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Hans-Felix Jucker: Der Hobby-Historiker

Nichts ist spannender als Menschen, die etwas zu erzählen haben. Die Serie «Kopf der Woche» stellt solche Personen ins Zentrum. Diesmal erzählt Hans-Felix Jucker aus seinem Leben.

Freitag, 03. Oktober 2014, 14:03 Uhr

Der Boden knirscht in den alten Fabrikhallen der Weberei im Baumer Grünthal. Die Fenster sind leicht milchig, einige Räume stehen leer. Es erinnert nicht mehr viel an den einstigen Betrieb. «Früher war es hier ganz schön laut», meint Hans- Felix Jucker. Eifrig zeigt der ehemalige Fabrikleiter wo was in welchen Ecken gestanden hatte.Wenn Jucker über die Zeit spricht, als in den Fabrikhallen noch Textilien produziert wurden, leuchten seine Augen. «Der Lärm war ohrenbetäubend», erzählt er. An den Fenstern entlang wurden in den Maschinenstrassen zig meterlange Stoffbahnen hergestellt. In allen Farben und Mustern. Besonders waren sie für ihr Plissee-Gewebe bekannt. «Das konnte keiner so wie wir», meint er stolz.

Jucker hat in den Räumen dieser Fabrik seine Kindheit verbracht. Sein Vater, sein Grossvater und auch schon sein Urgrossvater haben die Webereigeführt. Es sei deshalb für ihn immer klar gewesen, dass auch er einmal in die Firma einsteigen werde. «Das war Familientradition», meint er. Andere Berufswünsche seien deshalb gar nie zur Diskussion gestanden. Träume hatte er trotzdem: «Ich wollte in junge Jahren einmal Zirkusdirektor werden», erzählt der Pensionär. Doch dieser Wunsch habe sich schnell zerschlagen. Die Realität holte Jucker schneller ein als gedacht. Er und sein Bruder mussten 1963 nach dem frühen Tod seines Vaters die Führung des Betriebs übernahmen. «Ich war sehr jung und musste erst in diese Aufgabe hinein wachsen», sagt Jucker. Das sei nicht immer ganz einfach gewesen.

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Bis 1988 hat Jucker zusammen mit seinem Bruder Jaques die Weberei Jucker geführt. Dann mussten sie das Geschäft schliessen. «Das war eine sehr schwere Zeit», erzählt er. Aber die Umstände des Textilmarktes hätten ihnen keine andere Wahl gelassen. Das in der Textilindustrie weit verbreitete Verkaufssystem sei zusammengebrochen. Und alleine hätten sie ihre Ware nicht absetzten können. So hätten sie ihre Waren nicht mehr gewinnbringend herstellen können. «Wir hatten aber Glück im Unglück», meint er. Sie konnten ihre Maschinen, Musterbücher und ihr Know-how an eine andere Weberei verkaufen. Nur wenige Jahre später sei es dann mit der Textilindustrie noch mehr bergab gegangen und auch dieser Betrieb musste schliessen. «Wir hatten den richtigen Moment erwischt um unser Geschäft aufzugeben», sagt er.

Nach dem Verkauf der Firma musste Jucker sein Leben neu ordnen. Zwar gab es in der Weberei immer noch viel zu tun. So mussten etwa die ganzen Räumlichkeiten geleert und viele Akten bearbeitet werden. Aber ihm wurde bewusst, dass er für seinen nächsten Lebensabschnitt eine neue Beschäftigung brauchte. Und diese war schnell gefunden:«Wir hatten viele Originaldokumente herumliegen, die irgendwo gesammelt werden mussten», erzählt er.

Und aus genau diesen Dokumenten entstand Juckers neue Passion. «Mir wurde immer wieder gesagt, dass man alle diese Originale eigentlich öffentlich machen müsste». So begann er die Geschichte seiner Familie und der Weberei aufzuarbeiten. Damit verbrachte er einige Jahre. Jucker sichtete Dokument um Dokument. Transkribierte Texte aus der altdeutschen Schrift und katalogisierte diese. «Diese Arbeit hat mich sehr fasziniert», meint er. Die ganzen Namen und Geschichten, die er aus der Kindheit kannte, aber nie genau wusste wie sie mit der Weberei verbunden waren. Mittlerweile hat Jucker zwei Bücher darüber veröffentlicht. «Ich bin stolz auf meine Familiengeschichte», sagt er.

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Und diese Geschichte ist nun in der ganzen Schweiz bekannt. Denn das Schweizer Fernsehen hat die Weberei für seine Doku-Serie auserkoren. Vor kurzer Zeit durchlebte Jucker also seine Vergangenheit nochmals hautnah. In der Serie «anno 1914»: Leben wie vor 100 Jahren" des Schweizer Fernsehens wurde seine Familien-Geschichte adaptiert. Seine beiden Bücher dienten dem SRF als Vorlage. Während einigen Wochen wurde die Geschichte von der TV-Familie Büchi in der Weberei aufgenommen. Die Szenen wurden alle in der Weberei, in seinem Elternhaus, welches direkt nebenan steht und im naheliegenden Restaurant Löwen gedreht. «Das war eine unglaubliche Zeit». Die Maschinen wurden wieder in Betrieb genommen und die farbigen Stoffbahnen leuchteten wieder in der Halle.

«Anfangs hatte ich Mühe, die Leute so nahe an mein Privatleben zu lassen und unsere Räume der Öffentlichkeit zu zeigen». Gerade das Elternhaus sei ihm schwer gefallen. «Aber es war ein Entscheid, den ich nicht bereut habe», sagt er. Im Sommer wurde die Serie während drei Wochen ausgestrahlt und von der Weberei aus live gesendet. «Der Ansturm war riesig». Es habe ihn geradezu überwältigt. «Ich war überrascht, wie viele an der Geschichte interessiert waren.» Dabei sei es auch zu grossen Wiedersehen gekommen. «Alte Hausmädchen und Arbeiter haben uns besucht.» Das sei sehr schön gewesen.

Wie es nun mit der Webereigebäude weiter geht, weiss Jucker noch nicht. Die «anno 1914»-Zeit hätte ihn sehr inspiriert. «Vielleicht kann man dieser Zeit wieder permanent Leben einhauchen», meint er. Bereits jetzt hat denkt er über verschiedene Möglichkeit für Umnutzung

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