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«Ich habe noch nie einen Homosexuellen geheilt»

Umstrittener Arzt Arne Elsen

«Ich habe noch nie einen Homosexuellen geheilt»

Der umstrittene deutsche Arzt Arne Elsen trat im Rahmen einer «Heilungsveranstaltung» einer Freikirche am Wochenende im Pfäffiker Chesselhuus auf. Er wurde verschiedentlich als «Schwulenheiler» bezeichnet. Sekten-Experte Georg Otto Schmid analysierte für Züriost die Veranstaltung.

Malte
Aeberli
Sonntag, 13. Mai 2018, 15:15 Uhr Umstrittener Arzt Arne Elsen

Der erste Abend der sogenannten Heilungstage mit dem umstrittenen deutschen Arzt Arne Elsen im Chesselhuus in Pfäffikon beginnt bunt und mit Küssen. Die Jungsozialisten (Juso) Zürich Oberland haben kurzfristig zu einem «Kiss-In» aufgerufen (wir berichteten).

Eine Handvoll Jusos, aber vor allem Aktivistinnen und Aktivisten aus der sogenannten Queer-Szene, haben sich neben dem Chesselhuus versammelt und schwenken die farbenfrohen Fahnen der Homosexuellen- und Transgender-Bewegung sowie Transparente mit Slogans, die auf den Ruf Arne Elsens als «Schwulenheiler» Bezug nehmen. «Liebe braucht keine Heilung. Hass dagegen schon» ist da zu lesen, und «Homophobie ist heilbar».

In Freikirchen ist im Moment ein Umdenkprozess zum Thema Homosexualität zu beobachten.

Nach einer kurzen Ansprache sagt die Mauremer Juso-Co-Präsidentin, Nadia Kuhn: «Als Zeichen der Liebe dürft ihr jetzt rummachen.» Diese Anregung wird von einem Aktivisten angesichts zuschauender Kinder sogleich präzisiert: «Oberhalb der Gürtellinie». Pärchen tauschen Küsse aus, Singles umarmen sich kollegial. Alles durch und durch jugendfrei.

 

Sicherheitsdienst verscheucht Aktivisten

Die Schar zieht über die Hauptstrasse zur anderen Seite des Chesselhauses weiter, da ihr der Vorbeimarsch am Chesselhuus durch den anwesenden Sicherheitsdienst verwehrt wird. Umso lauter werden dafür die Parolen gerufen: «Eure Kinder werden alle queer – eure Kinder werden so wie wir.»

Der Slogan übertreibt natürlich, hat aber nicht völlig unrecht: In Freikirchen ist im Moment ein Umdenkprozess zum Thema Homosexualität zu beobachten. Und dieser rührt ganz wesentlich daher, dass junge Leute aus freikirchlichen Familien ihre Homosexualität entdecken und ebenso ausleben wollen wie ihren freikirchlichen Glauben.

Monolog zur Rechtfertigung

Im Saal selbst sind Stühle für 400 Personen aufgestellt, es finden sich aber nur knapp 60 Leute ein, um am «Heilungsseminar» mit Arne Elsen teilzunehmen. Der Altersdurchschnitt der Besucher des Seminars ist fast doppelt so hoch wie derjenige der Demonstrierenden. Ausserdem waren rund drei Viertel der Anwesenden bereits an Veranstaltungen mit Arne Elsen dabei. Bis auf eine einzige Person sind alle freikirchlich oder freikirchennah orientiert.

Patrick Krähenbühl, der Pastor der im Vorjahr neugegründeten Freikirche «Freiheit in Jesus» und der den Anlass organisiert hat, begrüsst die Anwesenden. Seine Gemeinde ist mit zwölf Gemeindegliedern noch klein und trifft sich in Krähenbühls Privathaus. 

Arne Elsen vor seinen Zuhörern. Die meisten aus dem Freikirchlichen Millieu (Foto: Marcel Vollenweider)

Homosexualität keine Krankheit

Dann tritt Arne Elsen auf. Er wehrt sich entschieden dagegen, als «Schwulenheiler» bezeichnet zu werden. Er habe noch nie einen Homosexuellen geheilt, und überhaupt würde er Homosexualität nicht als Krankheit ansehen.

Im Gegenteil, Homosexuelle sollten in christlichen Gemeinden mit offenen Armen empfangen werden. Zu einem Bekenntnis der Gleichwertigkeit von Homosexualität und Heterosexualität mag er sich dann aber nicht durchringen. Ehe für alle ist kein Thema.

Wer recht glaubt, kann deshalb geheilt werden.

Elsens Ruf als «Schwulenheiler» begründet sich in einem Bericht des Norddeutschen Rundfunks (NDR) aus dem Jahr 2014. Damals zeigte sich Elsen bereit, in seiner Praxis mit einem verdeckt ermittelnden Journalisten zu beten, welcher angab, bald heiraten zu wollen, aber unter homosexuellen Wünschen zu leiden.

Eine Stunde Rechtfertigung

Dabei soll Elsen von einem «Geist der Homosexualität» gesprochen haben, der auf sein Gebet hin aus dem vermeintlichen Patienten gewichen sei. Heute betont Elsen, dass er niemals Homosexualität ausgetrieben habe. Ein explizites Dementi zum Begriff «Geist der Homosexualität» bleibt aber aus.

Erst nach einer vollen Stunde der Selbstverteidigung und Rechtfertigung kommt Elsen zum eigentlichen Thema des Abends, der Heilung. Sofort wird deutlich, dass Arne Elsen zur sogenannten «Wort-des-Glaubens»-Bewegung gehört, einem radikalen Seitenflügel der Freikirchenszene.

Heilung, so lehrt Elsen mit der Wort-des-Glaubens-Bewegung, ist eine Folge von Jesus‘ Opfer am Kreuz. Dabei hat Jesus nicht nur alle Sünden, sondern auch alle Krankheiten getragen. Wer recht glaubt, kann deshalb geheilt werden.

Ein Gebets-Timer für 46 Franken

Und wie glaubt man richtig? Elsen empfiehlt das dauernde Gebet. Dazu verkauft er Intervall-Timer, portable Geräte, die nach einer einzustellenden Zeitdauer ein Signal geben.

Elsen empfiehlt, mit Hilfe dieses Timers alle zehn Minuten «Gott zu loben». Mit lauter Stimme, wenn man allein ist. Nur innerlich, wenn man sich unter anderen Menschen befindet. Die Timer verkauft Elsen an seinem Büchertisch für 46 Franken. Bei Amazon sind sie beispielsweise für rund 20 Euro zu haben.

«Ich will einmal Tote auferwecken. Das ist noch nicht passiert, aber das kommt noch, das weiss ich.»

Margot Krähenbühl, Mitglied und Frau des Gründers der Freikirche «Freiheit in Jesus»

Zum Abschluss des Abends fordert Elsen Patrick Krähenbühl und dessen Frau dazu auf, Zeugnis abzulegen. Die Szene entbehrt nicht einer gewissen Komik. Zuerst streikt das Mikrophon. Als Wort-des-Glaubens-Lehrer glaubt Elsen, dass Christen mit ihrem Wort Wunder bewirken können, und so befiehlt er dem Mikrophon: «Soll jetzt gehen! Soll jetzt gehen!»

Schliesslich wird der Einschaltknopf gefunden und bedient. Margot Krähenbühl kann nun von ihrem Wunsch für die Zukunft der Gemeinde Freiheit in Jesus berichten: «Ich will einmal Tote auferwecken. Das ist noch nicht passiert, aber das kommt noch, das weiss ich.» (Georg Otto Schmid, Informationsstelle Relinfo.ch in Rüti)

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