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Erwin Fässler: Der «Heiweh-Bänkler»

Erwin Fässler: Der «Heiweh-Bänkler»

Nichts ist spannender als Menschen, die etwas zu erzählen haben. Die Serie «Kopf der Woche» stellt solche Personen ins Zentrum. Diesmal erzählt der Sozialarbeiter Erwin Fässler aus seinem Leben.

Freitag, 21. November 2014, 18:42 Uhr

Der Mittelpunkt des Universums steht in der Nähe des Baumer Weilers Schindlet. «Meines Universums», fügt Erwin Fässler korrigierend an. Der Mittelpunkt ist das sogenannte Heiweh-Bänkli auf dem früher die aus der Stadt stammenden Bewohner des Blaukreuz-Heims sassen und in der Ferne die Lichter Zürichs leuchten sahen. «Wenn ich dort bin, ist das immer sehr emotional», sagt Fässler. «Mittlerweile kann ich auch verstehen weshalb das Heiweh-Bänkli diesen Namen trägt», sagt er. «Früher konnte ich das nicht.» Fässler ist in Schindlet aufgewachsen, geprägt hat ihn vor allem sein Schulweg. Drei Kilometer, 250 Höhenmeter, 45 Minuten. Zum Essen über Mittag blieb ihm jeweils eine halbe Stunde. Dann musste er wieder los. Noch viel weiter war der verschlungene Weg, der ihn Jahrzehnte später als Tourleiter wieder zurück zum Heiweh-Bänkli führte. Auf dem letzten Wegstück spielten ebenfalls Alkoholkranke eine Rolle. Nach zwölf Jahren Sozialarbeit mit Drogenabhängigen, Trinkern und Obdachlosen merkte Fässler, dass sein Job «an ihm nagte», seine Energie schwand. Der 54-Jährige entschloss sich zu einer Richtungsänderung – und machte sich 2014 als Tourleiter selbstständig. Die Idee, Touristen durch die Schweiz zu führen trug er bereits seit Jahren mit sich herum. Ausländische Freunde, denen er sein Heimatland gezeigt hatte, ermunterten ihn dazu.

Mit seinen «Erwin Tours of Switzerland» lädt er ein, Brauchtum, Geschichte und Regionen der Schweiz zu entdecken – auch das Zürcher Oberland. «Erwins Bench Tour» führt beispielsweise zu den schönsten Sitzbänken in der Region. Und auch das ehemalige «Versteck» des russischen Nobelpreisträgers Alexander Solschenizyn in Sternenberg lässt sich mit Fässler erkunden. «In jeder Tour steckt mein Herzblut.»

Fässler hat einen aufmerksamen Blick, jetzt blitzen die Augen unter den buschigen Augenbrauen hervor. «Wenn ich mit einem Gast ins Zürcher Oberland oder ins Appenzell fahren kann, freue ich mich jedes Mal», sagt er. «Ich kann Geld verdienen, in dem ich Menschen an schöne Orte bringe – das fühlt sich gut an.» Fässlers Touren sind für Paare, Kleingruppen und Firmen gedacht. Ein neunstündiger Trip im weissen Range Rover kostet 295 Franken pro Person.

Am meisten Energie steckte Fässler in die populärste seiner Touren: «Bollywood in der Schweiz» heisst sie. Der 54-Jährige führt Fans der indischen Filmindustrie an verschiedene Drehorte in der Schweiz. Diese hat er mühevoll zusammengesucht. Zum Beispiel, in dem er mit seiner Tochter und einem Laptop mit Filmauschnitten das Berner Oberland abwanderte, bis sie die Brücke über die Saane fanden, auf der die indischen Superstars Shah Rukh Khan und Kajol im Filmklassiker «Dilwale Dulhania Le Jayenge» (DDLJ) tanzten. «Soviel Wissen, wie ich über Bollywood-Drehorte in der Schweiz hat sonst vermutlich keiner», sagt Fässler ohne falsche Bescheidenheit.

Wissen, das sich zu Geld machen lässt, wie der Baumer glaubt – auch wenn viel weniger indische Filmszenen hierzulande gedreht werden als noch in den 90er Jahren. Doch Klassiker kommen nicht aus der Mode. DDLJ läuft in Bombay seit 996 Wochen ununterbrochen – über 19 Jahre lang. «Rund 3,5 Milliarden Menschen schauen Bollywood-Filme», schätzt Fässler. Da ist Potenzial vorhanden.

Zurzeit versucht er in Indien Werbung in eigener Sache zu machen, sich zu vernetzen und «Spuren zu hinterlassen». Noch läuft das Geschäft mit «Erwin Tours of Switzerland» nicht wunschgemäss. «Es braucht wahnsinnig viel Zeit», sagt Fässler und vergleicht die Aufbauarbeit mit einem Puzzle, in dem ein Teil zum nächsten kommt. «Mittlerweile sehe ich aber das ganze Bild.»

Das ganze Bild, glaubte er auch nach seiner Lehre als Flugzeugmechaniker bei der Swissair zu sehen. Allein, es machte keinen Sinn. «Von 7 bis 17 Uhr arbeiten, am Wochenende ‹d`Bire fülle›, sich am Montag wieder aufs Wochenende freuen und mit 65 an einem Herzinfarkt sterben.» Fässler wollte mehr. Nur, er wusste nicht was. Der indische Philosoph und Teosoph Krishnamurti brachte ihn auf die Spur. Fässler reiste mit 22 Jahren erstmals, und eher zufällig, nach Indien – mit vielen Sinnfragen im Kopfgepäck. In einem buddhistischen Kloster hatte er ein Erweckungserlebnis, das «ihn tief berührte» – und vor allem: Sinn machte.

Der Baumer vertiefte sich in die Religion, lernte viel über Achtsamkeit und entschloss sich auf seiner dritten Asien-Reise buddhistischer Mönch zu werden. «Ich suchte die Erleuchtung», sagt er. Die Mundwinkel zucken, die Vorstellung scheint ihn zu amüsieren. Doch statt den wie von ihm gewünschten drei Monaten hätte er sich als Mönch für drei Jahre verpflichten müssen. «Eine Ewigkeit.» Fässler sagte zu.

An Widerstand kann ein Mensch wachsen und Tösstaler sind bisweilen stur. Der Baumer lebte in Klöstern in Sri Lanka und Burma und lernte – gerade bei den mehrmonatigen Schwei-gemeditationen – viel über sich selbst. Sein Fazit fällt rückblickend schonungslos ehrlich aus. «Ich versuchte mit grosser Gier den Zustand von Gierlosigkeit zu erreichen.» Der Baumer härtet den Satz noch einmal, in dem er anfügt: «Leider realisierte ich erst nach über zwei Jahren, dass es nicht aufgeht.»

Fässler hat die Distanz, um sich zu reflektieren und einzuschätzen. Er meditiert nach wie vor täglich, der buddhistischen Lehre ist er verbunden geblieben. Die westliche Verklärung der Religion mit dem Dalai Lama als Gallionsfigur stellt er jedoch in Frage. Der Buddhismus sei hier fast ausschliesslich positiv besetzt, der Islam fast nur negativ. Für Fässler eine viel zu einfache Sichtweise.

Mit Vorurteilen und Klischees kämpfte er auch nach seiner Rückkehr in die Schweiz. Viele Menschen, denen er von seiner Vergangenheit m Kloster erzählte, begegneten ihm mit falschen Erwartungen. Er sei kein Asket und «ein Mensch mit positiven und negativen Seiten – wie jeder andere», stellt Fässler klar. Über Religionen redet er zwar gerne, über Spirituelles weniger. «Ich spreche lieber mit einem Bauern über Frauen und Autos als mit Meditations-Einsteigern über ihre Erlebnisse.» Mit kariertem Hemd, Jeans und Appenzeller Chüeligurt strahlt der Tösstaler denn auch eher Bodenständigkeit aus.

Fässler gehört zu den Schweizern, die erst einmal weggehen mussten, um die Schönheit ihres Heimatlandes richtig zu schätzen – auch wenn seine Liebe zur hiesigen Landschaft und Kultur früh während «zweier Sommer als Zusenn auf der Rautialp keimte», wie er erzählt. Könnte er als Weitgereister eher auf die Heimat oder die Fremde verzichten? Der Baumer zögert keinen Moment mit der Antwort: «Ich könnte nicht mehr im Ausland leben.» Besonders die Schweizer Berge würden ihm fehlen. «Für mich sind sie die besten Psychotherapeuten.» Auf die Frage, was für ihn Heimat sei, antwortet er ähnlich schnell: «Das Heiweh-Bänkli.» Allerdings hat die Gemeinde Bauma dessen Standort um 30 Meter verschoben. Fässler wünscht sich, dass das Heiweh-Bänkli wieder dort aufgestellt wird, wo es früher war: an der Strasse nach Schindlet hoch, in einer Kurve hinter der Leitplanke, an bester Aussichtslage. Oder etwas weniger profan ausgedrückt – im Mittelpunkt des Universums.

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