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Niels Kretschmann: Unrat als Arbeitsbasis

Nichts ist spannender als Menschen, die etwas zu erzählen haben. Die Serie «Kopf der Woche» stellt solche Personen ins Zentrum. Diesmal erzählt der Ustermer Niels Kretschmann aus seinem Leben.

Mittwoch, 13. August 2014, 19:29 Uhr

Er fällt auf, wenn er geschäftig in der offenen Halle der Abfallsammelstelle Dammstrasse arbeitet. Nicht nur wegen seiner Tätowierungen und dem gestylten, vollen Haupthaar. Auch seine Freundlichkeit im Umgang mit der Kundschaft, die besonders an Samstagen und nach Feiertagen in einer nicht enden wollenden Autoschlange mit ihrem Kehricht bei der Sammelstelle direkt beim Bahnhof anrückt. Niels Kretschmann nimmt Fragen und Spezialmüll mit einem Lächeln entgegen und gibt geduldig Auskunft, wenn es darum geht, wo genau jetzt der Keramik-, Karton- oder Glasmüll entsorgt werden muss. Kaum denkbar, dass der 50-jährige Ustermer einst eine Banklehre beim ehemaligen Schweizerischen Bankverein absolvierte. «Von der Intelligenz her hat es gereicht, ich wurde aber nie an der Front mit Kundenkontakt eingesetzt.» Und: «Ich habe auf der Bank sehr tolerante Leute kennengelernt und habe nach dem Lehrabschluss auch zwei Angebote in der IT und an der Börse bekommen», so Kretschmann, der diese jedoch ablehnte und in die Berliner Punkszene abtauchte. «Das war meine Lebensphase der Weltveränderung, ich habe Punk immer als Kultur und als Kunstform gesehen», sagt Kretschmann, der, zurück in der Schweiz, bis vor wenigen Jahren aktiv in einer Punkband mitspielte.

Niels Kretschmann war es jedoch immer wichtig, draussen zu arbeiten und als aktiver Punker («Wir waren ja der menschliche Abfall der Gesellschaft») hätte es auf der Hand gelegen, dass er auf dem Trittbrett eines Müllwagens landete, erzählt er lachend. «Ich habe in den folgenden Jahren immer wieder im Turnus gearbeitet und bin auf Reisen gegangen.» Neben der exotischen Unabhängigkeit des Unterwegsseins schätzte Kretschmann auch die Freiheit dieser Arbeit. «Ich habe mich auf dem Trittbrett tatsächlich frei gefühlt. Und ich konnte in der Punkszene mein durch die Banklehre ramponiertes Image aufpolieren.» Zudem habe er die Arbeit mit dem Kehricht immer als sinnvoll empfunden. «Beispielsweise einem alten Ehepaar zu helfen, die Möbel rauszubringen, ist ein Dienst an der Gesellschaft.»

Nach vier Jahren machte der heutige Sammelstellenbetreuer auf eigene Kosten die Lastwagenprüfung und wechselte in die Führerkabine. Dort blieb Kretschmann 18 Jahre. «Dann habe ich mich auf diese Stelle an der Dammstrasse beworben und auch bekommen.» Kretschmann ist zwar kein ausgebildeter Recyclist – ein Beruf mit vierjähriger Ausbildung – er hat sich jedoch beim WWF ein Jahr lang zum Umweltberater ausbilden lassen. «Der Schwerpunkt dieser Ausbildung lag auf der Kommunikation und dem Fachwissen, sprich vor Leute hinzustehen und ihnen fundiert über Abfall zu erzählen. Ich mache auch für andere Gemeinden hier an der Dammstrasse Schulklassenführungen.»

Der Job selbst braucht neben kommunikativen Fähigkeiten auch körperliche Kraft. «Neben den Reinigungsarbeiten sind wir während den Öffnungszeiten natürlich Ansprechpersonen und wir müssen auch für Ordnung sorgen.» Damit spricht Kretschmann die schwierige Parksituation an. «Es gibt immer mal wieder kleinere Blechschäden, wenn zu viele Autos anfahren. Die Sammelstelle Dammstrasse wird seit Jahren immer stärker frequentiert.»

Auch inhaltliche Diskussionen und gestresste Kundschaft würden manchmal für Zündstoff sorgen. «Wir bekommen viel Lob von den Kunden, weil wir freundlich sind», erklärt der Abfallspezialist. «Andererseits gibt es auch Kunden, die uns arrogant und von oben herab behandeln.» Zudem würde teilweise auch versucht, funktionstüchtige Elektrogeräte aus den Mulden zu fischen und mitzunehmen. «Da müssen wir dann einschreiten.» Es gebe auch Leute, die würden nicht verstehen, wenn sie Holz oder Plastik nicht an der Dammstrasse entsorgen können und wieder mitnehmen müssten. «Das kann dann zu Diskussionen oder gar Drohungen führen», so Kretschmann. «Jeder Konflikt löst sich aber spätestens ein paar Tag später, wenn die Kunden sich bei uns entschuldigen.» Der Sammelstellenbetreuer sieht insbesondere den Stress als Ursache für die im Vergleich zu früher zunehmende Aggressivität der Kundschaft. «Man hat einen Termin, muss noch schnell den Abfall entsorgen und kennt die Regeln der Sammelstelle nicht – das sorgt dann für Ärger.»

Kretschmanns Arbeitsstelle ist architektonisch ungewöhnlich. Das Gebilde, 1993 vom Architekten Dietrich Knepper gebaut, soll ein «gestrandetes Schiff» darstellen und ist den Naturgewalten entsprechend ausgesetzt. «Mir gefiel der Bau sehr», so Kretschmann, «wobei die kalte Luft im Winter auf die Knochen geht und im Sommer eine Bruthitze herrscht.» Beim Bürowagen wurden deshalb nachträglich zwei schützende Wände eingebaut. «Aber erst nach langwierigen Verhandlungen mit dem Architekten, denn die Wände mussten wie zwei Schiffscontainer aussehen», so der Mitarbeiter. Und: «Es sprach mal jemand vor, der mit dem Zug vorbeigefahren war und warnte uns eindringlich, dass gleich das Dach einstürzen würde. Wir haben ihm dann erklärt, dass dies bewusst so konstruiert sei und wir nicht in Gefahr seien.»

Kretschmann und seine Kollegen sind auch für 24 Aussensammelstellen der Gemeinde Uster zuständig, die regelmässig von ihnen sauber gehalten werden. Eine weitere Zusatzarbeit ist weniger appetitlich: Zweimal wöchentlich steht die Kadaverannahme bei der Ara Jungholz der umliegenden Gemeinden an. «Das stinkt fürchterlich, es spritzt Blut herum, im Kadaverraum hat es Maden, es liegen Eingeweide herum. Aber man gewöhnt sich daran und ich mache es heute gerne, weil man da ein Tag keine Kundschaft um sich herum hat», sagt Kretschmann dazu.

Privat kommt für den Ustermer seine 11-jährige Tochter, die nicht bei ihm, aber auch in Uster wohnt, an erster Stelle. «Ich koche dreimal wöchentlich für sie und nutze jede freie Minute für sie.» Die Tochter, die ihn auch oft an seiner Arbeitsstelle besucht, habe kein Problem, dass ihr Vater als «Güselmaa» arbeitet. «Grundsätzlich ist es ein Job wie jeder andere.»

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