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Dieb machte Seniorin zur Invaliden

In Wetzikon entreisst ein Rumäne einer Seniorin die Tasche. Mit verheerenden Folgen: Die Frau stürzt und verletzt sich dabei so schwer, dass sie zeitlebens invalid bleibt. Der Täter und sein Komplize wandern für Monate in Haft, kommen dann vor Gericht – und sind seither wieder frei.

Ernst
Hilfiker
Donnerstag, 20. Februar 2014, 19:47 Uhr

Der eine im Auto, der andere im Zug, reisten am 3. Mai 2013 zwei Rumänen nach Wetzikon. Die da- mals 23- und 57-jährigen Kollegen wollten «Auto- Ersatzteile suchen» und dann in ihrer Heimat verkaufen, sagten sie, als sie kürzlich vor dem Bezirksgericht Hinwil standen. Falsch, sagte die Staatsanwältin, das Duo sei als «Kriminaltouris- ten» in die Schweiz gekommen und habe «minutiös geplant», einen Diebstahl zu verüben.

«Wollen Sie so weiterleben?»

Und laut Staatsanwältin geschah dann Folgendes: Der Jüngere der beiden sah gegen 14 Uhr bei der Migros eine Seniorin, die eine Papiertragtasche in der Hand hielt. Da er im Papiersack eine Handtasche sowie Bargeld vermutete, entriss er der Frau von hinten die Tasche (wir berichteten). Die 82-Jährige stürzte – und in diesem Moment wurde «ein Leben zerstört», wie es die Staats- anwältin formulierte. Denn die Seniorin zog sich beim Sturz schwere Verletzungen zu und musste mehrere Wochen im Spital und der Rehabilitation verbringen; längere Zeit mit gelähmten Beinen. Ihr Zustand war derart bedrohlich, dass ein Arzt laut ihrem Anwalt sie gefragt hatte, «wollen Sie so weiterleben oder lieber sterben?».

Der Dieb hatte vorerst Erfolg: In der Tasche befand sich tatsächlich ein Portemonnaie, das mit 1000 Franken gut gefüllt war. Ein beherzter Zeuge verfolgte den Täter jedoch mit dem Velo und fuhr absichtlich in ihn hinein. Deshalb musste der Rumäne die Beute fallen lassen und wegrennen und konnte nicht wie verabredet ins war- tende Fluchtauto seines Kollegen einsteigen. Drei Wochen später wurde das Duo gefasst.

Mittäter mit zwölf Vorstrafen

Für die Staatsanwältin handelten die beiden Rumänen gemeinsam. Und das, was sie machten, sei «eine abscheuliche Tat» gewesen. Sie forderte für den Jüngeren wegen Diebstahls und fahrlässiger, allenfalls eventualvorsätzlicher schwerer Körperverletzung eine Freiheitsstrafe von 18, allenfalls 24 Monaten bedingt.

Der Ältere des Duos, nach Überzeugung der Anklägerin der Chef, solle wegen Diebstahls für 30 Monate hinter Gitter. Dies, obwohl er zwar nur der Fahrer des Fluchtautos war, jedoch schon zwölf Vorstrafen in mehreren Ländern hat.

Opfer lebt heute in Pflegeheim

Der Anwalt der Seniorin forderte zusätzlich noch eine Genugtuung von 50'000 Franken und Schadenersatz. Das Opfer, eine einst vitale Frau, die trotz ihrer 82 Jahre noch Auto fuhr, reiste und ihren Haushalt besorgte, sei abrupt aus ihrem guten Leben und ihrer gewohnten Umgebung gerissen worden. Heute muss sie in einem Pflegeheim betreut werden, sitzt im Rollstuhl und leidet noch immer unter Schmerzen.

Einfach dumm gelaufen?

Der Mann, der den Entreissdiebstahl begangen hatte, zeigte sich vor Gericht geständig; sein Komplize, der Fluchtautofahrer, nicht. Der Dieb sagte, er habe aus Geldmangel gehandelt und weil er nichts mehr zu essen gehabt habe. Sein Verteidiger forderte eine Strafe von maximal neun Monaten bedingt. Es liege hier «eine Bagatelltat» vor, die nur «durch unglückliche Umstände» derart tragische Folgen nach sich gezogen habe. Quasi unvorhersehbare Folgen, die man bei der Strafzumessung nicht berücksichtigen dürfe.

Die Verteidigerin des Fahrers verlangte einen Freispruch. Es gebe «keinerlei Beweise für eine Tatbeteiligung» des Mannes.

Aus der Haft in die Freiheit

Das Gericht verurteilte die Männer wegen Diebstahls, den Jüngeren zusätzlich wegen fahrlässiger schwerer Körperverletzung. Er fasste 20 Monate bedingt und muss dem Opfer 20'000 Franken Genugtuung zahlen sowie Schadenersatz. Der Ältere wurde mit zehn Monaten unbedingt bestraft.

Beide Männer sassen seit ihrer Festnahme vor über acht Monaten ununterbrochen im Gefängnis. Das Hinwiler Urteil hat zur Folge, dass die zwei Rumänen nun wieder frei sind. Dies, da der eine ja nur eine bedingte Strafe fasste und der andere gleich nach dem Prozess mit Erfolg ein Haftentlassungsgesuch stellte.

Doch auch wenn die zwei Kollegen zwar als verurteilte, aber eben freie Männer nach Hause zurückkehrten, machte der vorsitzende Richter vor allem an die Adresse des Jüngeren klar: «Was Sie angerichtete haben, war massiv: eine fitte Frau quasi zur Invaliden gemacht». Doch der Sturz der Seniorin beim Entreissen der Tasche sei eben «nur» fahrlässig erfolgt, also nicht gewollt, deshalb gab es auch keine Verurteilung wegen der rechtlich schwerwiegenderen vorsätzlichen Körperverletzung.

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