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Guerilla-Aktion des Kantons am Seeufer

Guerilla-Aktion des Kantons am Seeufer

Eine Infotafel für einen Luxusbau am See trieb am Wochenende die Gemüter in Greifensee zur Weissglut. Wie sich zeigte: Der Kanton will so auf das Jubiläum «75 Jahre Natur- und Landschaftsschutz» aufmerksam machen.

Manuel
Reimann
Sonntag, 22. April 2018, 18:23 Uhr

Schilf, Wasser und der Blick auf Pfannenstiel und Alpen. Die Lage am Seeufer zwischen Niederuster und Greifensee ist ein Traum. Eine Tafel weist darauf hin, dass es sich um Naturschutzgebiet handelt. Trotzdem stehen hier seit Freitag Bauvisiere. Und ein grosses Schild, das darüber informiert, was gebaut werden soll: «Bellevue am Greifensee – exklusiver Wohngenuss mitten in der Natur». Die Visualisierung zeigt einen langen Gebäudekomplex mit grossen Terrassen zur Seeseite. Dazu der Hinweis, dass «alle Wohnungen bereits verkauft» sind.

Verspäteter Aprilscherz?

Für Erholungssuchende ein Albtraum. Auf der ZO/AvU-Redaktion gingen gleich mehrere Reaktionen ein. «Greifensee Naturschutzzone ausgehebelt», schreibt ein Leser. «Mitten im Naherholungs- und Naturschutzgebiet, an einem der schönsten Plätze, ist eine exklusive  Wohnbebauung geplant und ausgesteckt.» Er frage sich, wer  für solchen Unfug zuständig  und verantwortlich sei. «Soll das ein Witz sein?»

Ein anderer Leser wundert sich: «Haben wir heute den 1. April? Soeben bin ich bei der Naturschutzzone am Greifensee vorbeispaziert und sehe diese Bautafel! Das ist der Witz des Tages.»

Niemanden eingeweiht

Sie sind nicht die einzigen, die sich über dieses Projekt geärgert haben. Wie TeleZüri gestern Abend berichtete, brandete eine Welle der Empörung über den Greifenseer Gemeinderat. Gemeindepräsidentin Monika Keller sagte in der Fernsehsendung, dass sie zahlreiche Bewohner der Gemeinde mit Fragen überhäuft hätten. Auch Frank Auderset vom Verband zum Schutz des Greifensees hatte deswegen einen stressigen Samstag: «Ich musste gestern in meiner Freizeit fünf Stunden lang Fragen beantworten.»

Am Sonntag outete sich der Kanton als Ersteller der Bauvisiere und der Hinweistafel für eine angeblich geplante Überbauung am See. Das Amt für Landschaft und Natur wollte damit auf das Jubiläum «75 Jahre Natur- und Landschaftsschutz» aufmerksam machen. Nur hat man es unterlassen, die Anwohner zu informieren – im Vorfeld war niemand in die Guerilla-Aktion eingeweiht worden. Die Greifenseer – Gemeinderat inklusive – wurden im Glauben gelassen, dass der Neubau tatsächlich erstellt werde. Und offenbar zunächst auch der Gemeinderat. «Ich war überrumpelt und auch ziemlich hässig. Schliesslich musste ich die ganze Sache ausbaden», sagte Monika Keller auf TeleZüri. 

Vorzeitiger Übungsabbruch

Erst auf Druck der Gemeinde berief der Kanton gestern Vormittag vor Ort eine Infoveranstaltung ein – viel früher als ursprünglich geplant. Dort erklärten die Verantwortlichen, dass es sich nur um eine PR-Aktion handle und der Luxusbau am See nicht wirklich gebaut werde. Gegenüber TeleZüri räumte Marco Pezzatti, Chef des Amtes für Landschaft und Natur, ein, dass man den Standort für die Aktion wohl besser hätte wählen können. Ausserdem hätte man zusätzliche Leute einweihen sollen. Andererseits: «So eine Aktion funktioniert nur, wenn möglichst wenig Leute eingeweiht sind.»

Entwickelt wurde die Aktion zusammen mit einer Werbeagentur. «Wir wollten mit wenig Geld eine grosse Beachtung finden», so Pezzatti weiter. Finanziert worden sei sie über den Lotteriefonds.

Eigentlich sollen Visiere und Bautafeln bis Mitte Mai stehen bleiben. Nach den heftigen Reaktionen aus der Bevölkerung prüft der Kanton nun, ob man die Aktion vorzeitig beenden soll.

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