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«Anschreien kann man sich auch zuhause, dort ist es billiger»

Neue Paarberaterin in Uster

«Anschreien kann man sich auch zuhause, dort ist es billiger»

Die Ustermer Niederlassung der kantonalen Paarberatungs- und Mediationsstelle ist an die Zürichstrasse umgezogen und hat eine neue Leiterin: Margareta Hofmann führte bis Ende letzten Jahres eine eigene Beratungspraxis in Zürich. Ihr fallen in Uster besonders die jungen Paare auf.

Xenia
Klaus
Montag, 19. März 2018, 17:13 Uhr Neue Paarberaterin in Uster
Margareta Hofmann berät neu in Uster Paare und Einzelpersonen (Foto: zvg)

Frau Hofmann, haben Sie schon einmal jemandem geraten, sich zu trennen?
Nein. Ich rate gar niemandem zu etwas. Paare müssen letztlich selber erkennen, ob sie zusammenbleiben oder sich trennen wollen.

Wozu sind Sie dann da?
Wir helfen auf diesem Weg. Ich bin dazu da, Fragen zu stellen, meine Aussensicht aufzuzeigen und Werkzeuge in die Hand zu geben. Wir haben einen Juristen im Haus, der über die rechtlichen Aspekte informiert und bei einer Trennung oder Scheidung hilft, diese zu klären.

Das heisst, man kann auch zu Ihnen kommen, wenn man schon weiss, dass man sich trennen will?
Ja, dann bieten wir eine umfassende Trennungsberatung und Begleitung bis und mit Hilfe beim Verfassen einer Scheidungskonvention. Wir beraten Paare in allen Lebenslagen, aber auch Einzelpersonen.

Gibt es nichtsdestotrotz jemanden, von dem sie sich wünschen, dass er sich nicht an sie wenden möge?
Paare, die nicht wirklich einen Weg suchen wollen, sondern nur einen Zeugen für ihren Streit brauchen. Anschreien kann man sich auch zuhause, dort ist es billiger. Für eine erfolgreiche Beratung braucht es persönliche Investition, Schuldzuweisungen sind fehl am Platz.

Stichwort Geld. Sie werden vom Kanton, aber auch von der reformierten und der katholischen Kirche unterstützt. Beraten Sie auch homosexuelle Paare?
Aber natürlich. Die Subventionen ermöglichen es uns, die Preise einkommensabhängig zu gestalten. Das erleichtert mich. Ich hatte bis Ende letzten Jahres eine private Praxis in Zürich. Weil meine Fixkosten dort hoch waren, waren es auch meine Preise. Das hat mich belastet. Aber ich würde nicht an einem Ort arbeiten wollen, an dem ich Menschen auf Grund ihrer weltanschaulichen oder sexuellen Orientierung ausschliessen müsste.

Was ist hier in Uster anders als in Zürich?
Hier hatte ich bis jetzt sehr viel mit jungen Paaren und Familien zu tun.

Heisst das, in Uster hat man schneller und jünger eine Beziehungskrise?
Nein, es heisst einfach, dass es in Uster viele junge Familien hat und dass in dieser Generation die Bereitschaft, ein Beratungsangebot in Anspruch zu nehmen, gross ist. Wenn man ein Problem hat dann geht man in die Therapie, bevor es eskaliert. Das finde ich super!

Was ist ein typisches Problem, mit dem ein junges Ustermer Paar zu ihnen kommt?
Die Themen sind unterschiedlich. Viele kommen, wenn eine Affäre auffliegt. Junge Eltern kommen oft mit Fragen wie: Wie finden wir uns als Paar und unsere Sexualität wieder?

Sie sind 60. Lassen sich junge Paare von Ihnen überhaupt Sex-Tipps geben?
Natürlich, ich habe durch mein Alter ja auch in dieser Hinsicht mehr Erfahrung als sie (lacht).

Und was sagen Sie diesen jungen Eltern?
Das ist unterschiedlich. Man könnte schon sagen, so und jetzt habt ihr Sex. Funktioniert wahrscheinlich nicht, denn wenn das ginge, wären sie ja nicht bei mir. Meistens geht es darum, herauszufinden, wer sich welche Formen von Intimität wünscht, beziehungsweise wo für das Paar der gemeinsame Einstiegspunkt zur Intimität liegt. Anderen Paaren kann man auch mit sehr konkreten Tipps helfen, zum Beispiel wissen manche nicht, wie man einen Babysitter organisiert.

Sind sie eine erfolgreiche Therapeutin?
Da ist natürlich die Frage, woran misst man das?

Ihre Antwort?
Ich finde, ich bin erfolgreich, wenn die Lebensqualität meiner Klienten mittel- bis langfristig gestiegen ist.

Und das schaffen Sie?
Wenn sich die Klienten darauf einlassen meistens schon. Ein weiterer Vorteil daran, nicht mehr alleine eine Praxis zu führen, liegt darin, dass wir noch weitere Therapeuten im Haus haben. Das heisst, wenn ein Klient sich bei mir nicht wohl fühlt, kann er intern wechseln.

Wieso würde man sich bei Ihnen nicht wohl fühlen?
Es ist schon vorgekommen, dass ein Teil des Paares das Gefühl hatte, ich solidarisiere mich mit dem anderen Teil.

Zu Recht?
Nein, aber ein Wechsel macht dann trotzdem Sinn. Die Klienten müssen sich wohl fühlen.

Welche Fälle sind schlimm für sie als Therapeutin?
Mühe hatte ich immer dann, wenn etwas neu war, wenn ich noch keine Strategie zur Bewältigung hatte. Zum Beispiel der erste, der mir Suizidgedanken mit Plan dazu offenbart hat, oder der erste Fall von häuslicher Gewalt. Diese Fälle haben mich sehr beschäftigt.

Und welches sind ihre liebsten Fälle?
Familien, wenn man das ganze System anschauen und mit Kindern spielerisch die Probleme erforschen kann. Mit einer Familie auf dem Boden sitzen und mit Stofftieren Situationen nachspielen, das ist das Grösste für mich.

Haben Sie auch Probleme?
Natürlich.

Welche?
Mein Vater ist gestorben als ich zwölf war, meine Mutter hatte daraufhin Depressionen. Ich habe mich stark verantwortlich gefühlt für meine drei jüngeren Brüder. Das war sicher eine sehr schwierige und prägende Erfahrung.

Und waren Sie schon in Therapie?
Das muss man sowieso im Rahmen der Ausbildung.

Hat es etwas gebracht?
Ja, sogar sehr viel. Ich habe gelernt, besser mit meinem «Rucksack» umzugehen und daraus Stärken zu entwickeln.

Was ist der Reiz daran, sich neben den eigenen auch noch mit den Problemen der anderen auseinandersetzen?
Jede Krise ist eine Chance sich zu verändern und zu bewegen. Das ist faszinierend und es macht mir Spass, dabei zu helfen.

(Interview: Xenia Klaus)

www.paarberatung-mediation.ch

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