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Wenn Dolmetschen das Leben gefährdet

Die Anschläge vom 11. September 2001 haben das Leben von Maya Hess in New York auf den Kopf gestellt. Das Schweizer Fernsehen porträtiert die gebürtige Walderin am Sonntag in der Sendung «Reporter».

Freitag, 09. September 2011, 21:09 Uhr

Als am 11. September vor 10 Jahren zwei Flugzeuge in die Türme der Twin Towers in New York krachten, arbeitete die gebürtige Walderin Maya Hess zu Hause in Chelsea, einem Quartier in Manhattan. Voller Angst rief sie in der Uno-Schule an, wo ihre Tochter Ila war. «Doch ich habe ­niemanden erreicht.» Riesig die Erleichterung, als ihr Kind zusammen mit Schulfreunden nach Hause kam. Eines der Mädchen wohnte im Gebiet des heutigen Ground Zero und wusste nicht, ob ihre Eltern noch lebten. Maya Hess leitete zu dieser Zeit ihre eigene Übersetzungsfirma. Die Folgen der Terroranschläge veränderten ihr Leben; das Schweizer Fernsehen hat sie für die Sendung «Reporter», die am Sonntag um 21.45 Uhr ausgestrahlt wird, eine Woche lang in den USA begleitet. Sprachlich fühlt sie sich nach fast 30 Jahren in New York mehr als ­Amerikanerin denn als Schweizerin. Ihrem Deutsch ist kaum etwas an­zumerken, doch am Telefon sagt sie: «Mir ist lieber, wenn ich die Fragen per Mail beantworten kann. Ich bin schon so lange ennet em Teich.» Anfang der achtziger Jahre hatte sie ihre Schwester in den Staaten besucht. Bald war klar, dass sie in New York ­leben wollte. «Es ist eine pulsierende und lebendige Stadt.»

Mitarbeiter auf Anklagebank

Nachdem sie in einer Übersetzungsagentur gearbeitet hatte, gründete die Gerichtsdolmetscherin 1992 eine eigene Firma, die auf Terrorismus-fälle spezialisiert war. Ihr Aufgaben­bereich als Sprachsachverständige umfasste die Analyse des sogenannten Surveillance-Materials – abgehörte Gespräche, abgefangener E-Mails oder Internet-Recherchen – und die Bearbeitung anderer Beweismittel.

Die Agentur lief gut. In Spitzenzeiten beschäftigte Hess rund 80 Mitarbeiter. Dann kam der 11. September. Und Maya Hess musste zusehen, wie einer ihrer ehemaligen Mitarbeiter, Mohamed Yousry, der Beihilfe zum Terrorismus angeklagt und verurteilt wurde – denn sie begleitete den Fall mit ihrer Agentur. Yousry hatte im Gefängnis Gespräche zwischen der umstrittenen Anwältin Lynne Stewart und ihrem Mandanten, Sheik Omar Abdel Rahman, gedolmetscht. «Rahman gilt als spiritueller Führer einer Organisation in Ägypten, die von den USA als terroristisch eingestuft und für das Attentat in Luxor verantwortlich gemacht wird.» Weil er an ge­planten Attentaten in New York beteiligt war, wurde er 1995 zu lebenslanger Haft verurteilt.

«Die Anwältin hat in einem Interview mit einem Journalisten Details aus den Gesprächen zwischen ihr und Rahman bekannt gegeben und so eine Gefängnisregel verletzt – das Redeverbot», sagt Hess weiter. 2002, mehr als eineinhalb Jahre nach dem Gespräch, wurde Lynne Stewart verhaftet, genauso wie der Dolmetscher. «Dabei war er bei diesem ­Gespräch gar nicht dabei.»

«Permanent im Rückstand»

Dieses Urteil habe dramatische Folgen für ihren Berufsstand gehabt. «Zum ersten Mal in der Rechtsgeschichte der USA wurde ein Dolmetscher für die Strategie und Handlungen einer Anwältin und den Inhalt der Mandantengespräche verantwortlich gemacht.» Jetzt gebe es einen Präzedenzfall, der diesen Beruf krimina­lisiere. Dabei spielten Dolmetscher und Übersetzer eine wichtige Rolle im Krieg gegen den Terrorismus und trügen zur Sicherheit der Welt bei.

Lesen Sie mehr dazu im ZO/AvU vom Samstag, 10. September.

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