×

Schweiz will mehr gegen Armut tun

Schweiz

Schweiz will mehr gegen Armut tun

In der Schweiz sind über eine Million Menschen von Armut betroffen oder bedroht. Bund, Kantone, Städte und Gemeinden haben am Dienstag an der Konferenz gegen Armut in Biel eine Fortsetzung ihrer Präventionsbemühungen vereinbart.

SDA
Artikel
Dienstag, 22. November 2016, 15:52 Uhr Schweiz
Der Bund, die Kantone und die Gemeinden haben sich verpflichtet, die Bildungschancen von Kindern aus benachteiligten Familien zu verbessern. (Bild: Keystone)

Der Bund, die Kantone und Gemeinden haben sich in Biel an der Konferenz gegen Armut in einer gemeinsam unterzeichneten Erklärung verpflichtet, die Bildungschancen von Kindern aus benachteiligten Familien zu verbessern, wie das Bundesamt für Sozialversicherungen (BSV) mitteilt.

Jedes sechste Kind ist armutsgefährdet. Zum Artikel>>

Frühe Förderung ist wichtig

Bei den älteren Kindern und Jugendlichen steht der Erwerb von Grundkompetenzen und der Abschluss einer beruflichen Ausbildung im Vordergrund. Frühe Förderung sei ein wirkungsvolles Mittel zur Erhöhung der Bildungschancen von Kindern aus sozial benachteiligten Familien, heisst es in der Erklärung.

Zudem soll die soziale und berufliche Integration gefördert werden. Denn sie schütze nachhaltig vor Armut. Schliesslich sollen auch die Lebensbedingungen von Familien und armutsbetroffenen Menschen verbessert werden. In den kommenden zwei Jahren sollen Strategien evaluiert und aufgrund der Resultate das nationale Programm weiterentwickelt werden.

Positive Bilanz

Bundesrat Alain Berset nutzte die Konferenz auch dazu, eine erste positive Bilanz zum Nationalen Programm gegen Armut zu ziehen. Das 2014 lancierte Programm wird gemeinsam von Bund, Kantonen, Städten und Gemeinden sowie Organisationen der Zivilgesellschaft getragen.

Durch die Unterstützung zahlreicher Anlässe habe das Nationale Programm zur Vernetzung der verschiedenen Akteure und zum Wissensaustausch beigetragen, heisst es. Gewisse bisher kaum behandelte Problematiken seien aufgegriffen worden, darunter beispielsweise das Thema Wohnen. Zudem habe das Programm mit der Förderung von Pilot- und Modellprojekten in den Bereichen Frühförderung, Berufswahl und Nachholbildung neue Impulse gegeben.

An der nationalen Konferenz gegen Armut haben über 350 Fachleute aus der ganzen Schweiz Gelegenheit erhalten, ihre Erfahrungen zu teilen und sich über den Stand der Forschung sowie die ersten Resultate des Programms auszutauschen.

Armut findet oft im Schatten statt

In seiner Begrüssungsansprache sagte der Bieler Stadtpräsident Erich Fehr, in der Schweiz werde die Armut oft gar nicht in der Öffentlichkeit wahrgenommen. «Sie findet gewissermassen im Schatten statt», sagte der SP-Politiker.

Viele Menschen, die von Armut betroffen seien, würden sich gar nicht erst bei den öffentlichen Sozialdiensten melden. «Manchmal aus Unwissenheit, aber manchmal eben auch aus Scham», sagte er.

Angst vor Sozialhilfe

Jean-Pierre Tabin, Professor an der Hochschule für Sozialarbeit und Gesundheit in Lausanne, verwies darauf, dass heute vor allem auf den Missbrauch der Sozialhilfe insistiert werde. Dabei gebe es sehr viele Menschen, die gar nicht erst Sozialhilfe beanspruchten, obwohl sie Anrecht auf Leistungen hätten.

Er führte dieses «bedeutende soziale Problem» unter anderem auf die Bürokratie, die Unkenntnis des Systems, das komplexe Dispositiv oder ganz einfach die Angst vor Diskriminierung oder Stigmatisierung zurück. Diese Menschen müssten in die Konzeption der Sozialpolitik und die Reformen der Sozialhilfe einbezogen werden, forderte er.

Appell von Caritas

Caritas Schweiz hat im Vorfeld der Armutskonferenz einen Appell an Sozialminister Alain Berset gerichtet. Armut dürfe nicht bloss durch Leistungen aus der Sozialhilfe bekämpft werden. Oberstes Ziel müsse es sein, Armut zu verhindern. Dazu brauche es Investitionen auf der Ebene des Bundes, die bei den Ursachen der Armut ansetzen.

Weil mangelnde Bildung Armutsursache Nummer eins sei, fordert Caritas in ihrem Appell dazu auf, dass der Bund ein stärkeres Engagement für gezielte Weiterbildung und Nachholbildung an den Tag legt. Um der Familienarmut Herr zu werden, brauche es Ergänzungsleistungen für Familien.

Gerade angesichts der oft zu vernehmenden Sparparolen müsse daran erinnert werden, dass es langfristig billiger sei, Armut zu vermeiden, als Armut zu bekämpfen oder zu lindern, schreibt Caritas.

Nur die Hälfte bezieht Sozialhilfe

In der Schweiz sind rund sieben Prozent der Bevölkerung oder mehr als eine halbe Millionen Menschen arm und 13,5 Prozent armutsgefährdet. Im Jahr 2014 haben 262'000 Menschen Sozialhilfe bezogen.

Kommentar schreiben

Kommentar senden