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Autorenlesung in Uster

Am Anfang war das Wort

Am Mittwochabend war in der Villa Grunholzer eine Autorenlesung des preisgekrönten Ustermer Autors Dieter Zwicky. Er stellte zwei seiner Werke vor, die mit wortreicher Gestaltungskraft in der «Fantasie-tötenden-Stadt-Uster» geschaffen wurde.

David
Marti
Donnerstag, 26. Oktober 2017, 18:17 Uhr Autorenlesung in Uster
Autor Dieter Zwicky liest aus seinen Romanen «Hihi, mein argentinischer Vater» und «Slugo. Ein Privatflughafengedicht» (Bild: David Marti)

Nach der ersten Lesepause fragt der Autor Dieter Zwicky ohne hochzublicken: «Vielleicht ist das etwas viel?» Es ist Mittwochabend als sich im zweiten Obergeschoss der Villa Grunholzer rund 20 Personen einfinden, um sich die Vorlesung Zwickys anzuhören.  Dieser hat gerade eben aus seinem Buch «Slugo. Ein Privatflughafengedicht» vorgelesen. Slugo – ein Fantasiewort, das in seinem Roman immer wieder vorkommt, wenn der Geruch von gegrilltem Fleisch ins Spiel kommt. Fleisch ist eines seiner Lieblingswörter. Zwicky verwendet es während seiner Vorlesung oder auch in anschliessenden Gesprächen mit dem Publikum immer wieder.

Metzger und Fleisch

«Sie sind kein Vegetarier, oder?» fragt ein Besucher. Der Autor erwidert, dass Fleisch und die erlebte Vorstellung einer Metzgerei ein klarer Bestandteil des Buches sei und keineswegs als die theologische Symbolik des Fleisches zu verstehen. Zwicky sagt aber auch: «Richtiges oder falsches Leserverständnis meiner Bücher gibt es nicht.» 
 

Dieter Zwicky liest aus «Hihi, mein argentinischer Vater»:

(Handyvideo: David Marti)

«Hihi, mein argentinischer Vater»

Der Leiter Literatur des «Fördervereins der Villa Grunholzer», Christoph Meister, der den Anlass moderiert, leitet zu Zwickys zweitem Werk über. Es heisst: «Hihi, mein argentinischer Vater.» Für Meister ist eine Passage des Buches wichtig, wo nach einem langen Dialog in einer Bar der Schlüsselsatz fällt: «Manchmal ist das Leben nur heiterste Inkongruenz.» Zwicky erzählt daraufhin, wie er mit dem Lektor des Verlags, um das Überleben dieses Satzes habe kämpfen müssen. Dieser habe gesagt: «Das ist doch gestelzt und Nonsens», worauf er erwidert habe: «Natürlich, das soll es auch sein.»

Am Ende kurze Stille

Ein Apero beendet die Veranstaltung. Eine Ustermerin sagt: «Dem Autor zuzuhören macht die Lektüre lebendiger. Der Rhythmus der Sprache ist grossartig. Mein Sohn erkannte in dem Sprachfluss stimmige Rap-Elemente.» Eine Andere meint: ««Mir sind gut recherchierte Geschichten wichtiger, als der fantastische Text von Zwicky. Auffallend sein Sprachwitz, es ist anspruchsvoll, manchmal zu anspruchsvoll.»
Auffällig war, dass viele der Befragten keines von Dieter Zwickys Büchern kannten, so meint ein Ustermer: «Ich kenne weder seine Bücher noch der Autor war mir vorher bekannt, obwohl ich in Uster wohne und regelmässig über den Förderverein der Villa Grunholzer Kulturanlässe besuche. Es war aber sehr unterhaltsam.»

Trivialliteratur bringt Geld

Tags darauf sagt Zwicky schmunzelnd, dass er gerne mehr anwesendes «Fleisch» in seiner Lesung gehabt hätte. Aber man müsse auch mal mit weniger Fleisch vorlieb nehmen. Das Nischendasein ist ihm nicht fremd. Er verfasse keine Trivialliteratur und die Stadt Uster sei nun einmal keine Hochburg der Hochliteratur. Diese Äusserung sei keine grundsätzliche Rückweisung der Trivialliteratur, es sei einfach nicht seine Art zu schreiben. «Das geht mir gegen das Fleisch», sagt er. Er sei sich aber des kommerziellen Erfolges des Genres bewusst.

Zuerst das Wort, dann die Handlung

Zwicky überlegt sich nicht in erster Linie einen Handlungsablauf seiner Geschichten. Die Geschichte entsteht aus einem Wort und er assoziiert daraus das nächste. «Ein Wort hat immer zehn Kollegen. Das Medium ist die Sprache, sie dient als Inspirationsquelle.» Inspiration über die Sprache, nichts anderes als die Sprache. «Ich spaziere gerne und mit meinem Hund, denke dabei aber nur an meinen Hund. Ich bin Drogenfrei, bin nicht grundsätzlich gegen Drogen, aber unter Drogeneinfluss lässt es sich nur schlecht schlafen.» 

Also keine Bildungsreise nach Italien à la Goethe, keine Isolationshaft in der Art von Kafka und kein Lager mit faulen Äpfeln wie Schiller als Eingebung für das literarische Werk. Ganz einfach ein Wort oder ein Satz als Grundgerüst.

Uster der Fantasietod

Obwohl er in Uster schreibt, würde für ihn die Stadt nicht als Ideenherd taugen: «Uster ist eigentlich der Fantasietod. Die Stadt erzeugt ein Grundgefühl, das einen alles oder nichts sagen lässt. Wie die Bezeichnung Stadt am Wasser, die ist einfach lächerlich, wo ist hier das Wasser?»
Sein Schreib-Refugium ist ein kleines Bürozimmer in seinem Ustermer Zuhause. Ein Computer – Offline – und eine Amsel, die vor dem Fenster pfeift. Ein Minimum als Ablenkung also? Nicht ganz, ablenken könne man sich immer auch mit sich selber. «Der Mensch kann sich auch mit seiner Unzufriedenheit ablenken», sagt Zwicky.

Keine Verwendung fürs Theologiestudium

Unzufrieden wäre Zwicky wohl auch als Pfarrer geworden. Einst hat ihn ein solcher zum Theologiestudium bewogen: «Unser Pfarrer hat immer mit seinem Fuss gewippt. Der sportliche Aspekt des Wippens, als Pflege meiner Wadenkultur hat mich fasziniert. Ob dies ein psychischer, Leidenschaftlicher oder ein hormonbedingter physischer Akt war, weiss ich nicht.» Nach dem Studium habe er aber nichts Christliches predigen wollen. Er hat dann als Postbeamter gearbeitet und fühlte sich dort wie ein Fremdkörper. Er sei Schreibbürolist gewesen, habe aber das literarische Schaffen vor – oder nach der Arbeit gepflegt. Heute muss er zwecks Broterwerbs neben seiner literarischen Tätigkeit noch als Korrektor arbeiten.
Im letzten Jahr war er auch wegen Ehrungen und Preise in Empfang zu nehmen viel im Ausland unterwegs. «Heuer habe ich die Chance, die Perversionen des stillen Kämmerchens zu geniessen.» 

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