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Meret Schneider reicht Initiative für Primatengrundrechte ein

Ustermer Politikerin im Interview

Meret Schneider reicht Initiative für Primatengrundrechte ein

Für die Grundlagenforschung in der Medizin wird an Primaten geforscht – Operationen und Medikamententests inklusive. Die Ustermerin Meret Schneider will den Tieren mittels einer Initiative Grundrechte geben.

Deborah
von Wartburg
Dienstag, 12. September 2017, 19:16 Uhr Ustermer Politikerin im Interview

Grundrechte für Primaten. Das fordert die kantonale Initiative, die der unabhängige Verein Sentience Politics am Dienstagnachmittag um 16 Uhr vor dem Basler Rathaus einreichte. Eine der Initiantinnen ist Meret Schneider. Obwohl die Politikerin im Ustermer Gemeinderat sitzt, engagiert sich die Umweltwissenschaftlerin bei Sentience Politics auch in anderen Kantonen.

Was gilt als Primat?

Meret Schneider: Das Wort bezeichnet eine Ordnung der höheren Säugetiere zu der auch Menschen gehören. Sie werden in Nass- und Trockennasen aufgeteilt. Makaken sind beispielsweise Nassnasen. Sie werden häufig für Tierversuche eingesetzt. Diese betreffen also nicht nur die Orang Utans und Schimpansen, die einem oft als erstes in den Sinn kommen.

Hierzu ein Video von Quarks und Co: (Um Versuche an Makaken geht es ab 17:48)

Worauf zielt die Initiative ab?

In Basel haben viele Pharmafirmen ihren Sitz, die Grundlagenforschung betreiben und etwa invasive Versuche an Primaten durchführen. Das ist ein Problem. Denn auch nichtmenschliche Primaten haben ein ausgeprägtes Gefühlsempfinden, das dem des Menschen stark ähnelt. Sie erinnern sich an die Vergangenheit und planen die Zukunft, was eine hohe Komplexität der Hirntätigkeit erfordert. Es heisst aber auch, dass sie sich ihrer Situation bis zu einem gewissen Grad bewusst sind. Es gibt immer wieder Depressions- und Suizidfälle bei Versuchsaffen. Bei der Grundlagenforschung werden operative Eingriffe und Versuche am Gehirn getätigt, die dem Tier Leid bereiten und dessen Leben bedrohen. Solche Versuche sind umso schlimmer, je mehr das Versuchstier von seiner Situation mitbekommt und fühlt. Deshalb ist es unsere moralische Pflicht, die Lebewesen, die auf ähnliche Weise fühlen wie wir, mit denselben Rechten auszustatten.

Welche Grundrechte sollen Primaten dank der Initiative erhalten?

Das Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit.

Von wie vielen Primaten reden wir denn?

Im Kanton Basel-Stadt wurden im Jahr 2014 knapp 180 nichtmenschliche Primaten in der Forschung eingesetzt. Das sind etwa 71 Prozent der schweizweit für Forschungszwecke eingesetzten. Wir wollen dort etwas erreichen, wo die meisten Primaten in der Schweiz betroffenen sind.

Wie würde sich die Forschung bei einer Annahme der Initiative verändern?

Es geht hier um Grundlagenforschung, wo invasive Eingriffe vorgenommen werden, die beim Menschen nicht erlaubt wären. Invasiv bedeutet gewebsverletzend. Es werden heute Elektroschocks, Operationen und Medikamente eingesetzt, die Schmerzen, Verstümmelung und teils den Tod des Versuchstiers bedeuten. Beispielsweise wird einem Affen die Hand abgeschnitten, um dann zu erforschen, wie er eine künstliche Hand am besten via Hirnimpulse steuern kann. Beobachtende Versuche sind nach Annahme unserer Initiative natürlich immer noch möglich.

Das betrifft dann aber die Forschung, die etwa Querschnittsgelähmten oder alten Menschen das Leben erleichtern soll. Sind da nicht die falschen von den Auswirkungen betroffen?

Wenn alle die gleichen Rechte haben, dann gibt es kein Abwägen zwischen Interessen. Es ist ja auch undenkbar, dass man einen Menschen gefährden darf, wenn damit vielleicht hundert anderen geholfen werden kann.

Und wenn die Forscher nachher ihre Versuche einfach ins Ausland auslagern?

Die Grundrechte sind eine Chance für die Schweiz als Forschungsland, endlich mehr Geld in alternative Forschungsmethoden zu investieren wie etwa Neurochips die das Verhalten eines Menschenhirns simulieren könnten. Das Argument ins Ausland zu gehen, verweigert sich dieser Auseinandersetzung. Doch würde ja hierzulande auch niemand auf die Idee kommen, die Kinderarbeit zu legalisieren, weil diese sonst ins Ausland verlagert wird. Auch wenn wir hier trotzdem Kleider kaufen, die von Kindern genäht wurden. Es gibt auch diejenigen, die sagen, dass wir den Forschungsstandort Schweiz in den Boden stampfen. Aber das sehe ich anders.

Gibt es Vorbilder in anderen Ländern, an denen Sie sich orientieren?

Es gibt in Argentinien und den USA ähnliche Vorstösse. Aber wir haben hier dank der direkten Demokratie die Chance als erstes Land nichtmenschlichen Lebewesen Grundrechte zu geben. Ein Vorbild, das ich persönlich jedoch habe, ist der Amerikaner Steven Weiss, der einzelnen Primaten versucht Grundrechte zu geben indem er Präzedenzfälle schafft.

Wäre der Basler Zoo ebenfalls betroffen?

Ja es müssten aber nur die Käfige vergrössert und den Tieren mehr Rückzugsraum gewährt werden. Denn invasive Eingriffe werden dort ja nicht getätigt.

Welche Erfolgschancen rechnen sie sich für die Initiative aus?

Nach der Unterschriftensammlung bin ich positiv gestimmt. Im Juni 2016 fingen wir an zu sammeln und schon im November hatten wir die erforderlichen 3000 überraschend schnell zusammen. Ob die Initiative angenommen wird, hängt nun von der Gegenkampagne ab. Die Basler Pharmakonzerne werden sich über die Initiative sicher nicht freuen. Und sie haben definitiv das Geld, die Stadt mit Plakaten zuzupflastern. Vielleicht reagieren sie aber auch gar nicht. Bisher haben sie noch keine Stellung genommen.

Spielen Sie mit den Gedanken, die Initiative weiter auszuweiten ­- sei dies auf nationaler Ebene oder auch auf andere Tiere, die ähnlich empfindsam sind wie Menschen?

Das Grundrecht nicht nur kantonal, sondern auch auf nationaler Ebene zu fordern, diskutieren wir immer wieder. Es aber auf andere Tiere auszuweiten macht hier wenig Sinn, weil wir in der Schweiz ja weder Delfine noch Elefanten haben, an denen geforscht wird. Es geht uns um das was in unserem Land stattfindet und wir hier verändern können und das sind die Primaten in Basel.

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