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Kiesrausch am Chäsenberg

In Tagelswangen entsteht eine der grössten Kiesgruben des ¬Kantons. Der Kiesabbau hat Vorrang vor anderen Interessen. Das mussten die Gemeine Lindau sowie Betroffene in Tagelswangen erfahren. Die Nutzung der Kiesvorräte ist in privaten Händen.

Donnerstag, 26. April 2018, 16:30 Uhr

Von der Bahnlinie nach Zürich aus gesehen öffnet sich vor der Abzweigung in Richtung Flughafen gegen Norden ein unverbautes Stück Land, leicht gewellt, mit Äckern . Die Erhebung in der Mitte, der Chäsenberg, ist im kantonalen Inventar für Landschaftsschutz eingetragen. Hier wird eine der grössten Kiesgruben im Kanton Zürich entstehen: 35 Hektaren gross, mit einem Abbauvolumen von 7,5 Millionen Kubikmeter. Das Gebiet erstreckt sich über die Bahnlinie hinaus weiter nach Süden: 

Hier beginnt in drei bis fünf Jahren der Abbau. Die Bewohner des angrenzenden Dorfs Tagelswangen wehren sich seit Jahren gegen die Kiesgewinnung. Sie haben die Interessengruppe Kiesgrube-Nein gegründet. Doch ihr Widerstand dürfte auf Beton stossen. Bereits die Gemeinde Lindau, auf deren Gebiet Tagelswangen liegt, hat versucht, die Kiesgrube zu verhindern. Dazu ist sie bis ans Bundesgericht gelangt.

Wie im Wilden Westen

Der Weg vom Bauernland zur Kiesgrube ist lang, der Ablauf dabei erstaunlich. Es klingt wie bei einem Goldrush. Der Kiesunternehmer selbst ortet ein Kiesvorkommen und sichert es. Das geschieht mittels Dienstbarkeitsverträgen mit den Landbesitzern. Diese übertragen dem Unternehmen das Recht, das Kies im Boden zu nutzen. «Selbstverständlich gegen eine entsprechende Entschädigung», wie Christian Gubler, Geschäftsführer der Kies AG Bauma, sagt. Die Kies AG wird das Vorkommen in Tagelswangen abbauen. Sie ist ein Ableger der FBB Frischbeton und Baustoffe.

Im Rennen um den Kies setzen die Konkurrenten unzimperliche Mittel ein. Das musste die FBB selbst erfahren. Ausgerechnet in Tagelswangen. Dort hatte sich das Unternehmen nur mündlich mit den Grundeigentümern geeinigt und es versäumt, Verbindliches ins Grundbuch einzutragen. Die Berner Marti Gruppe nutzte die Gelegenheit und unterbreitete einem der Landbesitzer ein verlockendes Angebot. Das war vor fünf Jahren, wie die «Handelszeitung» schrieb.

Christian Gubler bestätigt diesen Bericht. Der betreffende Bauer habe Martis Angebot abgelehnt, sagt Gubler. Geld sei nicht das einzige, worauf es einem Landbesitzer ankomme. «Ganz wesentlich ist das Vertrauen», sagt Gubler. Die FBB habe den Ruf, das Land und die Landschaft zuverlässig wieder herzustellen. Das Vorgehen der Marti Gruppe ist laut Gubler «nicht Usanz in der Kiesbranche». Das seien eher Wildwest-Methoden.

Die FBB hat laut Gubler schon Ende der 1990er Jahre Kontakt zu den Landbesitzern aufgenommen. «Wir sind schon zwanzig Jahre im Gespräch», sagt Gubler. Die Kiesgrube in Tagelswangen war also schon in der Pipeline der FBB, lange bevor die Gemeinde Lindau davon erfuhr.

Nachdem die FBB die Landbesitzer an sich gebunden hatte, beantragte sie beim kantonalen Amt für Abfall, Wasser, Energie und Luft (AWEL) für das Gebiet bei Tagelswangen einen Eintrag für «Kiesabbau» im kantonalen Richtplan. Diesen muss jeweils der Kantonsrat genehmigen. Dennoch sind es im wesentlichen die privaten Kiesunternehmer, die vorgeben, wo nach Kies gebaggert wird.

Gemeinden sind Schlusslicht

«Die Gemeinde Lindau hat 2006 im Rahmen der Behördenvernehmlassung davon erfahren, dass in Tagelswangen ein Eintrag für eine Kiesgrube vorgesehen ist», sagt Wolfgang Bollack, Sprecher der kantonalen Baudirektion. Lindau lief beim Kiesprojekt auf ihrem Gebiet also von Anfang an der Entwicklung hinterher. Im November 2009 stellte der damalige Effretiker Kantonsrat Ueli Annen (SP) den Antrag, die Kiesgrube Tagelswangen aus dem Kantonalen Richtplan zu streichen. Dies auch im Interesse von Lindau. Annen unterlag im Rat mit 33 zu 134 Stimmen. Die Machtverhältnisse wurden damit mehr als deutlich. Das Urteil des Bundesgerichts, das Lindau in einer Verfahrensfrage Recht gab, änderte daran nichts.

Im Juni 2012 konnte sich die Gemeinde Lindau bei der SBB davon überzeugen, dass für die Kiesgrube ein Bahnanschluss möglich war. Hauptsächlich aufgrund dieser Sachlage verzichtete der Gemeinderat Lindau im April 2014 zähneknirschend auf weiteren Widerstand gegen den Kiesabbau. Die Gemeinde hatte zuvor noch eine Reihe von Konzessionen erreicht von Seiten des Kantons und der FBB (siehe Box).

Trotz Kies kein Geld für Lindau

«Der Kiespreis ist über lange Zeit gesunken», sagt Gubler. Er beträgt laut Fachverband der Schweizerischen Kies- und Betonindustrie (fskb) heute rund 15 bis 20 Franken pro Kubikmeter. In Tagelswangen dürften gut vier Millionen Kubikmeter nutzbares Kies anfallen. Mindestens der Umsatz mit Kies ist nach wie vor beträchtlich.

Dazu kommt eine zweite Einnahmequelle. Der Kiesunternehmer bekommt Geld dafür, dass er Aushubmaterial in seiner Grube deponiert. Markus Pfanner, Mediensprecher des AWEL, sagt: «Aufgrund der aktuellen Situation mit einem Überschuss an Aushubmaterial ist davon auszugehen, dass bei der Auffüllung mehr verdient wird als beim Abbau von Kies.» Von Seiten der Kieswirtschaft gibt das niemand offen zu.

Insgesamt geht es in Tagelswangen um ein Geschäft in dreistelliger Millionenhöhe. Davon fliesst kaum etwas in die Kassen der Gemeine Lindau. Die FBB Unternehmungen gehören als Töchter der FBB Holding AG. Diese ist in Zug angesiedelt. Sie beschäftigt keinen einzigen Mitarbeiter. Trotzdem verneint Gubler, dass es sich bei der FBB Holding AG um eine Briefkastenfirma handle. Er sagt: «Die Firma ist noch im Aufbau.» Der Eintrag der Firma im Handelsregister Zug erfolgte allerdings bereits im Dezember 1993.

Gubler ist über seine Funktion als Geschäftsführer der Kies AG hinaus auch alleiniger Delegierter des Verwaltungsrats in der FBB Holding AG sowie in 14 anderen Unternehmen, darunter in den Tochterfirmen der Holding. Nicht nur Zug wird Steuergelder aus der Kiesgrube Tagelswangen erhalten, sondern indirekt auch der Kanton Schwyz: Gubler wohnt in Wollerau. Dem Dorf Tagelswangen bleiben die Emissionen: Lärm und Staub. Wenn es denn dabei bleibt.

Nachteil für Hochtech-Firma

Die Gegner fürchten, dass in der Kiesgrube in Tagelswangen auch gesprengt wird. Das Gestein im Gebiet liegt dicht. «Staub, Lärm und Erschütterung können unseren Produktionsprozess empfindlich stören», sagt Peter Meier, Geschäftsführer der Micronel AG in Tagelswangen. Sie stellt hochsensible Lüftungen für die Medizinaltechnologie her. Peter Meier hat deswegen 2009 einen Brief an Regierungsrat Markus Kägi geschrieben.

Auf mögliche Sprengungen angesprochen sagt Gubler, dass heute die Baggermaschinen viel mehr PS liefern als in früheren Jahren: «Wir von der Kies AG haben nie gesprengt. Wir werden auch in Tagelswangen nicht sprengen.»

Kägi wiederum verweist in seiner Antwort an Meier auf den kantonalen Gestaltungsplan, der derzeit erarbeitet wird. Sobald er öffentlich aufliegt, sind Einsprachen möglich. Vielleicht können die Gegner der Kiesgrube noch Einzelheiten beeinflussen. Doch die Vorgeschichte zeigt: Kies geht vor. (Christian Felix / Landbote)

Das graue Gold wird rar
«Die Schweiz gehört im wahrsten Sinn des Wortes zu den steinreichsten Länder der Erde», sagt Martin Weder, Mediensprecher der Kiesindustrie. Seit 1950 wird jedoch dieser reiche Kiesvorrat, das graue Gold, in hohem Tempo abgebaut. 
Viele der grossen Vorkommen im Mittelland seien erschöpft, sagt Weder. Ausserdem sind immer weniger Kiesvorräte nutzbar. Sie fallen in Natur- und Grundwasserschutzgebiete oder wurden überbaut — wie die Grafik links schematisch zeigt. Damit steigt der Druck auf grosse Kiesvorkommen nahe der städtischen Agglomerationen. (cf)

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