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Der Turm, der seit 100 Jahren in den Himmel ragt

Schloss Uster

Der Turm, der seit 100 Jahren in den Himmel ragt

Die Geschichte des Schloss Uster reicht über 800 Jahre zurück. Der Turm jedoch feiert dieses Jahr erst sein 100-jähriges Bestehen. Turmwart Reinhard Schmid führt bei einem Rundgang durch die Geschichte des Wahrzeichens, die bis heute wenig erforscht ist.

Jennifer
Furer
Mittwoch, 27. Juni 2018, 14:10 Uhr Schloss Uster

Auf einem Hügel über Uster thront das Wahrzeichen der 35‘000-Seelen-Stadt. An diesem Tag umgeben graue Wolken das Schloss und lassen es mächtig wirken. Immer wieder umkreisen schwarze Turmdohlen die Burg und verschwinden in den Fensteröffnungen. Der Ustermer Turmwart Reinhard Schmid zeigt vom Fuss des Schlosses in die Höhe. «Alles oberhalb dieser Fensteröffnungen wurde erst vor 100 Jahren gebaut», sagt er.

Der Mann mit der Militärmütze greift in seine Hosentasche und zieht einen Bund mit grossen, rostigen Schlüsseln hervor. Nach ein paar Anläufen, die der alten Mechanik geschuldet sind, öffnet er die Tür, die in den Turm führt. Während Schmid die Treppen hinaufsteigt, erzählt er: «Es gab bereits einen Turm, bevor der heutige gebaut wurde. Dieser bestand aus Sandstein und hatte ein Flachdach mit einem weiteren kleinen Turm obendrauf.» Mit der Zeit sei der Sandstein porös geworden und durch das Flachdach sei Wasser geronnen. «Die Holzbalken und der Boden im Innern litten zunehmend und verfaulten mit der Zeit.»

So sah das Schloss Uster vor dem Umbau aus. (Foto: PD/ Nicolas Zonvi)

«Damit es nach etwas aussieht»

Jakob Heusser und seine Frau Berta von der Familie Staub machten es sich zur Aufgabe, das Schloss zu erhalten. «Sie kauften das ganze Anwesen und liessen den oberen Teil des Turms restaurieren», so der 59-jährige Schmid, der seit zehn Jahren als Turmwart angestellt ist. 1918 war der Wiederaufbau abgeschlossen. «Die beiden gründeten die Heusser-Staub-Stiftung und schenkten das Schloss als Wahrzeichen der Stadt Uster.»

Schmid tritt ins Ratszimmer im ersten Stock. «Dieser Teil gehört noch zum alten und somit zum 800-jährigen Teil des Turms.» In der Mitte des Raumes steht ein Holztisch mit Stühlen, an den Wänden hängen Waffen wie Hellebarden und Vorderlader aus dem 1. Weltkrieg. Allerdings steht die Einrichtung quer zur Geschichte des Schlosses. Die Einrichtung besteht nur aus Leihgaben vom Landesmuseum Zürich oder von Privatpersonen. Man müsse dazu aber sagen, dass die Heussers den Wunsch gehegt hätten, nicht nur den Turm zu erhalten, sondern ihn auch einzurichten, «damit es nach etwas aussieht», so Schmid.

Das Ratszimmer, in dem auch Waffen ausgestellt sind. (Foto: Nicolas Zonvi)

«Die Geschichte der Burg zu rekonstruieren ist extrem schwierig»

Ein schmaler Durchgang führt zu einer engen Wendeltreppe, die den Weg zum Rittersaal ebnet. Schmid nimmt wieder seine alten Schlüssel zur Hand und öffnet die Tür, die in den Saal führt. «Nun sind wir im Teil, der erst vor 100 Jahren entstanden ist», sagt er. An den Wänden hängen Hirschgeweihe, in einer Ecke steht eine alte, hölzerne Wanduhr. Doch ins Auge sticht ein bunter Ofen. «Auch hier haben alle Einrichtungsgegenstände keinen Bezug zur Burg. Der Ofen hat eine ganz besondere Geschichte», sagt Schmid. Jakob Heusser habe das Schmuckstück erblickt, als er einmal das Schloss Wetzikon besuchte. «Er wollte es kaufen, doch man gab es ihm nicht.» Also habe er den Ofen nachbauen lassen. Deshalb steht in Wetzikon und Uster der gleiche Ofen.

Schmid zeigt auf die Wappen, die an den Fenstern hängen. «Diese zeigen die früheren Besitzer des Schlosses.» Ob die abgebildeten Familien tatsächlich hier gelebt und wie sie den Turm genutzt haben, wisse er nicht. «Die Geschichte der Burg zu rekonstruieren ist extrem schwierig, weil es praktisch keine Überlieferungen gibt.»

Der Rittersaal mit dem Ofen in der linken Ecke. (Foto: Nicolas Zonvi)

Begrenzte Besucherzeit

Heute dient der Rittersaal vorwiegend als Einnahmequelle, etwa durch Hochzeiten, um das Schloss zu erhalten. Finanziert werde die Burg auch durch die private Schlossschule, die sich im 200 bis 300 Jahre alten Anbau, der das Schloss umringt, eingemietet hat.

Der Besuch des Turms ist gratis. 1100 bis 1500 Leute finden jährlich ihren Weg in das Wahrzeichen von Uster. Von Mitte Juni bis Ende Oktober können Besucher jeweils am Sonntag das Schloss besichtigen. «Dass die Zeitspanne begrenzt ist, hat einen Grund», sagt Schmid. «Dieser findet sich oben auf der Aussichtsplattform.»

Turmdohlen nisten sich ein

Der Turmwart steigt die enge Wendeltreppe hoch. Oben angekommen, schreitet er auf die Aussichtsplattform und begibt sich zu den Fensteröffnungen. «Hier nisten sich die seltenen Turmdohlen ein.» Die Vögel reagierten besonders während der Brutzeit empfindlich auf Störungen. «Deswegen öffnet der Turm auch erst Mitte Juni, weil da die letzten Jungen ausgeflogen sind.»

Schmid stützt sich auf die Turmmauer. Sein Blick schweift über die weite Landschaft. «Schon als Kind war ich begeistert von diesem Anblick. Ich hoffe, die Leute können ihn noch weitere hunderte Jahre geniessen.»

Der Ausblick vom Turm. (Foto: Nicolas Zonvi) 

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