Liebe zwischen einem pedantischen Müllinspektor und einer Frau mit Messie-Syndrom ist der Westschweizer Regisseur Pierre Monnard. Er hat nicht nur die Idee zur Geschichte entwickelt, sondern auch viele der Schauplätze selber gesucht. Darunter die drei Drehorte in Uster. Neben dem Restaurant Boulevard hat das Team auch im Ustermer Stadthaus und an der Jungholzstrasse in Niederuster gedreht.

Der Zufall führte nach Uster

Dass Uster zum Handkuss kam, hat die Stadt einem Zufall zu verdanken. «Ich suchte nach einer sauberen, ruhigen, perfekt organisierten Stadt», sagt Regisseur Pierre Monnard. Im Frühling leitete er ein Schauspielerseminar in Uster. «Ich kannte Uster vorher nicht, spürte aber eine gute Atmosphäre und bin während der Mittagspausen häufig durch die Stadt gelaufen.» Besonders die Architektur des Stadthauses habe ihn beeindruckt, sagt Monnard.

Und schliesslich ist er auf das Quartier an der Jungholzstrasse gestossen. «Jeder Garten ist schön gepflegt, vor ?jedem Haus war ein Müllsack korrekt platziert. Das war genau das Quartier, das ich suchte», sagt der Regisseur. Und in eben dieser perfekten «Postkartenwelt» hat der Regisseur seine Haupt­figur – Müllinspektor Hansjörg Stähli – angesiedelt. «Die Geschichte lebt vom Kontrast zwischen Perfektion und Chaos», erklärt Monnard. Das Quartier an der Ustermer Jungholzstrasse verkörpert dabei natürlich Ersteres.

Gespielt wird Hansjörg Stähli von Bruno Cathomas. Der Bündner wohnt heute in Berlin und Hamburg und hat als bekennender Stadtmensch wenig mit der Welt an der Jungholzstrasse gemein, wie er selbst sagt. «Ich fühlte mich wie in einem Klischee der Schweiz. Trotzdem war es spannend, mit den Anwohnern zu sprechen – sehr interessante Leute», sagt er.

Kooperative Anwohner

Nicht nur das: Die Anwohner hätten sich auch sehr kooperativ gezeigt, sagt Roland Stebler von der Zürcher Produktionsfirma C-Films, die «Recycling Lily» produziert. Als Produktionsleiter hält Stebler die Fäden zusammen und kümmert sich unter anderem um die Entschädigung der Personen, die ihre Häuser oder Gärten für die Dreharbeiten zur Verfügung stellen. «Wenn wir im Innern eines Hauses drehen, gibt es in der Regel Geld», erklärt er.

Auch Özgür Turan, der Geschäftsführer des Restaurants Boulevard, wurde für seinen Ausfall entschädigt, schliesslich musste er sein Lokal während der Dreharbeiten komplett schliessen. Wie viel er bekommen hat, will er nicht verraten. Doch neben dem Geld, erhielt er eine nicht alltägliche Erfahrung. «Es war sehr spannend, die Dreharbeiten zu verfolgen. Ich habe sogar eine kleine Statistenrolle bekommen», sagt er stolz. Schauspielerin Johanna Bantzer, die im Film als Kellnerin im Restaurant arbeitet, erinnert sich: «Er hat das herzig gemacht. Die ganze Besitzerfamilie war sehr hilfsbereit.»

Turan wird im Film als Kunde in seinem eigenen Lokal zu sehen sein. ?Wobei die Filmleute von der ursprünglichen Einrichtung des Restaurants nicht viel stehen liessen. «Sie haben alle Tische und Stühle rausgenommen und sogar die Bilder abgehängt», so Turan. Regisseur Pierre Monnard schwebte nämlich ein Diner nach nordamerikanischem Vorbild vor. «Dank der zentralen, offenen Küche und den gelben Wänden funktionierte die Umgestaltung des Restaurants Boulevard sehr gut», erklärt Monnard.

Ärzte im Stadthaus

Auch das Stadthaus Uster wird im Film nicht in seiner eigentlichen Funktion gezeigt. Als die Filmcrew Anfang Juli einen Tag dort drehte, verwandelte sie das Gebäude in eine Kinderklinik. In einem Gang im ersten Stock zeugten Infusionsständer und Trolleys mit Pillenschachteln von der Transformation. Eine Krankenschwester und ein Arzt wuselten umher. In den Zimmern warteten aber nicht etwa Patienten in ihren Betten, hinter den Türen befanden sich vielmehr die Büros der Sozialberatung. Die Bildschirmschoner der Computer liefen noch, während die Mitarbeiter der Stadt sich wohlweislich zu einer Sitzung zurückgezogen hatten und das Feld den Filmemachern überliessen. «Wir haben bei laufendem Betrieb gedreht», erklärt Produktionsleiter Roland Stebler. «Das versucht man im Normalfall zu vermeiden.» Im Stadthaus habe das dank dem grossen Entgegenkommen der Angestellten aber sehr gut funktioniert.

Rahel Würmli, bei der Stadt Uster für die Öffentlichkeitsarbeit zuständig, meinte am Tag des Drehs: «Es ist für uns toll, das mitzuerleben.» Dadurch, dass der Drehtermin schon einige Zeit im Voraus festgestanden habe, habe sich auch die Sozialberatung gut auf die Situation vorbereiten und ihre Sitzung auf die Zeit des Drehs verlegen können.

Gut möglich, dass Uster nicht zum letzten Mal als Schauplatz für einen Schweizer Film gedient hat. Pierre Monnard zeigte sich jedenfalls beeindruckt von der Stadt. «Es hat viel Kunst und Geschichte in Uster, und offenbar haben hier viele Künstler und Kreative eine gute Zeit gehabt», sagt er. Besonders die Gegend rund um die Villa am Aabach und den Blick vom Schloss habe er als sehr inspirierend empfunden, so der Regisseur. Und er sagt: «Ich werde wiederkommen.»

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