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Reportage aus Usters Coworking-Space

Fast zu schön zum Arbeiten

Coworking: Der Trend aus den USA ist nun auch in Uster angekommen. Züriost Redaktorin Deborah von Wartburg hat den öffentlichen Arbeitsplatz mit Caféatmosphäre getestet.

Deborah
von Wartburg
Donnerstag, 15. Februar 2018, 11:50 Uhr Reportage aus Usters Coworking-Space

Ich gleite auf einem roten Skateboard vom WC zurück ins Büro. Meine ungelenken Bewegungen auf dem Rollbrett sind mir ein bisschen unangenehm. Schnell hänge ich das Teil wieder an die Wand, gleich neben das Männer-Rennvelo.

Ich bin in der «Werberstube», dem neuen Coworking-Space in Uster. «Coworking»: Das ist ein urbaner Trend, der aus Amerika nach Europa in die Schweiz und jetzt bis nach Uster geschwappt ist. «Coworking-Spaces» sind vom Konzept her öffentliche Büroräume mit Tisch, Kaffee, W-Lan und Drucker in die man sich Stunden- oder Tageweise einmieten kann.

Die «Werberstube» in Uster gehört der Agentur «Werber-Walder». Zielgruppe sind Freelancer und Kreativschaffende. Der Theorie nach kann man dort besser arbeiten als zu Hause, weil die anderen Gäste um einen herum auch fleissig sind. Ein bisschen wie damals im Studium, als man in die Bibliothek ging um zu lernen. Effizienz durch sozialen Druck.

Raumgewordenes Hipster-Klischée

Auch ich bin hergekommen, um hier einen Freitagmorgen lang zu arbeiten. Am Tischende sitzen drei Männer und schmeissen mit wichtig und kreativ klingenden Sätzen wie «so simpel wie möglich» oder «wir müssen hier eine Marke schaffen» um sich. Aus den Lautsprechern schallt etwas, was ich als «elektronisch- dynamische-World-Musik» bezeichnen würde. «Jetzt muss ich aber langsam anfangen zu schreiben», denke ich.

Einer meiner Coworker nickt unbewusst mit dem Kopf mit, während er gebannt in seinen Laptopbildschirm blickt. Der Raum ist geschmackvoll eingerichtet, von der Decke hängen Designerlampen, die auch zeitgenössische Kunst sein könnten. Die Wand zieren Bilder aus dem Brocki; Tiere, Landschaften, inspirierende Sprüche und Abstraktes reihen sich da neben- und übereinander.

Neben dem Sofa liegen Design-Magazine bereit und in der Ecke steht ein Segeltuch-Sessel mit indianischem Muster. Dieser Ort ist ein raumgewordenes Hipster-Klischée. Nach fünf Minuten merke ich, dass ich immer noch nichts geschrieben habe, und mich die französische Bulldogge von dem Brocki-Bild schon vorwurfsvoll anschaut. Für meine Prokrastinations-Seele ist es hier fast ein bisschen zu gemütlich und es gibt viel zu viel zu sehen, als dass ich zum Arbeiten käme. «Es fehlt nur noch eine Katze und ich ziehe hier ein», denke ich und beisse in ein Laugengipfeli.

Backwaren sind hier in einem Brotkorb für alle bereitgestellt. Auch einen Früchtekorb gibt es. Und eine richtige Barista-Kaffeemaschine. Keine langweilige mit Kapseln und verkalktem Wasser, wie in der Wetziker Redaktion.

Bezahlen, um arbeiten zu können?

«Mein Traum war es schon immer, ein Café zu eröffnen», sagt Sandro Walder. Er ist Geschäftsführer bei «Walder-Werber» und was heute für ein paar Stunden mein Büro ist, ist sein neues Projekt. Die Büroräume der Werbeagentur sind gleich nebenan im Gebäude des Berufsinformationszentrums Uster. «Die Idee der Werberstube als Co-Working Café entstand, weil heute gute, überraschende Ideen nicht am Schreibtisch entstehen, sondern in einer Umgebung, die lebt.

Ausserdem wollten wir einen Raum haben, den wir komplett anders gestalten konnten, um aus der klassischen Büroatmosphäre auszubrechen.» Da das Angebot in Uster noch neu sei, nutzen hauptsächlich die Mitarbeiter von «Walder-Werber» selber, sowie deren Bekannte die Werberstube. « Es ist aber unser  Ziel, dass mehr Leute dazukommen, und die Werberstube nutzen und bereichern», sagt Walder.

«Keine Bienenstock-Atmosphäre»

Tim Boin aus Zollikon

Sobald ich mich ein bisschen an der Einrichtung sattgesehen habe, stellt sich tatsächlich so etwas wie Konzentration ein. Das emsige Tippen und Klicken meiner Coworker ist ansteckend. Ich kann mir vorstellen, dass dieser Ort für kreatives Arbeiten gut funktioniert. Vielleicht könnte ich hier ein App entwickeln oder ein Theaterstück schreiben, denke ich.

Alleine schon der Preis lässt einen vermutlich effizienter werden. 15 Franken pro Stunde, 50 Franken pro Tag kostet der Aufenthalt in der Werbestube. Bezahlen, um arbeiten zu können? Irgendwie absurd. Aber für ein reguläres Büro würde man ja auch Miete zahlen. 

Tim Boin aus Zollikon sitzt neben mir. Auch er kennt die «Walder-Werber»-Agentur noch von einer früheren Zusammenarbeit. Der 47-Jährige kommt her, weil er daheim eine dreimonatige Tochter hat und er sich dort nicht konzentrieren kann. Hier könne er ungestört arbeiten. Boin schätzt zudem, dass hier keine «Bienenstockatmosphäre» wie in anderen Coworking-Spaces herrscht.

Urbanisierung von Uster

Doch Ruhestörungen sind nicht immer schlecht. Einer der Werbetexter neben mir fragt plötzlich in die Runde: «Wie lade ich ein Video von Facebook herunter?» Ich versuche zu helfen, finde aber auch keine Möglichkeit. Ein anderer Coworker hat die Lösung: «URL kopieren und in einen Online-Converter schmeissen.» Achso. Da habe ich doch noch etwas gelernt bei diesem Coworken.

«Grundsätzlich soll das Coworking-Café für alle offen sein», sagt Walder. Doch es bestehe auch die Möglichkeit den Raum exklusiv für Sitzungen oder Fortbildungen zu mieten. Platz für eine Pop-up-Bar könne man ebenfalls in der Werberstube mieten. Das ist auch so ein «fancy» Konzept, in der eine Bar nicht fix installiert ist, sondern wie ein Stand überall für kurze Zeit eröffnen kann – häufig zur Zwischenmiete.

Offen, flexibel, dynamisch. Wie Co-Working. Die Werbeagentur bringt hier tatsächlich ein bisschen Zürich nach Uster. «Wir kämpfen gegen Usters Land-Image und die Sichtweise, hier sei man auf dem Land und nur in Zürich in der Stadt.» Man wolle Uster mit solchen Projekten schon ein bisschen urbanisieren.

«Mehr Co als work bis jetzt»

Um die Mittagszeit entscheide ich mich, nach Wetzikon in die Redaktion umzusiedeln. Einfach um sicherzugehen, dass der Text heute noch fertig wird. Kurz bevor ich meine Sachen zusammenpacke, belausche ein Telefongespräch. «Hallo? Ja? Ich bin hier am coworken. Ja, mehr co als work bis jetzt», lachend verabschiedet sich der Telefonierer. Ich bin erleichtert. Es gibt hier also noch andere, die das Gefühl haben, nicht effizient genug für diese superinspirierende Umgebung zu sein. Ich verlasse die Werberstube. Ohne Skateboard fühle ich mich jetzt fast ein bisschen uncool.

Mehr Infos unter: www.werberstube.ch

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