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Der Tod ist sein Job

Der Ustermer Bestatter Tony Disler bereitet Verstorbene auf die Beisetzung vor. Er versteht seine Arbeit als Dienstleistung gegenüber den Verstorbenen und deren Angehörigen, die es mit dem nötigen Respekt und mit Hochachtung auszuführen gelte.

Beatrice
Zogg
Freitag, 08. Juli 2016, 13:48 Uhr

Tony Disler hebt das weisse Leichentuch. Vor ihm liegt ein über 70-jähriger Mann. Die Augen sind noch halb geöffnet. Die Haut ist weisslich, der Körper bereits leicht starr. Bestatter Disler schliesst dem Mann die Lider. Vorsichtig rückt er die Kieferklemme zurecht. Sie verhindert, dass der Mund sich nach dem Tod öffnet. Dann zieht er dem Verstorbenen das Spitalhemd aus. Der Tote behält nur die Einweg-Unterhosen an. Er ist am Tag zuvor im Spital Uster verstorben. Nun liegt er in einem Raum in der Pathologie im Untergeschoss des Spitals. Das Neonlicht leuchtet den Raum hell aus, die Wände sind teilweise weiss gekachelt. Ein Ort, den Angehörige in der Regel nicht zu sehen bekommen. Ausser sie möchten der Arbeit des Bestatters beiwohnen, dem Toten vielleicht noch eigene Kleider selbst anziehen. Dies ist aber eher die Ausnahme.

Disler hat den Mann auf einer fahrbaren Bahre aus dem 4 Grad kalten Kühlraum in den Vorraum geschoben. Dort wird er vom Ustermer Bestatter eingesargt. «Ich spreche lieber vom Einbetten. Das tönt schöner», sagt er. Da der Mann aus einer Nachbargemeinde von Uster stammt, wird er am Nachmittag nicht von Disler, sondern vom dort zuständigen Bestattungsdienst zur Aufbahrung ins Krematorium oder zum Friedhof seiner Gemeinde gefahren.

Respektbezeugung gegenüber Verstorbenen

Der Tote ist nicht allzu gross und von schmächtiger Statur. Disler kann ihn allein anheben und in den Sarg legen, der mit weissem Stoff ausgekleidet ist. Dann streift er dem Verstorbenen das weisse Bestattungshemd, das hinten geöffnet ist, über. Bei den Armen muss Disler etwas nachhelfen und sie mit leichtem Druck beugen. Das Hemd, das den ganzen Körper bedeckt, wird am unteren Sargende schön eingeschlagen und mit Klammern am Holz festgemacht. Zum Schluss legt der Bestatter dem Mann ein weisses Kissen unter den Kopf.

«So, Herr Meier*, nun sind wir fertig.» Für Disler ist es normal, mit den Toten zu reden. «Das ist für mich auch eine Respekt­bezeugung gegenüber den Verstorbenen, sagt der 50-Jährige. Mit dem Beschriften des Sargs und dem Auflegen des Deckels ist für den Bestatter heute seine Arbeit im Spital abgeschlossen. Ob der Mann ein Urnengrab oder eine Erdbestattung erhält, weiss er nicht. Das spiele für seine Arbeit aber auch keine Rolle.
«Jeder Verstorbene wird von mir würdevoll in einen Sarg eingebettet – unabhängig von der Art der Bestattung.» Ihm ist dabei eines wichtig: «Ich möchte einfach, dass jeder Mensch mir vertrauen kann, dass ich diese Arbeit immer mit grossem Respekt und mit Würde erledige. «Das sei quasi «‹Bestatter-Ehre›».

Erleichterung bei Hinterbliebenen

«Die meisten Menschen sterben heute im Spital oder im Heim», sagt er. Auf Ustermer Gebiet kommt dann jeweils Disler zum Einsatz. Ausser der Verstorbene muss nachts oder am Wochen­ende abgeholt werden – dann übernimmt den Auftrag der ­zuständige Pikettbestatter der Stadt Uster, eine Lindauer Firma. Auch bei Verstorbenen muslimischen Glaubens etwa wird oftmals nicht Disler gerufen, sondern ein privater Bestatter aus diesem Kulturkreis beigezogen.

Stirbt jemand zu Hause, hat Disler immer einen Mitarbeiter des Friedhofs Uster zur Unterstützung an seiner Seite. «Ist eine Person schwer oder das Treppenhaus eng, wird es allein schwierig», erklärt er. Trotz aller Trauer und Schmerzen der Angehörigen: «Wir werden von den Hinterbliebenen eigentlich immer offen und zuvorkommend empfangen, wenn man das so ­sagen kann.» Er spüre jeweils eine Art Erleichterung. Erleichterung, dass sich jemand der verstorbenen Person annimmt und diese würdevoll für «den letzten Weg bereit macht».

Disler weiss, dass die meisten Menschen im ersten Moment zurückschrecken, wenn er seinen Beruf nennt. «Mit dem Tod wird niemand gerne konfrontiert. Er gehört aber zu unserem Leben.» Der Bestatter versteht seine Arbeit als Dienstleistung gegenüber den Verstorbenen und ­Angehörigen. «Und diese gilt es mit dem nötigen Respekt und mit Hochachtung auszuführen», meint er.

Gute Zusammenarbeit mit Friedhofteam

Der 50-Jährige arbeitet seit einem halben Jahr als Bestattungsangestellter für die Stadt Uster. Hier könne er auf ein ­tolles Friedhofteam im Hintergrund zählen. Alles werde zusammen abgesprochen, denn wenn Disler zu einem Todesfall gerufen werde, wèrden Bestattungen nicht einfach abgesagt. «Manchmal muss dann eben ein Teammitglied die Bestattung übernehmen und noch jemand begleitet den Bestatter. «Hier hilft jeder jedem», sagt er.

Zuvor war Disler Leiter Innere Dienste im Zürcher Stadtspital Waid. «Dort habe ich verstor­bene Patienten jeweils im Andachtsraum für die Angehörigen aufgebahrt.» Da habe er gemerkt, dass ihn der Umgang mit toten Menschen nichts ausmache. «Und die Dankbarkeit der Angehörigen in ihrer schwierigen Situation ist für mich der schönste Lohn», meint er. Nun lässt sich Disler berufsbegleitend zum Bestatter ausbilden.
Distanz ist in seinem Beruf wichtig. «Am Abend kann ich gut abschalten.». Er hält Giftpfeilfrösche – «die sind aber nicht mehr giftig» – und entspannt sich gern im eigenen Garten. Gewisse Todesfälle, etwa wenn Kinder betroffen sind, beschäftigen ihn dann aber auch über den Feierabend hinaus. «Da hilft es, wenn man mit jemandem ­darüber reden kann».

Nach einer kurzen Mittagspause steht am Nachmittag eine Bestattung auf dem Ustermer Friedhof an. Disler ist bereits eine Dreiviertelstunde vor der Abdankung vor Ort. Er schliesst die Fried­hofkapelle für den Organisten und den Pfarrer auf und stellt den Blumenwagen für die Blumen­geschäfte bereit, die bestellte Blumengestecke abgeben. In einem schlichten geflochtenen Korb befindet sich die Urne des Verstorbenen. Disler stellt den Korb neben das Grab. Bereits am Morgen hat der Friedhofsgärtner das Grabloch ausgehoben. Dann geht Disler in die Friedhofkapelle und zündet die Kerze neben der Kanzel an. Er begrüsst erste Trauergäste. Als die engsten Familienangehörigen eintreffen, werden diese vom ­katholischen Pfarrer zum Grab geleitet. Disler hält sich während der Grabandacht einige Meter entfernt im Hintergrund. Auf ein Zeichen des Pfarrers nimmt er die Urne aus dem Korb und lässt sie ins Grab hinunter.

Bis zu acht Todesfälle an einem Tag

Während die Angehörigen Abschied am Grab nehmen, läuft der Bestatter zur Kapelle zurück. Als die Abdankungsfeier beginnt, ist seine Arbeit fast erledigt. «Ich schaue danach in der Kapelle nochmals zum Rechten und schliesse alles wieder ab.»
Pro Tag gibt es in Uster im Durschnitt einen Todesfall. Es kann aber auch vorkommen, dass Disler für bis zu acht Todesfälle am Tag aufgeboten wird. Und was macht der Bestatter an Tagen, an denen niemand stirbt? «Dann war der Herrgott gnädig», meint er, bevor er Antwort gibt. Solche Tage nutze er, um liegen gebliebene Büroarbeit zu erledigen.

Sein Büro hat Disler gleich neben der Friedhofkapelle. «Da im ­Spital viele Auswärtige sterben, muss ich den zuständigen Wohngemeinden unsere Dienste in Rechnung stellen. Sei dies das Einsargen der Verstorbenen oder etwa der Transport ins Krematorium.» Zu seinen Aufgaben ge­hören unter anderem auch die ­Reinigung der Kapelle, das Auffrischen von Grabkreuzen sowie die Autowäsche oder das Erledigen von Botengängen zum Stadthaus.

Wer den ganzen Tag mit Verstorbenen und deren Angehörigen zu tun hat, weiss sicher bereits, wie er bestattet werden will. Für die Antwort muss Disler nicht lange überlegen. Über sein Gesicht huscht ein Lächeln. «Am schönsten fände ich, wenn meine Asche auf einer Blumenwiese verstreut würde. Vielleicht sogar im eigenen Garten.» Ob das Leben nach dem Tod weitergeht, darauf hat der Bestatter keine schlüssige Antwort. «Physikalisch gesehen ja eigentlich nicht. Das Leben ist aber immer für eine Überraschung gut. Vielleicht auch nach dem Tod.»

* Name von der Redaktion geändert

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