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Nachwuchssorgen bei Näniker Naturisten

Seit Jahrzehnten frönen die Naturisten auf dem Näniker Föhrli-Areal der gemeinsamen Nacktheit. Die Nachwuchssuche gestaltet sich aber immer schwieriger.

Samstag, 10. April 2010, 09:00 Uhr

Nackt fühlen sie sich am wohlsten - ob beim Baden, Federballspielen, an der Sonne liegen, oder beim gemeinsamen Bräteln, die Naturisten auf dem Föhrli-Areal im Näniker Grossriet-Gebiet treffen am liebsten vollständig entblättert aufeinander. Seit 1933 betreibt der Verein Natur und Sport Zürich (Naspo) dort eine heute 25 000 Quadratmeter grosse Nacktzone - inklusive Schwimmbad, Volleyballplätzen, Pétanque-Bahnen und Kiosk. Im «Paradies», wie das Gelände vom Verein beworben wird, begegnet man körperlichen Reizen offen und unkompliziert.


Der Reiz an der organisierten gemeinschaftlichen Nacktheit scheint aber insbesondere bei jungen Menschen allmählich verloren zu gehen. «Wir müssen um Mitglieder kämpfen», sagt Naspo-Vereinspräsident Rolf Soltermann. Bisher sei es zwar gelungen, den Mitgliederbestand bei gut 500 Personen zu halten, «Junge neu reinzuholen, ist aber schwierig». Soltermann wertet diese Problematik allerdings nicht als Besonderheit des Naturistenvereins. «Es ist die Angst vor der Verpflichtung, die Junge von Vereinen fernhält», meint er. Da gehe es den Turnvereinen oder Chören gleich.

FKK-Boom im Ausland

Vielmehr beobachtet der 55-Jährige momentan einen FKK-Boom. In den entsprechenden Feriendestinationen in Kroatien, Italien oder Griechenland frönten auch zahlreiche Schweizer der Freikörperkultur, weiss er aus Erfahrung. «Viele davon beschränken das Nacktsein aber auf die Ferien und wollen dies zu Hause nicht - erst recht nicht vereinsmässig organisiert.»


Der Naturismus ist als Teil der Lebensreformbewegung in der Mitte des 19. Jahrhunderts entstanden. Die Städte waren im Zuge der Industrialisierung stickiger und stinkiger geworden, was viele Menschen zunehmend dazu veranlasste, wieder die Nähe zur Natur zu suchen. Sonne, Luft und Wasser wurden natürliche Heilkräfte zugesprochen. Naturismus ist somit mehr als pure Nacktheit. «Naturismus ist eine Lebensart in Harmonie mit der Natur», heisst es dazu beim Näniker Naturistenverein. Die Mitglieder glauben an die erzieherische und harmonisierende Wirkung von Nacktheit in freier Natur. Daneben ernähren sich viele Naturisten gesund, treiben regelmässig Sport, trinken wenig oder keinen Alkohol und rauchen nicht.

«Niemanden vor den Kopf stossen»

Nackt bewegen sich Naspo-Vereinsmitglieder nur im geschützten Rahmen. So schirmt eine Mauer die Besucher des Geländes in Nänikon vor ungewollten Einblicken ab. «Wir wollen mit unserer Nacktheit niemanden vor den Kopf stossen», sagt Rolf Soltermann. Er distanziert sich denn auch von Formen des Nacktseins wie sie beispielsweise Nacktwanderer in der Öffentlichkeit ausleben. Obwohl die Begriffe FKK und Naturismus häufig synonym verwendet werden, ist dem Vereinspräsidenten die Unterscheidung wichtig. «Wer bei Google nach ‹FKK› sucht, landet sofort bei Swingerclubs und eindeutigen Angeboten», sagt er. In seinem Verein wird deshalb so weit wie möglich auf den Begriff FKK verzichtet, denn: «Das Sexualleben gehört nach Hause.» Im Föhrli herrscht so auch ein striktes Sexverbot. «Ein Verstoss hat den Rausschmiss zur Folge», sagt der Präsident.

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Auf dem Vereinsgelände wird zwar ohne Kleider gelebt, aber nicht ohne Regeln. Es herrscht Rauchverbot, Fotografierverbot und die Pflicht, alle Mitglieder mit Du anzusprechen. Das Duzen und die gemeinsame Nacktheit macht die Menschen im Föhrli gleich, so die Devise. «Man sieht es einem nackten Menschen nicht an, ob er Professor oder Hilfsarbeiter ist», begründet Soltermann. Der Verein findet seine Mitglieder dementsprechend querbeet durch alle Berufe und sozialen Schichten - «und vom Säugling bis zum 97-Jährigen».

Lüstlinge sind unerwünscht

Aufnahme findet aber nicht jeder. Nach drei Probebesuchen entscheidet die Generalversammlung über die definitive Aufnahme von neuen Mitgliedern. «Grundsätzlich müssen sie in unser System passen, und die Lebenseinstellung muss ihnen zusagen», erklärt Soltermann die Kriterien. Spanner und Lüstlinge sollen bereits von vornherein ausgefiltert werden. Sehr selten sei es bisher vorgekommen, dass bestehende Mitglieder vom Verein ausgeschlossen werden mussten, weil Beschwerden von anderen Föhrli-Besuchern gegen sie eingegangen seien. «Die sind dann aber schnell raus», zeigt sich der Vereinspräsident konsequent.


Rolf Soltermann selbst hat seit Jahren keine andere Badi mehr besucht als jene im Föhrl. Die vielen Leute, das Gedränge und der Lärm schrecken ihn ab. Das Nacktbaden empfindet er als das Natürlichste überhaupt und meint: «Der Mensch kommt schliesslich nicht mit der Badehose auf die Welt.»

Am 1. und 2. Mai öffnet der Verein Natur und Sport Zürich von 11 bis 16 Uhr seine Tore für Interessierte. Informationen unter www.naspo.ch.

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