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«Beim Rauchen müssten die Alarmglocken schrillen»

Die Gesellschaft verändert sich, auf Drogen ist sie nach wie vor. Ein Gespräch mit den Co-Leitern der Fachstelle Sucht des Bezirks Pfäffikon über falsche Vorstellungen, die Kiffer-Dichte im Bezirk und den Versuch, kontrolliert zu trinken.

Nikolas
Lütjens
Donnerstag, 03. August 2017, 06:59 Uhr
Fachstelle Sucht Pfaeffikon
Effretikon , 07.06.2017 / Interview mit Dominique Dieth und Katharina Dinter von der Fachstelle Sucht des Bezirks Pfäffikon . Bild: Nathalie Guinand
In der Fachstelle Sucht erarbeiten Dominique Dieth und Katharina Dinther die Ziele zusammen mit ihren Klienten. (Bild: Nathalie Guinand)


Was verbirgt sich hinter einer Sucht?

Dominique Dieth: Bei einer Sucht gibt es verschiedene Faktoren: Person, Substanz, Umgebung. In der Medizin spricht man von Sucht, wenn jemand die Kontrolle über eine Substanz oder ein Verhalten verliert. Zum Beispiel dann, wenn jemand immer mehr Alkohol trinken muss, um dieselbe Wirkung zu erreichen. In der Beratung ist es aber nicht zentral, die Ursachen zu benennen. Wichtig ist, wo ein Klient hin will. Zusammen suchen wir Strategien. 
 
Was raten Sie einem Suchtkranken; wie soll er sich mit sich selbst auseinandersetzen?

Dieth: Er soll pragmatisch vorwärts schauen und sich fragen. Was brauche ich im Alltag um so unterwegs sein zu können, wie ich will? Um den Job zu behalten, um Kontakte aufrecht zu erhalten.

Katharina Dinter: Eine weitere Frage ist: Wie kann ich das, was mir die Substanz gibt, anderweitig bekommen?
 
Ein Loch oder die Einsamkeit zu füllen, ist schwierig.  
Dinter: Je früher eine Person mit dem Konsum beginnt, desto schlechter kann sie mit Leerzeit umgehen. Vielfach haben diese Menschen keine Hobbys. 
Dieth: Dann wird die Suchtberatung zur Lebensberatung. 
 
Was heisst das konkret?
Dinter: Wir versuchen miteinander etwas zu entwickeln. Bei Jugendlichen  geht es oft darum einen anderen Kollegenkreis zu finden, an anderen Orten in den Ausgang zu gehen. 
Dieth: Bei Erwachsenen gilt es die vorhandenen Ressourcen zu nutzen. Ein Beispiel: Ich habe eine Klientin, die seit langem keinen Job mehr hat. Nun haben wir ihr einen Platz in der Freiwilligenarbeit verschafft. Sie hat wieder eine Tagesstruktur, erfährt eine Riesenbestätigung. Das ist eine Basis um andere Probleme anzugehen. 
 
Gibt es Sucht-Auffälligkeiten im Bezirk Pfäffikon?
Dieth: Wir können nur über die Personen reden, die zu uns kommen. Es gibt sicher bei uns dahingehend einen Trend, dass auffällig viele junge Männer Cannabis konsumieren und handeln. Vor allem Eltern stufen das als problematisch ein... 
 
Cannabis ist in der Schweiz seit Jahrzehnten ein Politikum. Meist geht es um Parteiinteressen und nicht um eine Lösungsfindung. Was vertreten Sie für einen Standpunkt?
Dieth:  Cannabis ist ein Problem. Hauptsächlich für junge Menschen, die mit 13, 14 viel konsumieren und dann diverse Entwicklungsaufgaben nicht mehr wahrnehmen können: für sich selbst Verantwortung übernehmen, Konflikte bearbeiten, sich der Realität stellen.
Dinter: Nicht Cannabis als solches ist das Problem, sondern das jugendliche Alter. Wenn ein 40-Jähriger am Wochenende kifft, ist das medizinisch relativ unbedenklich. 
Dieth: Beim Rauchen müssten viel eher die Alarmglocken schrillen. Tabak ist als Substanz gefährlicher.  
Dinter: Falls es aber je zu einer Legalisierung von Cannabis kommt, bräuchte es viele begleitende Massnahmen im Jugendschutz. Zum Beispiel eine Abgabe erst ab 18 Jahren.
 
Rund ein Viertel Ihrer Klienten sind Jugendliche. Ich behaupte, keiner von ihnen meldet sich freiwillig. 
Dieth:  Das stimmt nicht. Es gibt sehr wohl Jugendliche, die aus eigenem Antrieb zu uns kommen und sagen: Ich muss meinen Konsum ändern. Aber es gibt natürlich auch diejenigen, die einen Anstoss brauchen, zum Beispiel von den Eltern.  
 
Viele Jugendliche stellen sich eine Beratungsstelle spiessig vor. Was tun Sie dagegen? 
Dieth:  Unsere Chance ist das Erstgespräch. Dort müssen wir kompetent und einfühlsam wirken. Wenn uns das gelingt, ist eine Arbeitsbeziehung möglich. Sehr beliebt, gerade bei Jugendlichen, ist das Konsumtagebuch. Sobald sie es zu führen beginnen, geht ihr Konsum meist zurück. Die meisten gefährdeten Personen kommen aber nicht zu uns. Erfahrungsgemäss erreichen wir nur rund drei Prozent der Leute, bei denen eine Beratung vermutlich hilfreich wäre.
  
Alkohol ist nach wie vor die Hauptdroge. Sie bieten im Herbst einen Kurs an für «kontrolliertes Trinken». Anderswo hat man damit offenbar gute Erfahrung gemacht. Eine Zeitung titelte: «Der Klügere kippt nach.» Ist dem tatsächlich so?
Dieth: Abstinenz ist für ganz viele Menschen der richtige Weg, aber es gibt auch Menschen, die versuchen wollen, kontrolliert zu trinken. Sie müssen sich dabei eins bewusst sein: Der Anspruch ist hoch.  
Dinter: Etwas gar nicht zu nehmen, ist einfacher als von einer Substanz von der man abhängig war, wenig zu nehmen. 
Dieth: Wir sind gespannt, ob wir den Kurs füllen können. Für viele kann er ein Einstieg sein ins Thema. Eine Möglichkeit ins Gespräch zu kommen, die Reflexion zu fördern und zu überlegen, was es braucht um das Wohlbefinden zu fördern.«»
 
Inwiefern versuchen Sie die Zielsetzung Ihrer Klienten zu beeinflussen? 
Dinter: Ziele erarbeiten wir immer mit den Klienten zusammen. Aber wir versuchen schon auch zu steuern. Unsere anderen Auftraggeber sind schliesslich die Steuerzahler. Wir sind von den Gemeinden des Zweckverbandes angestellt. Und diese wollen möglichst wenig Leute, die auf Sozialhilfe angewiesen sind oder Raubbau betreiben mit ihrer Gesundheit. 
 
Wie messen Sie den Erfolg Ihrer Arbeit?  
Dieth: Für mich ist Suchtberatung ein Beziehungsgeschäft. Wenn ein Klient rückfällig wird und mir davon nichts erzählen will, dann ist das seine Entscheidung. Wenn wir im Gespräch bleiben können, in guten wie in schlechten Zeiten, ist das Ziel erreicht.

 

Sozialarbeiterin Katharina Dinter (64) und Psychologe Dominique Dieth (49) bilden seit November 2016 das interdisziplinäre Team der Fachstelle Sucht des Bezirks Pfäffikon. Zusammen teilen sie sich 150 Stellenprozente und kümmern sich an den Standorten Pfäffikon und Effretikon jährlich um rund 75 Fälle. Hauptsächlich geht es dabei um Suchtmittel, vereinzelt um Glückspiel oder Online-Sucht. Die Fachstelle ist ein Angebot des Sozialdiensts Bezirk Pfäffikon. Der Zweckverband wurde 1956 von den politischen Gemeinden gegründet.

 

Im Alltag hat sie funktioniert und gelitten. Bis es nicht mehr ging.
Eine 60-jährige Alkoholikerin aus dem Bezirk berichtet von ihrer Sucht.


«In den Alkohol flüchtete ich, als die Probleme im Geschäft grösser wurden. Ich arbeitete acht Jahre in einem staatsnahen Betrieb. Mit der Zeit wurde es schlimmer. Die anderen Mitarbeiter begannen mich zu mobben. Zuhause trank ich, um zu vergessen. Unter der Woche vorerst wenig, am Wochenende jeweils eine Flasche Wein pro Tag. Dann mehr und immer mehr. Als ich eines Morgens im Geschäft für Fehler verantwortlich gemacht wurde, die ich nicht begangen hatte, war die Grenze erreicht: Ich konnte nicht mehr. Ich musste mich krank schreiben lassen. Und trank weiter.

Bis zu dem Tag als meine Tochter im Spital operiert wurde. Ich hätte meinen Enkel hüten sollen – und vergass den Termin. Meine Tochter rief entnervt an. Ihre zweite Frage war: «Mami, hast du wieder getrunken?» Ich sagte, ja. Sie drängte mich dazu Hilfe anzunehmen. Falls ich es nicht tue, würde ich meinen Enkel nicht mehr sehen. Das wollte ich unbedingt vermeiden. Ich wurde an die Fachstelle Sucht des Bezirks Pfäffikon vermittelt. Nach einem Abklärungsgespräch verschaffte mir Frau Dinter einen Platz im stationären Entzug in einer Suchtfachklinik.

Das ist mittlerweile ein halbes Jahr her. In der Zwischenzeit hatte ich einzelne Rückfälle, insgesamt habe ich aber an Stabilität gewonnen. Alkohol habe ich keinen mehr zuhause. Das Schwierigste ist die Zeit zu füllen, den Alltag ohne äussere Strukturen zu bewältigen. Ich arbeite deshalb nun zwei Tage pro Woche in einer Institution des blauen Kreuzes. Das gibt mir Halt. Ich gehe auch zum Psychiater, in die Suchtberatung und nehme an Kursen teil. So werde ich immer wieder neu motiviert, den Alkohol im Griff zu haben.

Ich versuche nun auch meinen Zigarettenkonsum zu reduzieren. Ganz aufhören will ich mit beidem nicht. Was bleibt mir dann noch? Kontrolliert konsumieren ist schwierig, aber wer einen genügend grossen Willen hat, bringt viel hin. In der Therapie habe ich ein Bild gemalt. Es zeigt den Weg hin zu einem Leuchtturm. Am Anfang liegen da grosse Steine, dann werden sie immer kleiner. Ich glaube, über die grossen Steine bin ich mittlerweile hinweg.»

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