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Spielgruppe wirbt mit Bierdeckeln

Spielgruppe wirbt mit Bierdeckeln

Im «Ameisinäscht» suchen sich die Kinder selbst aus, was sie machen wollen. Sylvia Seeholzer hat sich in der Spielgruppe für Freiheit anstelle erzieherischer Indoktrination entschieden. Dafür wirbt sie jetzt mit Bierdeckeln.

Freitag, 10. November 2017, 16:20 Uhr

Während einer Fussball-WM dekorierten die Kinder der Ustermer Spielgruppe Ameisinäscht WC-Rollen mit Länderflaggen und schenkten diese ihren Eltern. In diesen versteckten sich Getränkedosen. Doch der Saft war schnell ausgetrunken, die Dosen hinterliessen Abdrücke auf dem Tisch, und da kam der Spielgruppenleiterin Sylvia Seeholzer die Idee, Untersetzer in Form von bedruckten Bierdeckeln, als Flyer zu kreieren. Werbung die Freude macht, äusserst nützlich ist und erst noch als Frisbees zum Spielen gebraucht werden kann.

Auf die Aussage, dass Bierdeckel nicht sonderlich kinderfreundlich seien, entgegnet der 19-jährige Praktikant Flavio Ziegler: «Die Kinder sind zwei bis fünf Jahre alt. In dem Alter wissen sie ja nicht einmal, was Bierdeckel sind. Wir haben unseren eigenen Jargon, die Kleinen nennen sie Frisbees.»

«Bei einem ‹Unfall› kommen sofort alle Kinder – eines mit dem Arztkoffer – und helfen dem Verletzten.»
Flavio Ziegler, Praktikant

Klammern und Weinen
Natürlich müssen die Kinder im «Ameisinäscht» nicht mit Bierdeckeln spielen. Wenn sie um 8 Uhr ankommen, klammern sie sich oft an ihre Mamis oder Papis und einige vergiessen beim Abschied Tränen. «Im Sommer ist es für die Kleinen schwerer, nach den Herbstferien haben sie sich langsam daran gewöhnt, selbständig einen Morgen zu verbringen. Deswegen gibt es jetzt weniger Tränen», so Sylvia Seeholzer. Am Mittag wiederholt sich das gleiche Spiel. Nur wollen einige Kinder dann die Spielgruppe nicht verlassen.

«Am meisten tröstet die Kinder Ausstrahlung und Präsenz. Werden die Kinder gemocht, spüren sie es.» Ziegler fügt hinzu: «Ich bin glücklich, wenn die Kleinen sich freuen, mich zu sehen. Oder ich von den Eltern höre, dass diese daheim von mir erzählen und berichten, wie lustig es bei uns sei. Man gewinnt die Kleinen mega lieb, wenn man mit ihnen den Morgen verbringt.»

In der Spielgruppe gibt es ein wöchentlich wechselndes Angebot, bei dem die Kinder in Form einer speziellen Aufgabe basteln oder malen können, wenn sie möchten. Nach dem Znüni gibt es dann freies Spiel. Bücher, Versli, Liedli, Theater und Geschichten gehören zum Spielgruppenalltag. Oft sind Rätsel dabei, die mehrere Antworten zulassen und die Kinder zu kritischem Denken ermutigen.

Das Spielgruppenteam animiert die Kleinen zum Kneten und Formen, «Stüpferle», Kleben, Leimen, Sägele oder Schneiden. Für Wehwechen habe das «Ameisinäscht» seine Rituale, sagt Ziegler. «Bei einem ‹Unfall› kommen sofort alle Kinder – eines mit dem Arztkoffer – und helfen dem Verletzten. Wenn das Pflaster angebracht ist, spielen die Kleinen dann meist eine halbe Stunde Doktor.»

«Früher konnten Gleichaltrige sich überall spontan treffen, heutzutage müssen die Kleinen in Spielgruppen mitmachen, um überhaupt anderen Kindern zu begegnen.»
Sylvia Seeholzer, Spielgruppenleiterin

Auch für besondere Kinder
Jeden Vormittag besucht ein Dutzend Kinder die Spielgruppe – auch ein bis zwei, die besonderer Aufmerksamkeit bedürfen. Das können Kinder sein, die nicht gut Deutsch können oder solche mit Autismus, Trisomie 21 oder Hochsensibilität. «Hochsensible Kinder beispielsweise sind mit zu vielen Reizen überfordert. Wenn drei Kinder gleichzeitig reden, dann können sie die vielen Inputs nicht einordnen», so Sylvia Seeholzer.

Für sie sind Spielgruppen für die Entwicklung der Kinder enorm wichtig: «In diesem Alter sind sie neugierig. Sie brauchen Gleichaltrige, um die Welt zu erkunden und zu sehen, was die anderen machen und wie sie es machen. Durch Nachahmung erlernen sie neue Strategien. Alleine zu spielen ist nie dasselbe, wie wenn man mit anderen Kindern spielt».
Die Spielgruppen seien der letzte Ort, wo es noch ein Dürfen und nicht nur ein Müssen gebe, um die Welt kennen zu lernen.

Auch für das Selbstbewusstsein und die Sprachkompetenz seien Spielgruppen enorm wichtig, damit die Kleinen nicht ins kalte Wasser namens Leben geworfen würden. Zudem gibt es gemäss Sylvia Seeholzer immer weniger Kinder: «Früher konnten Gleichaltrige sich überall spontan treffen, heutzutage müssen die Kleinen in Spielgruppen mitmachen, um überhaupt anderen Kindern zu begegnen.» 

Weitere Infos unter www.ameisinaescht.ch

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