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«Dübendorf weiss nicht, was es ist oder sein will»

Künstlerin über die Einhornstadt

«Dübendorf weiss nicht, was es ist oder sein will»

Die junge Künstlerin Simone Etter hat momentan eine Kunstresidenz in Dübendorf. In ihrem Projekt will sie den Dübendorfern näher kommen. Unter anderem lässt sie sie dafür mit einem Stück Holz Gassi gehen.

Deborah
von Wartburg
Montag, 02. Juli 2018, 09:21 Uhr Künstlerin über die Einhornstadt

«Ich will auch mal Künstlerin werden» sagt die 10 jährige Lila. «In der Kunst kann man machen, was man will» fügt Schwester Suhaila an. Gemeinsam mit ihrem jüngeren Bruder Jakob wuseln die Schwestern im Kunstclub Dübendorf herum, der im Haus des ehemaligen Tennisclubs «Flugplatz» zu Hause ist. Anscheinend tun sie das dauernd, seit Simone Etter hier ihre Künstlerresidenz hat.

«Gleich am zweiten Tag nach meiner Ankunft haben sie geklopft und gefragt, was ich hier mache», sagt Etter. Die drei Kinder wohnen gleich nebenan und fühlen sich in der Atelieratmosphäre sehr wohl.

«Das der Ort offen für alle ist, entspricht meiner Konzept-Idee», sagt Etter. Sie hat von der Stadt Dübendorf eine «Art Residency» erhalten, eine Art Kunstatelierstipendium. Die Transformation vom Tennisclubhaus zu einem partizipativen Kunstraum hat zum Kunst Club Dübendorf geführt.

Jeder, der den Raum betritt, wird automatisch Mitglied und erhält eine nummerierte Mitgliederkarte. Auf dieser ist das Wappen Dübendorfs abgebildet – mit kleinen Modifikationen: Das Banner ist umgedreht und das Einhorn hat zwei Hörner, was ihm etwas Teuflisches verleiht.

Bewerbungsbedingung für Etters Stipendium war, dass sie sich mit der lokalen Bevölkerung auseinandersetzt. «Als ich das gesehen habe musste ich schmunzeln», sagt Etter. «Ich nehme das sehr ernst. ‹Auseinandersetzen› heisst für mich mehr, als eine Bilderserie vom Flugplatz zu machen und diese dann auszustellen.»

 

Experimentelle Spaziergänge und ein neuer Stadtplan

 

Um mit den Dübendorfern in Kontakt zu kommen, lässt Etter diese spazieren. Die Künstlerin beschäftigt sich schon lange mit Räumen und dem Spaziergang als Wahrnehmungsmethode. Deshalb hat sie 10 Anleitungen für Spaziergänge verfasst, bei denen der Gehende den öffentlichen Raum neu wahrnehmen soll. Und immer kommt bei dem Gang etwas zurück in den Kunstclub.

 

Etwa wenn der Gehende ein Foto einer bestimmten Komposition gemacht hat, oder er mit einer weissen Socke spaziert ist, die nachher dreckig ist. Am Schluss soll eine Art kollektive Stadtkarte entstehen, die die Besucher durch ihre Spaziergänge mitgestaltet haben.

 

In einem der Spaziergänge geht man mit einem Holzstück an der Leine durch die Stadt, in einem anderem wird zum Rückwärtsgehen aufgefordert. «So erleben die Leute, wie man wirkt wenn man sich auf ungewöhnliche Weise in der Öffentlichkeit bewegt.» Solche Erfahrungen erlaubten es den Menschen einen Raum, den sie bereits zu kennen glauben, neu zu erleben und auch dessen soziale Komponente zu sehen, so Etter. Sie wolle, dass die Leute aus ihrer Komfort-Zone herausgehen. «Wir sind oft gefangen in unserem ‹Sein im Raum›.» Die Leute sollen angeregt werden, räumlich definierte Machtstrukturen zu sehen und diese zu hinterfragen. Warum geht man hier über die Strasse und nicht dort?  Wieso fühlt man sich am einen Ort wohl und am anderen nicht?

 

Dübendorf: Eine Stadt voller Linien

 

Dübendorf eigne sich sehr gut für solche Experimente, sagt Etter. «Die Stadt ist voller gelber Linien. Hier ist etwas privat, da dürfen nur Kunden stehen. Der vermeintlich öffentliche Raum ist klar  definiert.» Durch die neue Betrachtung ihrer Umgebung will Etter die Dübendorfer auch anregen, neue Themen aufs Tapet zu bringen. «Nicht immer nur die Zooseilbahn und der Flugplatz.»

 

«Die Stadt ist voller gelber Linien»

Simone Etter

 

Der Dialog mit den Dübendorfern sei spannend, aber immer auch eine Herausforderung. «Ich habe das Gefühl, die Stadt weiss nicht genau, was sie ist oder was sie sein will», sagt Etter. «Das ist ganz anders als etwa im anonymen Paris, wo ich mein letztes Kunststipendium hatte. Dort existiert die Stadt nicht mehr sondern nur noch ein Bild der Stadt. Paris ist anderswo. Dübendorf muss ich erst noch finden.» Hier sehe sie die Chance, für die Bevölkerung den Raum und dessen Bild mitzugestalten. Die Frage ist, was das für ein Bild sein soll.

 

Gemischtes Doppel auf dem Tennisplatz

 

Neben den Spaziergängen gehören zu dem Kunstclub auch Performances, die bis im Oktober, wenn die Residency ausläuft, auf dem alten Tennisplatz stattfinden und auch in der entsprechenden Sprache angekündigt werden. Ein «Damendoppel» mit dem Künstlerinnenkollektiv marsie habe bereits stattgefunden. Als nächstes steht am 6. Juli ein «mixed doppel» an.  «Dann wird es abgehen», sagt Etter voller Vorfreude.

 

Mit dabei sind Künstler aus der Region und der ganzen Deutschschweiz. Wie auch Gisela Hochuli aus Bern, im 2014 den «Performancepreis Schweiz» gewonnen hat. Wie die letzte Veranstaltung «das grosse Finale» ende September aussehen werden, weiss Etter noch nicht. Dafür müsse sie zuerst ihre Erfahrungen auswerten. «Positiv ist sicher schon einmal, dass ich die drei Nachbarskinder kennengelernt habe.» Die drei sind mittlerweile am Bilder malen und schauen kurz lächelnd auf, als sie erwähnt werden.

 

Der Kunstclub Dübendorf befindet sich an der Bettlistrasse 11 a und ist jeden Samstag,und Sonntag (im Juli) und Mittwochnachmittag (im Juni/August) geöffnet. Beim nächsten «Tennissatz» finden am 6. Juli von 17 bis 18.30  Uhr Gruppenperformances und von 20 bis 22 Uhr Einzelperformances statt. Alle Veranstaltungen sind gratis.

 

Simone Etter hat in Bern und Basel Kunst studiert. Sie hat bereits Art Residencies in Paris und Dübendorf bekommen und stellte mehrfach in der Schweiz, Frankreich, Deutschland und China aus.

 

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