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Das Experiment: ein Kindergarten ohne Spielsachen

Kaum Strukturen und Regeln, dafür viel Eigenverantwortung: Im Kindergarten Steinacker betreten die Kinder in einem Projekt Neuland.

Mittwoch, 09. April 2014, 18:36 Uhr

Aus einem Tisch, Stühlen und einem grossen Tuch entsteht eine Burg. Zwei Mädchen üben sich in Seilspringen, ein drittes rennt nach draussen und spielt dort Fangen mit seinen Kameraden. Ein Bub steht auf einer Leiter und tut – nichts. «Das hat es früher kaum gegeben», sagt Kindergärtnerin Noëlle Riklin. Vor gut fünf Wochen wurden sämtliche Spielsachen des Kindergartens Steinacker in den Keller geräumt. Nun dienen den Kindern das Mobiliar, Tücher oder Naturmaterialien als Beschäftigung. «Spielzeugfreier Kindergarten» heisst das Projekt, das im Kindergarten zum ersten Mal durchgeführt wird.

Unterstützung bekommen die Kindergärtnerinnen von der kantonalen Suchtprävention, welche diese in einem zwei­tägigen Kurs vorbereitet. Als sie vom Projekt erfahren habe, sei sie sofort begeistert gewesen, sagt Riklin. Das Konsumverhalten vieler Kinder bereite ihr ­Sorgen: «Sie beschäftigen sich mit vorgefertigten, oft elektronischen Spielsachen. Ihre Freizeit ist strukturiert, sie werden unterhalten und wissen gar nicht, wie sie sich selbst beschäftigen könnten.»

Sieben Wochen lang sollen die Kinder deshalb lernen, mit wenig auszukommen. Nicht nur die Spielsachen fehlen, auch die Strukturen im Kindergartenalltag. Ihren Znüni dürfen die Kinder essen, wann sie wollen, sie dürfen selbständig auf den Spielplatz. Und Noëlle Riklin hält sich bewusst mit ihren Ideen und Anregungen zurück. Nur Rituale wie Geburtstagsfeiern finden wie gewohnt statt.

Die Langeweile aushalten

Die Kinder hätten in den letzten Wochen eine erstaunliche Entwicklung durchgemacht, sagt Riklin. «Am Anfang fanden sie es toll, dass sie machen dürfen, was sie wollen.» Dann habe sich Ernüchterung breitgemacht. «Sie wussten nicht, wie sie sich ohne Spielsachen beschäftigen können. Und sie mussten lernen, Langeweile auszuhalten.»

Jetzt, kurz vor Ende des Projekts, hätten sich die Kinder an die neue Situation gewöhnt. «Sie geniessen die neuen Freiheiten und vermissen die vorgefertigten Spielsachen nicht.» Und sie würden vor allem lernen, sich mit einfachen Dingen zu beschäftigen und ihre eigenen Ideen zu entwickeln. «Kürzlich hat ein Bub zwei Stunden lang Kellerasseln untersucht.»

Für Riklin selbst war der spielsachenfreie Alltag eine Herausforderung, wie sie sagt. «Es ist oft sehr laut, und die Kinder streiten öfter, weil sie weniger Material zum Spielen zur Verfügung haben.» Damit die Kinder ihre Konflikte möglichst unter sich lösen, hat Riklin in einer Ecke zwei Stühle aufgestellt. Dort können sie sich hinsetzen und ein Problem besprechen.

Am Ende des Morgens kommen alle Kindergarten­kinder im Kreis zusammen. Mithilfe von Karten, auf denen ­Gesichter mit unterschiedlicher Mimik gedruckt sind, sagen die Kinder, wie sie sich fühlen. «Die Kinder kommunizieren mehr untereinander, ihre Ausdrucksfähigkeit hat sich zum Teil enorm entwickelt.»

Vorfreude aufs Basteln

Nach den Frühlingsferien gilt es, die Spielsachen zurück aus dem Keller zu holen. «Das wird ­sicher nicht ganz einfach», sagt Riklin. «Es fragt sich, ob wir wirklich alles brauchen.» Riklin würde das Projekt mit einer anderen Kindergartenklasse wieder durchführen.

Ganz ohne Spielsachen kann sie sich den Kindergartenalltag aber nicht vorstellen. «Ich freue mich darauf, mich wieder mit den Kindern in einem Thema zu vertiefen, zu malen und zu werken.»

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