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Muss blinder Esel Noldi sterben?

Im Wagerenhof kam vor acht Monaten Esel Noldi blind auf die Welt. Das Tier wird gemäss Leiter Luzius Voigt von der Herde nicht akzeptiert und leidet. Das Heim prüft nun die Fremdplatzierung. Auch die Tötung steht zur Diskussion.

Mittwoch, 19. Januar 2011, 09:00 Uhr

«Wir sind schockiert, dass Noldi zu Salami verarbeitet werden soll», heisst es in einer anonym verfassten Meldung auf dem Online-Portal Tierschutznews.ch. Auf der Tierschutzseite wird über das Schicksal des blinden Esels Noldi berichtet, der zusammen mit drei weiteren Eseln in der Aussenanlage des Behindertenheims Wagerenhof in Uster lebt.

Blind auf die Welt gekommen

Der Esel kam vor acht Monaten blind auf die Welt. Gemäss der Tierschutzmeldung ist der Esel trotz seiner Behinderung in der Herde «gut adaptiert». Das Tier springe und renne wie ein normaler Esel umher. «Weil Noldi behindert ist, soll er jetzt sterben», empören sich die anonym bleibenden Tierschützer. Sie werfen die Frage auf, ob dies die liebevolle Begleitung und Toleranz gegenüber Behinderten sei, mit der auf der Homepage vom Wagerenhof geworben werde.

«Von Gruppe kaum akzeptiert»

Wagerenhof-Gesamtleiter Luzius Voigt, der im Artikel namentlich erwähnt wird, ist schockiert über die reisserisch aufgemachte Meldung: «Es ist empörend, dass Menschen mit einer Beeinträchtigung auf die gleiche Stufe wie Tiere gesetzt werden.» Voigt sieht sich und das Behindertenheim Wagerenhof zu Unrecht an den Pranger gestellt. «Da werden Tatsachen bewusst verdreht», sagt er.

 

Es stimme zwar, dass in der Herde ein achtmonatiger blinder Esel namens Noldi lebe und die Leitung zurzeit über das weitere Schicksal des Tieres diskutiere. Im Gegensatz zum Tierschutzbericht beurteilen der Wagerenhof-Leiter und sein Team die Situation des Tieres aber anders.

 

Wer Noldi genauer beobachte, werde sein Verhalten kaum als «fidel» bezeichnen. «Von der Gruppe wird er als schwächstes Mitglied wahrgenommen und wegen der bei Tieren ausgeprägt herrschenden Hierarchie kaum akzeptiert, nicht selten auch geplagt», sagt Voigt.

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Noldi hat sich anfänglich an seiner Mutter orientiert, die ein Glöcklein getragen hat, damit er sie finden konnte. Doch Noldi ist älter geworden, muss sich in der Eselgruppe behaupten, und seine Mutter drängt ihn in die Selbständigkeit. «Er kann nicht herumrennen, weil er überall anstösst. Hindernisse erkennt er nicht und ist deshalb häufig irritiert und verängstigt. Als Folge davon reagiert er aggressiv gegenüber Menschen», schildert Voigt die Situation.

 

Wer sich mit Tieren auskenne, wisse, dass dies Zeichen von hohem Stress seien und dass sich Noldi im Umfeld zahlreicher anderer Tiere alles andere als wohl fühle.

Einschläfern als Option

Im Moment ist Voigt mit Organisationen im Gespräch, die sich für Tiere mit einer Behinderung einsetzen: «Wir schauen, ob Noldi an einem anderen Ort möglicherweise besser aufgehoben wäre.» Aber auch das Einschläfern des Tieres steht zur Diskussion. «Wir wollen zum Wohle des Esels handeln. Noldi soll nicht länger leiden», sagt Voigt.

 

«Es obliegt der Verantwortung von uns Menschen, mit den in unserer Obhut lebenden Tieren achtsam umzugehen.» Dies bedeutet für den Heimleiter auch, dass man nicht die eigene, gefühlsmässige Befindlichkeit oder die einfachste Lösung zuoberst setze, sondern die Entscheide treffe, die dem Tier am meisten dienen.

Integration als Grundgedanke

Der Wagerenhof ist für seine vorbildliche Integration von Menschen mit Behinderung bekannt. So gehört zum Heim unter anderem ein landwirtschaftlicher Betrieb mit Tierhaltung - neben Eseln werden auch Pferde, Schweine und Kühe gehalten. Ergänzt wird das Angebot mit einer Gärtnerei und einem Blumenladen, einem Geschäft mit von Bewohnern selbst hergestellten Geschenkartikeln sowie mit Ateliers und einer integrativen Kinderkrippe.

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