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Gefahr für den Greifensee

Fremde Muscheln breiten sich aus

Wandermuscheln ärgern Bootsbesitzer, das grössere Problem aber sind Körbchenmuscheln. Im Greifensee lässt sich ihre Ausbreitung nicht mehr stoppen, im Pfäffikersee aber versuchen die Behörden zu retten, was zu retten ist.

Mittwoch, 01. November 2017, 20:09 Uhr Gefahr für den Greifensee

Ein Blick unter sein Ruderboot genügt, und Bernhard Stettler weiss, wie es um den Greifensee bestellt ist. Der Rumpf ist mit Muscheln übersät. Zu Abertausenden haben sich die kleinen Tierchen daran festgeklebt und bilden – auch wenn schon längst tot – eine regelrechte Muschelkruste. 

Stettler Hobbyfischer hängt an seinem Boot. Viel mehr aber hängt er am Greifensee und den Pflanzen und Tieren, die in ihm leben. «Dass Muscheln an meinem Boot kleben, ist kein grosses Problem. Mich beunruhigt eher die Folgen, die das für die Flora und Fauna hier hat», sagt der Präsident der Freien Fischer-Vereinigung Greifensee Schwerzenbach.

Mehr Wasservögel

Der 47-jährige Greifenseer kennt sich aus an «seinem» See. So weiss er: Wandermuscheln greifen nicht nur den Lack von Booten an und schneiden in die Fusssohlen, wenn man beim Baden auf sie tritt; sie drängen auch heimische Muschelarten zurück. Ganz die Überhand werden sie aber wohl nie nehmen. «Seit es am Greifensee so viele Wandermuscheln gibt, gibt es auch mehr Wasservögel, denen die Wandermuscheln als Nahrung dient», sagt Stettler. Ein Befund, den Patrick Steinmann vom kantonalen Amt für Abfall, Wasser, Energie und Luft (AWEL) bestätigt. «Wandermuscheln bilden die Hauptnahrung für Kolbenenten und ‹Taucherli›. Diese sorgen dafür, dass die Muschelbestände immer wieder dezimiert werden», sagt der Gewässerbiologe.

«Sie herauszufischen ist schlicht unmöglich»
Patrick Steinmann, Gewässerbiologe AWEL

Erst seit sieben Jahren im See

Mehr beunruhigt Stettler und Steinman denn auch die Ausbreitung einer anderen Muschelart im Greifensee: Der asiatischen Körbchenmuschel. Stettlers Sohn Robin fand eines der ersten Exemplare vor sieben Jahren im Uferbereich bei der Badi Greifensee, woraufhin Stettler sofort das AWEL informierte. Heute braucht der Greifenseer nur einmal in den Sand des Seeboden zu fassen, und er hält mehrere Exemplare in den Händen. «Die Bestände der asiatischen Körbchenmuschel sind in den vergangenen Jahren enorm gewachsen», sagt Steinmann.

Im Greifensee überall zu finden: Asiatische Körbchenmuscheln. (Bild: Zicolas Zonvi)

Körbchenmuscheln können die Tier- und Pflanzenwelt eines Sees stark verändern. Breiten sie sich aus, bildet sich aus ihren Schalen nach und nach eine Schicht aus Muschelkalk auf dem Seeboden. Der ehemals schlammige Boden wird überdeckt, Tiere wie die einheimische Erbsenmuschel oder grabende Insektenlarven und Würmer finden keinen Lebensraum mehr.

Von Schiffen transportiert

Diese Entwicklung lässt sich in fast allen grösseren Seen der Schweiz beobachten. Ins Land gekommen sind die Körbchenmuscheln vor allem über den Rhein. Im Gegensatz zu den Wandermuscheln sind sie aber nicht den Fluss hochgewandert, sondern sie wurden von Schiffen transportiert.

«Für den Greifensee ist es zu spät»
Patrick Steinmann, Gewässerbiologe AWEL

Der Transport geschieht dabei über Wasser, das nach dem Putzen als Restwasser an Deck bleibt und Muschellarven enthält. Einmal in der Schweiz und im Bodensee, werden die Larven so auch von See zu See getragen. Ein Bootsbesitzer transportiert sein Boot vom Bodensee in den Zürichsee, später benutzt er das Ruder, das er dort benutzt hat, auch im Greifensee, und schon sind die Larven auch hier. 

Um zu verhindern, dass Körbchenmuscheln oder andere sogenannt invasive, gebietsfremde Tiere in einen See gelangen, hilft nur eins: Den Transport der Larven verhindern. Denn sind sie einmal da und haben eine bestimmte Zahl erreicht, breiten sich zumindest Körbchenmuscheln ungehindert aus. «Sie haben kaum Feinde und sie herauszufischen ist schlicht unmöglich – man müsste den ganzen Seeboden leer fegen bis tief ins Sediment», sagt Steinmann.

Boote und Ruder reinigen

Für den Greifensee hat der Biologe denn auch nur wenig Hoffnung. «Hier ist es zu spät, die Ausbreitung der Körbchenmuschel noch aufzuhalten». Anders sieht es hingegen beim Pfäffikersee aus, dem zweiten See in der Region. Körbchenmuscheln gibt es hier praktisch noch keine.

Das AWEL hat deshalb im Jahr 2016 ein Pilotprojekt gestartet, das zum Ziel hat, den Pfäffikersee von invasiven, gebietsfremden Arten frei zu halten. Mit Tafeln und Broschüren werden Bootsbesitzer und Wassersportler aufgerufen, ihre Boote, Ruder und Stand-up-Paddeling-Bretter sorgfältig zu reinigen, bevor sie sie ins Wasser lassen – damit nicht versehentlich Tierchen und Larven aus anderen Seen eingeschleppt werden. Eine erste Bilanz zum Projekt, will das AWEL in zwei Jahren ziehen.

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